Corona

Corona-Schnelltests - was Pflegeheime beachten sollten

Pflegeheime können jetzt kostenlos und fast täglich Bewohner, Mitarbeiter und Besucher auf Corona testen. Wir fragten im Bundesgesundheitsministerium nach, wie genau Beschaffung und das Testen vor Ort ablaufen

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Gibt es wieder verschärfte Besuchsregeln, vielleicht sogar ein Besuchsverbot in Pflegeheimen? Das fragen sich zurzeit vielen Familien und Freunde von Pflegeheimbewohnern - und die Bewohner selbst natürlich auch. Die Schnelltests, die jetzt jedes Pflegeheim finanziert bekommt, können die Furcht ein wenig mildern. „Pflegeheime und Krankenhäuser können Antigen-Schnelltests großzügig nutzen, um Personal, Besucher, Patienten und Bewohner regelmäßig auf das Corona-Virus zu testen“ - so beschreibt das Bundesgesundheitsministerium (BMG) eine neue Testverordnung, die seit dem 15. Oktober in Kraft ist.

„30 Schnelltests pro Monat und Bewohner“

Für die Einrichtungen stehe ein Kontingent von bis zu 30 Tests pro Monat und Bewohner zur Verfügung, teilt eine BMG-Sprecherin auf Anfrage mit. Um die Beschaffung müssen sich die Pflegeheime selbst kümmern. Die Heime könnten den Test in Höhe der Beschaffungskosten, aber „mit maximal sieben Euro pro Test“ abrechnen. Finanziert würden die Tests „über die Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds beziehungsweise im Fall von Einrichtungen in der Altenpflege über die Pflegekassen“.

Bei den empfohlenen Tests handelt es sich um sogenannte „Antigen-Schnelltests“. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat eine Liste erstellt mit sämtlichen 29 Herstellern und Vertreibern, deren Produkte den gesetzlichen Anspruch erfüllen.

Corona-Schnelltest: Ergebnis innerhalb von 15 Minuten

Die Schnelltests gelten als praxisfreundlich, es sind kein Labor und kein Extra-Gerät nötig. Das Ergebnis liege in rund 15 Minuten vor. Allerdings „müssen alle derzeit auf dem Markt befindlichen Antigen-Schnelltests von geschultem, medizinischem Personal durchgeführt werden“, betont die Ministeriumssprecherin. Auf die Frage, wer für den hierdurch entstehenden personellen Mehraufwand aufkommen soll, antwortet sie mit dem Hinweis darauf, dass der Gesundheitsminister ja bereits angekündigt habe, für mehr Pflegekräfte sorgen zu wollen.

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Und wer im Heim macht die Rachenabstriche?

Zudem gebe das BMG bei der Teststrategie „nur den gesetzlichen Rahmen“ vor, ausgefüllt werden müsse dieser „natürlich vor Ort“. Die BMG-Sprecherin betont mit Verweis auf die AHA-Formel: „Die Einrichtungen selbst sind dafür verantwortlich, Hygienekonzepte zu erstellen und umzusetzen.“ Zur Not müsse sich ein Pflegeheim ans Gesundheitsamt wenden, wenn es wegen der Teststrategie zu Personalengpässen komme. Die Frage, inwiefern diese Zusatzarbeit von den vielerorts ohnehin schon überlasteten Gesundheitsämtern geschultert werden könne, beantwortete die Sprecherin indes nicht.

Mehr zur Frage, wer im Heim die Rachenabstriche übrnehmen kann, lesen Sie in unserem Artikel Besuchsregelung im Advent: Pflegeheime werden unruhig]

Wissenschaftler begrüßt vermehrtes Testen

Professor Gerd Glaeske leitet das „Länger besser leben“-Institut an der Universität Bremen. Er hat schon mehrfach, so auch in einer jüngsten „Ad hoc-Stellungnahme“ zur Ministerpräsidenen-Konferenz am 14. Oktober, gemeinsam mit acht weiteren Kollegen, die Notwendigkeit „Zielgruppen-orientierter Maßnahmen“ und den „Schutz von verletzlichen Personengruppen“ angemahnt. Die Konzentration auf den „Schutz vulnerabler Gruppen“ etwa in Form der neuen Teststrategie für Heime und Kliniken begrüßt der Gesundheitsforscher Gerd Glaeske auf Nachfrage deshalb ausdrücklich.

Glaeske: Schnelltests können soziale Isolation mindern

Man könne durch ein ausgefeiltes Testregime „relativ“ sicher sein, dass bisher nicht vom Corona-Virus betroffene Einrichtungen geschützt werden. Ein „wichtiger zusätzlicher Effekt“ bestehe zudem darin, „die zum Teil nicht vertretbare soziale Isolation der Bewohner“ zu mindern. „Angehörige können – bei konstant negativem Test – ihre Angehörigen uneingeschränkt besuchen und Bewohner können, soweit sie mobil sind, die Einrichtung in von früher gewohnter Weise wieder verlassen“, sagt Glaeske.

Abgleich mit PCR-Test von Zeit zu Zeit wichtig

Bezüglich der Schnelltests gibt er aber zu bedenken, dass sämtliche Testergebnisse ausschließlich auf Herstellerangaben basieren. Auch weisen sie nicht – wie der PCR-Test – das Erbgut des Corona-Virus nach, sondern nur typische charakteristische Eiweiße auf der Oberfläche des Virus. „Bei Personen, die eine hohe Viruslast haben, funktioniert der Test besser als bei Personen, die keine Symptome oder nur geringe Anzeichen einer Infektion zeigen“, sagt Glaeske. Der Schnelltest ist also weniger sensitiv als ein PCR-Test, ein falsch-negatives Ergbnis also eher möglich. „Daher wird empfohlen, die Ergebnisse von Antigentesten mit einem PCR-Test abzugleichen. Grundsätzlich könnten diese Tests in Alten- und Pflegeheimen oder auch in Krankenhäusern aber „eine schnelle Möglichkeit bieten, eine gewissen Sicherheit bezüglich des Infektionsgeschehens zu erreichen.“ Getestet werde „vernünftigerweise unter Beteiligung eines Arztes oder einer erfahrenen Laborassistenten“.

[Lesen Sie in unserem Artikel Trügerische Sicherheit, was genau die Unterschiede sind zwischen PCR-Test, Schnelltest und Antikörper-Test]

Vorsorgliches Testen mit PCR wäre optimal

Prophylaktische PCR-Testungen aller Bewohner sowie des Personals seien deshalb nach Glaeskes Ansicht optimal. Hierzu müssten „Testregimes etabliert“ werden, die dann geschulte Testteams umgesetzen. Zunächst müssten zumindest einmalig alle Heimbewohner einen PCR-Test erhalten, sodann kontinuierlich alle Personen, die die Einrichtung von außen betreten:

  • zweimal wöchentliche (Selbst-) Testung des gesamten Stammpersonals (Schulung durch Selbstabnahme durch die Testteams)
  • zweimal wöchentliche Testung der von den Bewohnern definierten Besucher
  • zweimal wöchentliche Testung der Bewohner, falls sie die Einrichtung zeitweise verlassen wollen

Promedica testet Mitarbeiter umfassend

Die deutsch-polnische Promedica-Gruppe – nach eigenen Angaben europäischer Marktführer in der Betreuung alter und hilfebedürftiger Menschen in häuslicher Gemeinschaft – hat auf ihre Art schon mal Nägel mit Köpfen gemacht und schreibt für alle bei ihr beschäftigen, nach Deutschland einreisenden Betreuungskräfte „zwingend“ Corona-Testungen vor. „Wir brauchen eine 100-prozentige Sicherheit für unsere Kunden in Deutschland, aber auch für unsere Alltagsbetreuerinnen selbst. Daher führen wir eine verbindliche und lückenlose Corona-Testung unter 48 Stunden vor der Einreise ein“, sagt Peter Blassnigg, Geschäftsführer der Essener Promedica Gruppe. Das Unternehmen arbeite dabei mit einer großen, flächendeckend vertretenen Laborkette zusammen.

Autorin: Birgitta vom Lehn

Foto: Peter Funken

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