Aktvierung und Betreuung

Birdwatching - ein Trend, der auch Heimbewohnern gefällt

Die Vogelbeobachtung (Birdwatching) hat vermutlich größeren Einfluss auf die Psyche als der Kontakt zu Haustieren - dies zeigt ein Projekt in Bayern

Inhaltsverzeichnis

Von Hunden und Katzen weiß man, dass sie älteren alleinstehenden Menschen eine wichtige Stütze im Kampf gegen Einsamkeit sein können. Kaum Beachtung wurde dagegen bislang wildlebenden Vögeln geschenkt. Dabei steht Vogelbeobachtung hoch im Kurs. Ob Helgoland, Juist, Bodensee, Afrika oder Bretagne – wer einmal dem „Birdwatching“ verfallen sei, werde zum „Wiederholungstäter“, heißt es bei „birdingtours“, einem auf Vogelbeobachtung spezialisierten Reiseveranstalter. Aber man muss gar nicht so weit reisen: Viele Menschen füttern die Vögel gern im eigenen Garten oder auf dem Balkon. Gerade Senioren erfreuen sich an Spatzen, Amsel, Meise und Co..

Bayern testet den Effekt von Vogelbeobachtung in 40 Pflegeheimen

Ziehen die alten Menschen dann aber in ein Heim, so endet der Spaß an der Vogelbeobachtung meist abrupt. Ein landesweites Projekt in Bayern, das seit anderthalb Jahren in über 40 Pflegeheimen läuft, will diesem Verlust nun entgegenwirken. Vogelbeobachtungsstationen sollen den pflegebedürftigen Heimbewohnern wieder Kontakt mit der Natur vermitteln. Wohlbefinden und Lebensqualität dürften dadurch steigen, so die Hoffnung der Akteure. Denn wissenschaftlich ist bereits erwiesen, dass die Natur heilsame und beruhigende Effekte hat. Ob sich dies auf die Vogelbeobachtung pflegebedürftiger Heimbewohner übertragen lässt, wurde bislang nicht untersucht.

Weltpremiere für das Projekt „Alle Vögel sind schon da“

Die Präventionsmaßnahme „Alle Vögel sind schon da“ ist das weltweit erste Vorsorgeprojekt, das einen solchen Bezug herstellt. Wissenschaftlich begleitet wird es vom Fach Psychologie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt unter Leitung von Professorin Elisabeth Kals. Den teilnehmenden Einrichtungen wurde umfangreiches Material zur Verfügung gestellt, darunter Informationen zur Vogelbestimmung, eine Vogelfuttereinrichtung sowie ein Starterpaket Futter.

Vogelbeobachtung sollte vom Heim aus möglich sein

Im Gegenzug mussten die Heime sich verpflichten, einen „Vogelbeauftragten“ zu bestimmen, der für Erhalt und Pflege der Futterstation zuständig und Ansprechpartner für die Projektveranstalter ist. Wichtig war auch, dass die Vogelbeobachtungsstation von möglichst vielen Bewohnern aus dem Haus heraus beobachtet werden konnte. Wünschenswert wäre auch die Möglichkeit für eine weitere Futterstation auf der Terrasse oder im Garten, hieß es in der Ausschreibung, damit die Senioren die Beobachtung mit einem Gang nach draußen verbinden.

Heimleiterin Bender: Senioren positionieren sich vor den Vogelfenstern

Das Caritas-Altenheim St. Hedwig in Veitshöchheim hatte sich bei dem Projekt beworben und den Zuschlag bekommen. Heimleiterin Barbara Bender ist inzwischen überzeugt: „Das ist eine gute Sache, und zwar unabhängig von der Jahreszeit. Wir füttern die Vögel ganzjährig, also im Sommer und Winter. Man hat uns erklärt, dass das ganz wichtig sei.“ Von den Bewohnern würde die Vogelstation „sehr gut angenommen“. Viele Senioren würden sich jetzt regelmäßig vor den Vogelfenstern positionieren und auf die Terrasse schauen. Das Futter werde mittlerweile auf eigene Kosten angeschafft. Bezahlt würde es aus dem Etat für Veranstaltungen und Feste, berichtet Bender.

Psychosoziale Gesundheit verbessert sich

Dass Heime mit solch expliziten Möglichkeiten zur Vogelbeobachtung die psychosoziale Gesundheit ihrer Bewohner deutlich positiv beeinflussen, konnte die Studie offenbar schon nachweisen. So steht für die Forscher in einem 33-seitigen Zwischenbericht fest: „Durch das Angebot der Vogelbeobachtung, der Anregung zur Bewegung und zum Nachdenken über die beobachteten Vögel kann das soziale Wohlbefinden direkt gesteigert werden.“ Auch die mentale Leistungsfähigkeit der Heimbewohner sei gestärkt worden. „Die Annahme, dass Vogelbeobachtung das Potenzial hat, Menschen gesünder und glücklicher zu machen, ist völlig richtig“, betont Elisabeth Kals. Endgültige Aussagen seien aber erst nach Studienende in einem Jahr möglich. Mit Haustieren ließe sich ihrer Meinung nach ein solches Ergebnis nicht erzielen. Die Vogelbeobachtung entfalte seine Wirkung gerade deshalb, weil wildlebende Tiere freiwillig eine kurze Bindung zum Menschen eingingen.

Britische Studie: Mehr Vögel, weniger Depressionen

In einer vor zwei Jahren veröffentlichten britischen Studie war bereits gezeigt worden, dass es einen Zusammenhang in städtischen Wohnquartieren zwischen Vogelhäufigkeit und psychischen Krankheiten von Menschen gibt: Je weniger Vögel es in einem Wohnquartier gibt, desto mehr Menschen erkranken an Depression, Angststörungen und Stress. Der britische Biologe Daniel Cox zog das Fazit: „Dort, wo es mehr Vögel gibt und wo Menschen auch die Möglichkeit haben, ihnen zu begegnen, gibt es weniger psychische Erkrankungen.“

Pflegeministerin Melanie Huml hat Schirmherrschaft

Insofern dürfte das Projekt „Alle Vögel sind schon da“ bundesweiten Vorbildcharakter haben. In Bayern hat Gesundheits- und Pflegeministerin Melanie Huml die Schirmherrschaft dafür übernommen. Projektpartner sind neben der Uni Eichstätt-Ingolstadt die Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung Bayern e. V. (ANU) und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern e. V. Finanziert wird das Projekt von verschiedenen Pflegekassen.

Weitere Infos zum Projekt

Autorin: Birgitta vom Lehn

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