Interview mit Felix Walcher (DIVI)

Bietet Pflegekräften endlich psychologische Hilfe!

Durch Corona wird deutlich: In Heimen wie Kliniken werden Pflegekräfte und Ärzte mit bedrückenden Erlebnissen allein gelassen. Das muss sich ändern, fordert Notfallmediziner Felix Walcher von der DIVI

Angst vor Ansteckung, Ausgrenzung im privaten Lebensbereich, der Zwang zur Selbstisolation, die Herausforderung, mit einem kaum bekannten Erreger umzugehen – Pflegekräfte und Ärzte erleben die Corona-Krise als GAU für die Seele. Die psychische Gesundheit leidet massiv, Spätfolgen sind nicht ausgeschlossen.

Deshalb hat die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) Alarm geschlagen. Jetzt, da erste Welle der Corona-Epidemie geschultert ist, müsse man sich um Pflegekräfte und Ärzte kümmern: Sie müssen mit ihren Erlebnissen der vergangenen Wochen bisher zumeist alleine fertig werden. Anders als bei der Feuerwehr un dim Rettungsdienst gibt es in den meisten deutschen Krankenhäusern keine psychologischen Versorgungsstrukturen für das eigene Personal.

Die DIVI hat einen Empfehlungskatalog erarbeitet, wie in Krankenhäusern und Pflege- und Altenheimen die psychische Gesundheit der Mitarbeiterinnen geschützt werden kann. Wir sprachen mit Prof. Felix Walcher, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie des Universitätsklinikum Magdeburg, und Generalsekretär der DIVI sowie Sprecher der DIVI-Sektion „Perspektive Resilienz“.

pflegen-online: Sie fordern in der aktuellen Corona-Krise einen psychologischen Schutzschild für das medizinische und pflegerische Personal. Warum?

Felix Walcher: Das pflegerische sowie ärztliche Personal in Gesundheitsberufen benötigen per se eine wie auch immer geartete psychologische Unterstützung in der täglichen Arbeit. Leider sind diese Unterstützungsmaßnahmen wie wir sie aus der Präklinik kennen im klinischen Versorgungsalltag nur selten vorhanden. Im Rahmen der Pandemie und der zum Teil höheren Beanspruchung der Mitarbeiter wird dieser Mangel verstärkt offensichtlich.

pflegen-online: Sind denn Pflegekräfte und Ärzte mit Sterbenden und dem Tod nicht aus ihrer täglichen Arbeit vertraut?

Felix Walcher: Doch, sie sind damit vertraut. Das ist richtig. Nur: In der Pandemie hat sich die Stress-Situation deutlich dramatisch verändert. Ärzte und Pflegekräfte sind in einem besonderen Maße mit Grenzerfahrungen konfrontiert. Daher benötigen die Mitarbeiter mehr psychologische Unterstützung.

pflegen-online: Werden Pflegekräfte und Mediziner in ihrer Ausbildung nicht für diese Grenzerfahrungen geschult?

Felix Walcher: Das schon. Dennoch erfährt das Erleben und die Begleitung vom Sterbenden in der derzeitigen Pandemie-Situation trotz Vorbereitung und Schulung eine neue Dimension. Gerade junge Mitarbeiter brauchen eine gezielte Unterstützung beziehungsweise Supervision bei ihrer Arbeit mit Corona-Infizierten.

pflegen-online: Bei besonders dramatischen Feuerwehr- und Polizeieinsätzen gibt es für die Einsatzkräfte oft posttraumatische Hilfsangebote. Warum gibt es dies nicht für Pflegekräfte und Mediziner?

Felix Walcher: Das ist völlig unverständlich. Ich denke, dass die personellen Ressourcen und damit die finanziellen Aufwendungen im Krankenhaus durch die Verantwortlichen und Verwaltungen gespart werden. Hier wird wiederum offensichtlich, dass die Krankenhäuser durch den massiven ökonomischen Druck „kaputt gespart werden“ und daher das Personal fehlt, um psychologische Hilfe für Pflegekräfte und Mediziner bereit zu stellen.

pflegen-online: Die DIVI hat Empfehlungen zur psychischen Mitarbeitergesundheit erarbeitet und dieser Tage veröffentlicht. Was sind die Kernpunkte dieser Empfehlungen?

Felix Walcher: Wir haben eine Vielzahl von Empfehlungen entwickelt. Zur aktuellen Corona-Pandemie empfehlen wir die Einrichtung einer psychosozialen Notfallversorgung. Hierzu gehört die sorgfältige Beobachtung einzelner Mitglieder im Ärzte- und Pflege-Team, Erkennung von Überlastungszeichen und in der Folge Schaffung von Entlastungsangeboten. Die Bewahrung von individueller Resilienz und Stärkung kollegialer Unterstützung im Team kann durch sogenannten Peer-Support erfolgen.

Schließlich kann bei weitergehenden Stresssituationen Unterstützung durch psychosoziale Fachkräfte, wie wir sie aus der Präklinik kennen, angeboten werden. Sollte sich schließlich im Rahmen einer akuten Belastungsreaktion zu einer Behandlungsbedürftigkeit kommen ist dies durch fachtherapeutische Behandlung zur Verhinderung von chronischen Folgeerkrankungen anzugehen.

pflegen-online: Lässt sich das schnell umsetzen?

Felix Walcher: Einzelne Elemente aus unseren Empfehlungskatalog lassen sich bestimmt schnell umsetzen. Wichtig ist aber langfristig, dass in den Einrichtungen das Bewusstsein geschaffen wird, dass der Schutz und Erhalt der psychischen Gesundheit von Mitarbeitern eine zentrale Rolle eines gesunden Unternehmens spielen. Und: Dieser Schutz und Hilfestellung der Mitarbeiter muss wirklich von allen Beteiligten gewollt und aktiv unterstützt werden.

pflegen-online: Die DIVI-Empfehlungen beziehen sich auf die Situation in den Krankenhäusern. Gilt aber nicht gleiches für Senioren- und Pflegeheime oder die ambulanten Pflegekräfte, die häuslich unterwegs sind?

Felix Walcher: Richtig, unsere Empfehlungen sind speziell für die Mitarbeiter der Intensiv- und Notfallmedizin formuliert. Aber selbstverständlich sehen wir auch Bedarfe in anderen Arbeitsbereichen, wie beispielsweise die Normalpflegestationen der Krankenhäuser und auch wie die von Ihnen genannten Senioren- und Pflegeheime. Aber auch ambulante Pflegekräfte müssen einbezogen werden.

Grundsätzlich muss ein Bewusstsein geschaffen werden, dass die Millionen von Mitarbeiter im Gesundheitsdienst ihre Arbeit weiterhin gerne ausüben können. Alle stehen trotz Ausbildung, Schulung und Erfahrung unter starken psychischen Belastungen. Die Resilienz der Mitarbeiter im Gesundheitsdienst ist nicht unbegrenzt belastbar. Grundsätzlich muss jedem Bürger unseres Landes bewusst sein, dass nur eine gesunde Pflegekraft und eine gesunder Arzt auch gute Medizin machen kann. Die psychische Gesundheit von Mitarbeitern in der Notaufnahme und der Intensivstation wie auch im gesamten Gesundheitsdienst ist daher ein wichtiges Gut das es zu erhalten gilt.

Interview: Hans Georg Sausse

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