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Immunstatus Bewohner

Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen sind immer noch möglich

Wissenschaftler der Charité haben herausgefunden, warum sich auch geimpfte Bewohner infizieren können. Mit einer dennoch beruhigenden Nachricht und einem Appell wenden sie sich an Heime und Pflegekräfte   

Sicherlich: Pflegeheime erleben jetzt keine dramatischen Ausbrüche mehr mit vielen Toten wie noch 2020 und Anfang 2021. Die Zahlen sind zurückgegangen, seit die meisten Bewohner eine Corona-Impfung erhalten haben: Voriges Jahr starben 8.719 Bewohner an Sars-Cov-2. Bis Ende März ist die Zahl der Corona-Toten in Pflegeheimen laut Robert Koch-Institut (RKI) noch einmal um rund 50 Prozent auf 12.752 gestiegen. Seither sterben weniger Bewohner an  Sars-Cov-2: Von Ende März bis 8. Juni sind 961 Tote hinzugekommen, die Zahl der Corona-Toten in Pflegeheimen beträgt seit Beginn der Pandemie 13.713 .     

Charitè-Forscher untersuchten Ausbruch in Berliner Pflegeheim

Trotzdem hat es auch nach dem Start der Impfkampagne immer wieder Ausbrüche in Pflegeheimen gegeben – wenn auch längst nicht mit so dramatischen Folgen wie im Winter. Zuletzt etwa sind Ende April im Filderhof in Vaihingen und in anderen Pflegeheimen in Stuttgart insgesamt 28 Bewohnerinnen und Bewohner bei Routine Untersuchungen positiv getestet worden. Auch in Heimen in Oberfranken - Altenheim in Küps und im „Haßlach-Blick“ in Stockheim – haben sich (nach der ersten Impfung) einige Bewohner infiziert, ebenso wie im Seniorenheim Sankt Michael in Roding in Bayern. In Niedersachsen und Westfalen berichteten die Lokalzeitungen über ähnliche Fälle. In Berlin hat es in diesem Februar ebenfalls in einem Heim 20 positiv getestete Bewohner gegeben, von denen 16 vollständig mit dem Vakzin von Biontech/Pfizer geimpft waren. Diesen Ausbruch haben 21 Wissenschaftler der Charité (darunter auch der Virologe Christian Drosten) genauer untersucht. Die Fragestellung lautete, warum sich auch bereits geimpfte Bewohner infizieren. Die Antworten auf diese Frage haben sie jetzt (9. Juni) veröffentlicht:

  • Einen möglichen Grund sehen sie darin, dass es sich um die Virusvariante B.1.1.7 (jetzt Alpha genannt) handelte, die mit einer höheren Virusmenge im Rachen und einer größeren Übertragbarkeit einhergeht.
  • Die Immunantwort der Heimbewohner auf die Impfung war insgesamt betrachtet nicht so ausgeprägt wie bei jüngeren Impflingen, heißt es in einer Pressemitteilung der Charité. Das wurde deutlich, weil das Forschungsteam die Immunreaktion auf die Biontech/Pfizer-Vakzine bei über 70-jährigen Patienten einer Hausarztpraxis verglich mit der von Charité-Beschäftigten, die im Schnitt 34 Jahre alt waren. Blutanalysen zeigten, dass schon drei Wochen nach der ersten Dosis etwa 87 Prozent der Jüngeren Antikörper gegen SARS-CoV-2 gebildet hatten, unter den Älteren waren es nur rund 31 Prozent. Einen Monat nach der zweiten Dosis hatten fast alle jungen Impflinge (99 Prozent) SARS-CoV-2-spezifische Antikörper im Blut, unter den älteren waren es rund 91 Prozent.
  • Außerdem reiften die Antikörper bei den Älteren langsamer, sie konnten das Virus also schlechter binden. Und auch der zweite wichtige Arm der Immunreaktion, die T-Zell-Antwort, fiel schwächer aus. 

Es bestätigt sich, was viele Mediziner schon vermutet haben: Das Immunsystem von alten Menschen reagiert nicht ganz so effizient auf die Impfung wie das von jüngeren.

Weniger Viruslast bei infizierten Geimpften 

Das bedeutet aber nicht, dass die Impfung bei Älteren nicht wirkt. Während die vier Ungeimpften so schwer erkrankten, dass sie in einem Krankenhaus behandelt werden mussten, zeigte überhaupt nur rund ein Drittel der Geimpften Krankheitszeichen wie Husten oder Atemnot. Denn bei den Geimpften fand sich in der Regel weniger Viruslast im Rachen als bei Ungeimpften, wie die Charité-Forscher durch Abstrichproben feststellten.  Bei Bewohnern mit Corona-Impfung wurde das Virus zudem über einen deutlich kürzeren Zeitraum nachgewiesen, im Schnitt über knapp 8 statt 31 Tage.

Zwei der 16 geimpften COVID-19-Patientinnen und -Patienten kamen dennoch ins Krankenhaus. Dort starb eine Patientin nach einem starken Blutdruckanstieg an einer Hirnblutung. Eine zweite Patientin starb im Heim, nachdem sie über zwei Wochen schon kein Virus mehr ausgeschieden hatte. Die beiden hatten aber keine Atemwegssymptome entwickelt. „Die Forschenden gehen deshalb nicht von einem ursächlichen Zusammenhang mit der SARS-CoV-2-Infektion aus“, heißt es in der Mitteilung der Charitè.

Jeder 10. über 70-Jährige bildet keine Antikörper nach der Impfung 

Einer der Autoren der Studie, der Pulmologe Florian Kurth, sagt, dass nach der vollständigen Impfung knapp jeder Zehnte der über 70-Jährigen keine Antikörper im Blut habe. Für den Schutz dieser besonders gefährdeten Risikogruppe könne man sich also nicht allein auf die Impfung verlassen. „Stattdessen spielen zum jetzigen Zeitpunkt, wo große Teile der Bevölkerung noch nicht immun sind, Hygienemaßnahmen und Testungen noch eine wichtige Rolle. Insbesondere die Impfung des pflegerischen Personals sowie der Besucherinnen und Besucher ist immens wichtig, um Ausbrüche in Pflegeheimen zu verhindern. Mittelfristig kommt sicherlich auch eine weitere Auffrischimpfung für ältere Menschen infrage, um deren Impfschutz zu verbessern.“

Quelle: Victor M. Corman, Leif Erik Sander, and Florian Kurth, Charité–Universitätsmedizin Berlin, Chariteplatz 1, D-10117, Berlin, Germany, URL: doi: 10.3201/eid2708.210887

Autorinnen: Kirsten Gaede/Melanie Klimmer 

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