Coronavirus

Bis zu 63 Covid-Tote aus Medizin und Pflege

Die Zahl ist allerdings seit Juli unverändert. Die neuesten Entwicklungen aus Pflege und Medizin im Überblick - außerdem: Was tun, wenn Schutzausrüstung fehlt? Wie können Pflegekräfte sich gegenüber ihrem Arbeitgeber durchsetzen?

Inhaltsverzeichnis

Für viele Pflegekräfte bleibt die Corona-Pandemie ein Problem, das Alltag und psychische Verfassung dominiert. Schließlich arbeiten 10,3 Prozent aller bisher gemeldeten Infizierten laut Robert Koch-Institut in Medizin und Pflege, im Juli waren es noch 12 Prozent. Gestorben sind bisher 63 Mitarbeiter aus Einrichtungen wie Krankenhäuser und Pflegeheime - Einrichtungen nach Infektionsschutzgesetz Paragraf 23 und 26 wie es im Täglichen Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit-19 (COVID-19) heißt (zu diesen zählen auch Arztpraxen, Dialysepraxen, Obdachlosenunterkünfte et cetera). Die Zahl der Toten aus Medizin und Pflege ist seit Anfang Juli unverändert.

Sie möchten wissen, ob Pflegekräfte auf Covid-Stationen besondere Ängste ausstehen? Lesen Sie dazu unseren Bericht über die bisher größte deutsche Studie zu Corona und Psyche, in der insgesamt 3.669 Beschäftigten aus dem Gesundheitswesen befragt wurden.

Über 3.673 Covid-Tote unter Pflegeheim-Bewohnern

Besonders betroffen mit 40 Toten von 10.641 infizierten Mitarbeitern sind Pflegeeinrichtungen (genauer alle Einrichtungen, die unter Paragraf 36 des Infektionsschutzgesetzes fallen - IfSG). Hoch ist auch die Zahl der verstorbenen Betreuten mit 3.673 (Stand 8. September). Doch steigt sie längst nicht mehr so stark wie zu Beginn der Pandemie: Seit Anfang Juli sind 116 Covid-Tote hinzugekommen (Stand 3. Juli: 3.557). Zurzeit sind es eher junge Menschen (etwa Reiserückkehrer), die sich infizieren. Sie sterben seltener an Covid-19, weshalb in Deutschland augenblicklich weniger Covid-Tote zu beklagen sind.

Nur noch 223 Covid-19-Patienten auf Intensivstation

Dramatisch überfüllte Intensivstationen wie in Italien, England und den USA hat es in Deutschland glücklicherweise nicht gegeben, die Zahl der intensivmedizinisch behandelten Patienten mit Covid-19 ist rückläufig. Hat es am 11. Mai noch 1.586 Covid-19-Fälle in intensivmedizinischer Behandlung gegeben (davon 1.053 beatmet), so sind es am 8. September mit 223 (davon 127 beatmet) gut 80 Prozent weniger. Die Zahlen finden sich im Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), dem jetzt alle Krankenhäuser mit Intensivbetten ihre Covid-Fälle und allgemeinen Kapazitäten melden müssen.

Lesen Sie dazu auch unser Interview „Wie es ist, Corona-Patienten zu pflegen“ mit der Bereichsleitung Hong Thuong Brinkmann vom Klinikum am Gesundbrunnen (Heilbronn) und das Interview

Was tun, wenn ich mich nicht gut genug geschützt fühle?

Und was unternehmen die Träger der Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen, um die Situation für Ihre Mitarbeitern (und Patienten, Bewohner, Klienten) zu verbessern? Viele haben sich inzwischen verstärkt um Schutzausrüstung gekümmert. Es gibt jetzt genügend Masken, Handschuhe & Co. zu kaufen, die anfangs schwierige Lage mit Einfuhrengpässen in ganz Deutschland habe sich entspannt, so der allgemeine Tenor. Trotzdem scheinen manche Einrichtungen noch immer schlecht ausgestattet mit Masken und anderer Schutzausrüstung. Pflegekräfte (auch Leser von pflegen-online) fragen immer wieder, was sie tun können, wenn sie sich von ihrem Arbeitgeber schlecht geschützt fühlen. Zunächst, darauf weist der Pflegedirketor und Vorstand der Uniklinik Münster, immer wieder hin: „Ein Arbeitgeber darf seine Mitarbeiter nicht in eine Situation schicken, die dessen Gesundheit gefährden könnten. Er muss alles objektiv Mögliche unternehmen, um die Gefahr abzuwenden. Anderenfalls macht er sich strafbar.“

Vorgehen in 4 Schritten

Das bedeutet: Wenn eine Pflegekraft sich nicht ausreichend geschützt fühlt, prüft sie am besten zuerst, was „objektiv möglich“ heißt, und unternimmt dann gegebenenfalls weitere Schritte. Ihr Vorgehen könnte so aussehen:

  1. Welche Schutzausrüstung und welche Schutzmaßnahmen empfiehlt das Robert Koch-Institut? Und: Hält sich mein Krankenhaus oder meine Pflegeeinrichtugn daran? Auch wenn es sich um Empfehlungen handelt: Alle Handreichungen et cetera vom RKI haben einen verbindlichen Status. Sollte es nämlich zu einem Ausbruch kommen, so werden die Gesundheitsämter prüfen, ob die Klinik oder Altenpflegeeinrichtung die RKI-Empfehlungen umgesetzt hat.
  2. Wenn Sie zu dem Schluss kommen, dass die Empfehlungen nicht oder nur teilweise umgesetzt werden: Sprechen Sie mit Ihrer Vorgesetzten.
  3. Sollte Ihre Vorgesetzte die Situation nicht schnellstmöglich ändern: Schließen Sie sich mit dem Betriebsrat kurz, empfiehlt die Sprecherin vom Deutschen Berufsverband für Pflegberufe (DBfK). Oder: Lassen Sie sich vom DBfK oder der Gewerkschaft Verdi beraten, sofern Sie Mitglied sind.
  4. Wenn abzusehen ist, dass sich an Ihrem Arbeitsplatz nichts ändert und Sie weiterhin ungeschützt oder relativ ungeschützt arbeiten müssen, kann es sinnvoll sein, die Tätigkeit zu verweigern.

Möglich ist natürlich auch, dass sich Ihr Arbeitgeber an die RKI-Empfehlungen hält und Sie trotzdem den Eindruck haben, dass eigentlich mehr passieren müsste. Formal haben Sie dann wenig in der Hand, Anregungen könnten Sie Ihrem Arbeitgeber aber trotzdem geben. Denn es gibt inzwischen Einrichtungen und Kliniken, die über die RKI-Empfehlungen hinausgehen.

In einigen Heimen tragen alle Mitarbeiter FFP2-Masken

So gibt es Pflegeheime, in denen die Mitarbeiter inzwischen alle FFP2-Masken tragen - auch wenn bisher niemand infiziert (gewesen) ist. Sie machen das, um zu verhindern, dass eine Pflegekraft, infiziert ohne es zu wissen, diverse Kollegen ansteckt und am Ende die Bewohner nicht mehr versorgt werden können. Selbstverständlich schützt die Devise FFP-Masken-für-alle auch die Bewohner.

Immer mehr Kliniken screenen Patienten bei Aufnahme

Screening ist eine Handhabe, die Pflegekräfte ebenfalls wirkungsvoll schützen kann. Manche Einrichtugen wie die kommunalen Verbündde München Klinik und Vivantes (Berlin) sowie das Deutsche Herzzentrum testen jeden Patienten bei Aufnahme auf Sars-CoV-2. Das städtische Klinikum Ludwigshafen screent einmal in der Woche alle Mitarbeiter seiner beiden Altenpflegeeinrichtungen. Immer mehr Bundesländer wie Rheinland-Pfalz und Hamburg schreiben inzwischen auch Testungen aller Heimbewohner und -Mitarbeiter vor, sobald in einer Einrichtung auch nur eine einzige Infektion auftritt. „Wir überlegen, diese Routine auch für die Mitarbeiter im Klinikum einzuführen - aber noch sind wir nicht so weit“, sagt Sebastian Kevekordes, Leiter der Krankenhaushygiene im Klinikum Ludwigshafen.

Corona-Screening schützt Pflegekräfte und Patienten

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4 weitere Schutzmaßnahmen: 12-Stunden-Schicht

Im Klinikum Ludwigshafen hat der Krisenstab für Ärzte und Pflegekräfte den Dienstplan so umgestellt, dass die Kontaktdauer zwischen den einzelnen Kollegen und zwischen Mitarbeitern und Patienten verlängert wird und so die Kontakte konstanter bleiben und nicht ständig wechseln:

  1. Die Pflegekräfte arbeiten jetzt in 12-Stunden-Schichten
  2. Die Pflegekräfte bleiben in festen Teams, sprich, jeder arbeitet jeden Tag mit denselben Kollegen

Die wöchentlichen Arbeitsstunden bleiben konstant, nur der Rhythmus ändert sich. Viele Pflegekräfte arbeiten inzwischen sieben Tage 12 Stunden an einem Stück und bekommen anschließend sieben Tage frei. „Die meisten Kolleginnen und Kollegen haben besonnen und verständnisvoll auf die Umstellung reagiert, denn sie kennen ja die Gründe für diese Änderung“, sagt Pflegedirektorin Alexandra von Rex.

Auch zu Kollegen auf räumliche Distanz gehen

In einigen Krankenhäusern und Pflegeheimen haben sich bereits Kollegen untereinander angesteckt. Deshalb gilt auch im Team: so viel Distanz wie möglich. Das bedeutet im Klinikum Klinikum Ludwigshafen etwa:

  • Reduzierung der Plätze in der Kantine, nur jeder 3 Stuhl steht.
  • Übergabe nicht mehr im gesamten Team
  • keine Meetings mehr, keine Gruppenpausen - und wenn in Ausnahmefällen, dann immer nur zwei bis drei Personen mit Mindestabstand
  • nur 2 Personen in die Fahrstühle

Besuchsverbot

Mit einer einfachen und zugleich drastischen Maßnahme hat der kommunale Klinikverbund RKH in Baden-Württemberg schon sehr früh ins Schwarze getroffen: mit dem Besuchsverbot, zum Schutz der Patienten und zum Schutz der Mitarbeiter. Das Besuchsverbot hat bundesweit gegolten, inzwischen wird es gelockert.

Nur geschultes Personal für Corona-Patienten

Die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) empfiehlt außerdem, mit der Versorgung von Corona-Patienten nur geschultes Personal zu betrauen und es für diese Aufgabe freizustellen. Standard sollte auch ein multidisziplinäres Corona-Team sein, besetzt mit Intensivmedizinern, Pflegekräften, Infektiologen und Krankenhaushygienikern.

Interview: Kirsten Gaede

Der Artikel erschien zuerst Mitte März 2020 und ist seither kontinuierlich aktualisiert worden (zuletzt am 9. September 2020).

Das Artikelbild hat uns freundlicherweise unsere Leserin Hille Insa Kamplade zur Verfügung gestellt. Sie ist im Sozialdienst eines psychiatrischen Krankenhaus auf den gerontopsychiatrischen Stationen beschäftigt - und eine leidenschaftliche Hobby-Malerin.

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