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Demenz

Biografiearbeit: die größten Fehler, die besten Tipps

Immer mehr Pflegeheime und Pflegekräfte wenden Biografiearbeit an. Allerdings ist es nicht damit getan, den Bewohner nach seinem Leben auszufragen. Es geht um Fingerspitzengefühl  

Sich erinnern – ein wertvolles Gut. Wer sich erinnert, wird seines eigenen Lebens, seiner Historie gewahr – und wer Zeuge ist, wenn sich sein Gegenüber erinnert, rückt ihm näher, intensiviert die Beziehung. Diesen Effekt macht sich die sogenannte Biografiearbeit zunutze, die immer mehr Pflegeeinrichtungen praktizieren.

Sie musste betteln – doch wie genau war die Situation?  

Doch die eigene Biografie ist weit mehr als eine Aneinanderreihung von Lebensstationen und Erlebnissen. „Sie gibt Auskunft über die Art und Weise, wie ein Mensch sein Leben erlebt“, sagt die Fachdozentin für Gerontopsychiatrie und Pflegemanagerin Sonja Jahn. In ihr liege der Schlüssel zum Verstehen eines Menschen.

Zum Beispiel jenes alten Herrn, der partout keine Essensreste wegwerfen mag. Oder jener dementen Frau, die nachts aufsteht, über den Flur des Pflegeheims läuft und dabei zu schreien beginnt. Die äußere Biografie mag die Herkunft, die Wohnorte, den persönlichen Werdegang beschreiben. Aber es ist die sogenannte innere Biografie, die etwas darüber aussagt, wie Menschen verschiedene Ereignisse wahrnahmen und rückblickend bewerten.

„Nehmen wir etwa die Dame, die in der Nacht schreiend über den Flur läuft“, sagt Jahn, die diesen Fall in ihrem Buch („Mutti lässt grüßen“, Schlütersche 2014, mit Elfriede Marino und Margarete Schneberger) beschreibt: Die Frau habe als junger Mensch in Kriegsjahren für sich und ihr Kind bettelnd durch die Straßen gehen müssen – und wenn sie nichts zu Essen bekam, angefangen zu schreien. In der Biografiearbeit mit der erwachsenen Tochter, die sich an diese Zeit erinnert, kamen eben jene Erlebnisse zum Vorschein. „Geben die Pflegekräfte der alten Dame nun nachts etwas zu essen, kommt sie zur Ruhe.“

Oberflächliche Gespräche reichen nicht 

Und auch der alte Herr, der sich an die letzten Essensreste klammert, tut dies womöglich ebenfalls, weil er als junger Mensch Hunger leiden musste. All diese Hintergründe lassen sich behutsam über Biografiearbeit herausarbeiten und so ein Verständnis für auf Pflege angewiesene Menschen entwickeln, welches sich über oberflächliche Gespräche nicht einstellen würde.

Trainieren Sie das Verstehen!

Vorweg: Eine pauschale oder standardisierte Arbeitsweise gibt es in der Biografiearbeit nicht, kann es auch gar nicht geben, zu wichtig ist die individuelle Abstimmung auf den einzelnen Menschen. Was jedoch immer hilft, ist die richtige innere professionelle Haltung: die Bereitschaft, sich auf die Erlebniswelt der Demenzkranken einzulassen und das Verstehen zu trainieren.

Seien Sie authentisch und aufmerksam

Das Auftreten gegenüber der dementen Person sollte authentisch und achtsam sein, auch ist es ratsam zu fragen, ob man ihren persönlichen Raum betreten darf. Nach dem Gespräch ist es eine schöne und sinnvolle Geste, sich für den Kontakt und das Vertrauen zu bedanken.

Biografiearbeit funktioniert nicht im Hauruck-Verfahren 

Wichtig ist auch: Biografiearbeit ist nicht das Ergebnis einer Stunde Zusammensitzen und Sprechen. Es gilt vielmehr, dem Menschen immer wieder aufmerksam zuzuhören, um Schritt für Schritt dessen Erzählungen deuten zu können.

Bitte keine Checklisten abarbeiten

Machen Sie sich bewusst, wie Sie die Biografiearbeit durchführen wollen: Wieviel Zeit haben Sie zur Verfügung, welche Methoden, Kniffe möchten Sie anwenden, wie erheben Sie die Biografien, wie dokumentieren Sie sie später? Und wie bauen Sie Ihre Erkenntnisse praktisch in die Pflege ein? Sonja Jahn und ihre Mitautorinnen etwa raten davon ab, einfach nur den Angehörigen Fragebögen in die Hand zu drücken oder Checklisten zu erstellen: „Biografiearbeit ist eine Beziehungsarbeit, die einen sensiblen Umgang mit sehr vertraulichen Informationen erfordert“, schreiben sie. „Ein Mensch erzählt nicht einfach von seinem Leben, er braucht zunächst eine Vertrauensbasis.“

Suchen Sie nach Schlüsselwörtern

Dabei helfen vor allem Schlüsselwörter: Sie öffnen die Tür zum Menschen, berühren ihn, nehmen Verbindung zu seiner Identität auf. Zu finden sind sie in seiner jeweiligen Biografie, sei es in seinen Hobbys (Nähen, Puzzeln, Reisen), seiner Herkunft (Land, Bauernhof, Tiere), seiner Familie (die geliebte Schwester) oder besonderen Erlebnissen, von denen er immer wieder gern erzählt (das Sportfest an seiner Schule, bei dem er den ersten Platz gemacht hat). Das Besondere: Schlüsselwörter können laut der Altenpflegerin Elfriede Marino auch helfen, den dementen Menschen in schwierigen Situationen zu erreichen, etwa bei Unruhe, Aggression oder Angst.

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Vertraute Möbel, vertraute Instrumente, vertraute Lieder

Weitere Schlüssel können alte, vertraute Möbel sein, die im Zimmer des Pflegeheims aufgestellt werden – und seien sie auch noch so verschlissen –, oder auch Musikinstrumente, mit denen die Bewohner schöne Erinnerungen verbinden. Überhaupt lassen sich über Liedgut, vertraute Melodien und Texte, wertvolle Verbindungen aufbauen.

Von der Magie der Fotos

Auch Fotografien können Türen öffnen. Darauf weist Ursula Schmid in ihrem Buch „Lebensbilder“ (Schlütersche 2013) hin. „Alte Fotos erweisen sich häufig als 'magische Mittel', den eigenen Blickwinkel neu auszurichten und ohne viele Worte Interesse und Verständnis für die betreute Person zu wecken“, so die Autorin und gerontopsychiatrische Fachkraft.

… und wenn Demenzkranke nicht mehr sprechen können?

Johanna Radenbach, Ergotherapeutin mit einem Bachelor of Health („Aktiv trotz Demenz“, Schlütersche 2014), hält auch die aktivitätsorientierte Biografiearbeit für eine gute Methode. Sie ist vor allem für Demenzpatienten geeignet, die nicht mehr in Lage sind, sich verbal mitzuteilen. Bei dieser Form der Annäherung, die gleich mehrere Sinne anspricht, besucht man zum Beispiel einen Ort, der in der Kindheit eine große Rolle spielte und positiv besetzt ist.

Es geht nicht darum, ein Trauma aufzuarbeiten 

Überschreiten Sie bitte keine Grenzen. Denn die gibt es, gerade in der Biografiearbeit: Erinnerungen, die alte Personen in dieser späten Phase ihres Lebens verarbeiten, sind nicht immer positiv und heiter. Sie als Pflegekraft wissen vorher nicht, an welchen Leid- oder Wutpunkten Sie rühren, wenn Sie ein bestimmtes Thema ansprechen. Entwickeln Sie ein Gefühl dafür, dass ein bestimmtes Wort eine traurige Erinnerung triggert, dann lassen Sie es dabei bewenden, meiden Sie diesen Schlüssel. Ihre Aufgabe ist es, jene Schlüssel zu finden, die einen angenehmen Kontakt ermöglichen, es geht nicht um Trauma-Aufarbeitung.

Grundsätzlich gilt: Biografiearbeit ist intensiv, erhellend, emotionsweckend. Ursula Schmid jedenfalls ist sicher: Biografiearbeit kann zu den „interessantesten, lebendigsten und positiv besetzten Arbeitsbereichen in der Altenpflege gehören“.

Text: Romy König

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