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Corona

Corona-Schutz: Sind Einmalhandschuhe immer nötig?

Hygiene, Hygiene, Hygiene – so lautet das Gebot der Stunde. Doch bedeutet das für Pflegekräfte, bei jeder Tätigkeit Einmalhandschuhe zu tragen? Wir sprachen mit Martin Exner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene     

pflegen-online.de: Herr Prof. Exner, Sie sind ein renommierter Fachmann für Hygiene und Infektionsschutz. Pflegekräfte können den coronabedingten Mindestabstand nicht einhalten, weil sie nah an den Patienten und Heimbewohnern arbeiten. Beobachten Sie, dass Pflegekräfte häufiger Einmalhandschuhe anziehen – gerade jetzt, wo hoch ansteckende Virusmutationen grassieren?

Martin Exner: Es ist sicher so, dass Pflegekräfte darauf deutlicher zurückgreifen. Wobei die Hände als Übertragungsweg von Covid-19 hinter Mund und Nase stehen, und eine Mund-Nasen-Maske zum Schutz vor Covid-19 noch wichtiger als ein Händeschutz ist.

Pflegekräfte wollen sich vor einer Ansteckung mit Covid-19 schützen und das Virus nicht weitertragen. Wie gut sind die Schutzhandschuhe dafür geeignet?

Sie sind gut geeignet, wenn Pflegekräfte Einmalhandschuhe bei vorhersehbarem oder wahrscheinlichem Kontakt mit Körperausscheidungen tragen. Denn dann müssen sie davon ausgehen, dass es zu einer Kontamination kommen kann. In diesem Fall sind keimfreie, medizinische Einmalhandschuhe zu verwenden. Aber man muss darauf achten, dass die Handschuhe nur auf vollständig trockene Hände angelegt werden, damit sich während der Arbeit der Handschuhschaft nicht mit Hautbakterien anfüllt. Bevor die Pflegekraft zum nächsten Patienten geht, muss sie die Handschuhe sicher ausziehen und entsorgen. Und nach dem Ablegen von Einmalhandschuhen ist immer eine Händedesinfektion notwendig.

[Link-Tipp: In diesem YouTube-Video sehen Sie, wie Sie Einmalhandschuhe sicher ausziehen]

Schützen Einmalhandschuhe auch die Patienten und Heimbewohner?

Einmalhandschuhe sind sehr sicher, wenn sie nur bei einem Patienten angewendet werden, und die Pflegekraft mit den Handschuhen nicht von Patient zu Patient geht. Einmalhandschuhe schützen sowohl den Träger als auch den Patienten. Aber sie müssen regelmäßig gewechselt werden. Man darf nicht denken: Ich trage ja Handschuhe, also bin ich geschützt.

[Zum Thema tatsächliche und vermeintliche Schutzfunktion von Einmalhandschuhen empfehlen wir Ihnen auch unseren Artikel Keimschleuder Einmalhandschuhe – einer der Top 10 auf  pflegen-online]   

Das erfordert Umsicht und Disziplin.

Genau. Der richtige Gebrauch von Einmalhandschuhen sollte natürlich auch trainiert werden. Deswegen legen wir als Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene so großen Wert auf die Händehygiene. Auch Ärzte sollten im Medizinstudium darin Unterricht bekommen. Wir sagen: Mindestens 20 Stunden müssen während des Medizinstudiums für Fragen der Krankenhaushygiene vorgesehen werden. In manchen Fakultäten sind es heute nur zwei bis vier Stunden. Das reicht natürlich hinten und vorne nicht.

Im zwischenmenschlichen Umgang mit Patienten und Heimbewohnern bauen Einmalhandschuhe eine Barriere auf. Sie vermitteln: Ich muss mich vor dir schützen! Ein fatales Signal. In welchen Situationen kann Pflegepersonal auch unter Coronabedingungen auf die Schutzhandschuhe verzichten?

Pflegekräfte sollten sich immer fragen: Wobei kann ich meine Hände sichtbar verunreinigen? Bei all diesen Arbeiten sollten sie Handschuhe tragen.

Konkret?

In Situationen, wo Pflegepersonal mit Blut oder Serum, mit Urin, Kot, Schweiß oder einer offenen Wunde in Berührung kommt oder kommen kann, sollte es Einmalhandschuhe tragen. In allen anderen Situationen können Einmalhandschuhe weglassen werden – also zum Beispiel beim Essen anreichen, beim Gesicht waschen oder beim Thrombosestrümpfe anziehen. Die Haut stellt eine sehr gute Schutzbarriere dar, sie ist wie ein Art Handschuh. Aber bevor eine Pflegekraft zum nächsten Patienten geht, sollte sie sich die Hände desinfizieren.

Wie ist es beim Rücken eincremen?

Dabei sollten Pflegekräfte Einmalhandschuhe tragen, weil sie über das Einfetten der Hände Hautpartikel, Schweiß und Bakterien vom Patienten aufnehmen.

Viele alte Menschen haben einen Mangel an Körperkontakt. Dabei sind Berührungen wichtig für die Gesundheit und das Wohlbefinden. Menschen mit Demenz sind häufig sogar nur noch über Berührungen zu erreichen. Wie geht das mit Einmalhandschuhen zusammen?

Ich glaube, dass demente Menschen das nicht unbedingt realisieren, wenn die Pflegekraft Einmalhandschuhe trägt. Gerade der Umgang mit Demenz-Patienten ist aus krankenhaushygienischer Sicht ein schwieriges Thema. Aber Schutzhandschuhe spielen dabei nur eine geringe Rolle. Ein Teil der Covid-19-Infektionen in Altenheimen geht auf demente Patienten zurück, die sich nicht richtig verhalten können, weil sie zum Beispiel vergessen haben, wo ihr Zimmer ist und sich in ein fremdes Bett legen, ohne das zu realisieren.

In vielen Situationen können Einmalhandschuhe weggelassen werden –  zum Beispiel beim Essen anreichen, beim Gesicht waschen oder beim Thrombosestrümpfe anziehen.

Haben Sie einen abschließenden Rat, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Stationen sich aktuell am besten schützen können?

Durch gewissenhafte Einhaltung der klassischen Hygieneregeln. Ich sage immer: Handle so, als ob du oder dein Gegenüber Covid-19-positiv wäre. Das heißt: Auch im Pausenraum ausreichend Abstand halten und gegebenenfalls einen Mund-Nasen-Schutz tragen.

Interview: Martina Janning

Foto: jens schuenemann jps-berlin.de

Corona

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Foto: Jens Schünemann

Hygiene

Darf man Einmalhandschuhe desinfizieren?  

Ja, in gewissen Situationen ist das möglich, sagt das Robert Koch-Institut. Es müssen 5 Voraussetzungen gegeben sein

Foto: jens schuenemann jps-berlin.de

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