Generalistik

Bremen Erster bei generalistischem Studium

Die Generalistik ist erst seit wenigen Tagen Gesetz. Doch in Bremen läuft schon seit Herbst ein Bachelor-Studiengang nach dem neuen Pflegeberufegesetz

Inhaltsverzeichnis

An der Hochschule Bremen ist der bundesweit erste Bachelorstudiengang „Internationaler Studiengang Pflege B.Sc. – primärqualifizierend“ an den Start gegangen, der nach dem neuen Pflegeberufegesetz akkreditiert ist. In diesem Gesetz werden die bisher separaten Ausbildungen für die Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege zusammengeführt. Es gibt jetzt, wie fast überall in der EU, nur eine generalistische Ausbildung. In Modellprojekten und an besonderen Schulen wie der Wannsee-Schule Berlin hat es die generalistische Ausbildung vereinzelt allerdings auch schon in Deutschland gegeben.

So funktioniert das Pflege-Studium

Seit gut zehn Jahren besteht hierzulande die Möglichkeit, Pflege (grundständig/primärqualifizierend) an einer Hochschule in dualen Studiengängen zu studieren. Auf diesem Wege wird man examinierte Pflegefachkraft (wie bei einer dreijährigen Ausbildung) und erwirbt gleichzeitig einen Abschluss als Bachelor of Science. Wer sich für dieses Studium entscheidet, besucht eine Hochschule, muss aber gleichzeitig einen Ausbildungsvertrag mit einem Krankenhaus- oder Altenpflegeträger abschließen. Rund 40 Hochschulen und ähnlich viele Kliniken und Altenpflegeeinrichtungen bieten dieses duales Studium an, wie eine Übersicht der Internetseite pflegestudium.de zeigt.

Hochschulen passen gerade ihre Curricula ans Pflegeberufegesetz an

Das Bachelor-Studium an der Hochschule in Bremen unterscheidet sich in zwei Punkten von den bisherigen Pflege-Studiengängen:

  • Es ist – wie gesagt – das bisher erste generalistische Bachelor-Studium, das dem neuen Pflegeberufegesetz entspricht. Viele andere Hochschulen sind noch dabei, ihre Curricula den neuen Gesetzesvorgaben anzupassen – einige gehen diesen Weg offenbar nicht und stellen ihr bisheriges Angebot ein, etwa die Evangelische Hochschule Nürnberg und die Frankfurt University of Applied Sciences.
  • Es ist ein berufsqualifizierendes Vollzeit-Studium, das nicht an eine Pflege-Fachschule oder eine feste Einrichtung angebunden ist. Es handelt es sich hier nicht um ein Duales Studium; die Studentinnen und Studenten müssen also nicht noch einen Ausbildungsvertrag mit einer Klinik oder einem Heim abschließen. Das heißt aber auch: Sie erhalten keine Ausbildungsvergütung. „Und das bei einem so hohen Praxisanteil, das sie nebenher eigentlich nicht jobben können“, meint Ulrike Döring, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft christlicher Schwesternverbände (ADS) mit langjähriger Erfahrung in der Ausbildung.

13 Praxismodule und ein Auslandssemester

„Für die Studierenden hat das den großen Vorteil, dass sie freier und nicht an einen einzigen Arbeitgeber gebunden sind“, sagt Professor Matthias Zündel, der den neuen acht Semester langen Studiengang leitet und selbst ausgebildeter Krankenpfleger ist. Stattdessen können die Studenten ihre 13 Praxismodule in verschiedenen Kliniken und Heimen absolvieren. Das erhöhe – ebenso wie das Auslandssemester – den Überblick, so die Vorstellung der Veranstalter. Ein Simulationszentrum, das gerade im Entstehen ist, soll außerdem noch besser auf die Praxis vorbereiten.

„Studium ist überfällig“

Zündel betrachtet es als „überfällig“, dass Pflege auch in Deutschland studiert werden kann. „Im europäischen Ausland ist das längst der Fall, andere Länder sind da schon viel weiter.“ Zumal es sich bei der bisherigen Pflegeausbildung auch gar nicht um das hochgelobte Exportschlagermodell der klassischen staatlichen Ausbildung handle, sondern um einen Sonderweg, der über Fachschulen der Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen führt. „Insofern kann die Pflegeausbildung gar nicht mit der bewährten dualen Ausbildung eines Handwerkers oder Kaufmanns verglichen werden“, sagt Zündel.

Wird es Konflikte zwischen Studierten und Nichtstudierten geben?

Natürlich könnte es künftig zu Reibereien unter Pflegekräften in den Einrichtungen kommen, wenn studierte auf nichtstudierte Pflegekräfte treffen. „Aber wir brauchen die studierten Pflegekräfte, die wissenschaftliche Kompetenz am Bett. Das signalisieren uns auch die Einrichtungen. Es geht nicht um besser oder schlechter, sondern um verschiedene Schwerpunkte und andere Zielgruppen“, sagt Zündel.

Warum die Wissenschaft am Bett gebraucht wird

So fühlen sich von einem Pflegestudium – anders als von einer Pflegeausbildung - offenbar mehr Männer angesprochen: In dem neuen Bremer Studiengang sind nun zwölf Männer unter den insgesamt 22 Studienanfängern. Und warum wird die Wissenschaft am Bett gebraucht? Zündel: „Jede Studie zeigt, dass die qualitative Versorgung von Bewohnern und Patienten steigt, je höher die wissenschaftliche Kompetenz des Pflegepersonals ist. Studierte Pflegekräfte können beispielsweise anders kollegial beraten und Fallbesprechungen kompetenter machen. Viele Altenheime kaufen sich etwa Expertise zur Sondenkost ein. Hier können studierte Kräfte dann selbst intern schulen. Oder sie steuern Demenz-Konzepte anders.“

22 von 40 Studienplätze besetzt - und mehrheitlich von Männer

An der Bremer Hochschule wäre für gut 40 Pflege-Studenten Platz gewesen, gestartet sind aber nur 22. Zündel freut sich trotzdem: „Für einen Neustart ist das ein sehr gutes Ergebnis.“ Den Pflegenotstand wird der neue Studiengang nicht beheben können, da ist sich der Professor sicher. Andererseits ist er überzeugt: „Wir heben die Qualität der Pflegepraxis auf ein anderes Niveau. Wir sind ein Puzzlestein.“

Autorin: Birgitta vom Lehn/kig

Foto: Patric Dressel

Welche Aufgabe studierte Pflegekräfte im Team übernehmen könnten, erfahren sie in diesem Artikel:

Foto: Carola Vahldiek – Fotolia.com

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