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Interview

Bewohnern Hoffnung machen – das lässt sich lernen 

Jenny Kubitza, Pflegewissenschaftlerin an der Uni Trier, erklärt, warum Hoffnung – Pläne schmieden und  Ereignissen entgegen fiebern etwa – für Heimbewohner so wichtig  ist und wie sie sich fördern lässt

Die Abteilung Pflegewissenschaft der Universität Trier forscht unter Leitung von Prof. Dr. Margit Haas Foto unten) zum Thema Hoffnung und sieht Hoffnungsförderung als eine Aufgabe in der Altenpflege an. Im Interview erläutert Jenny Kubitza (Foto unten), wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fachbereichs, inwieweit Hoffnung den Umgang mit Herausforderungen im Alter erleichtert, warum sie gerade auch in Zeiten von Corona eine wichtige Ressource darstellt und wie sich Hoffnungsförderung in den pflegerischen Alltag integrieren lässt.

pflegen-online.de: Frau Kubitza, wie wird Hoffnung definiert? Und welche Bedeutung kommt ihr insbesondere in der stationären Langzeitpflege zu?

Jenny Kubitza: Hoffnung wird als innere Kraft verstanden, die den Umgang mit Unsicherheiten in der gegenwärtigen Situation erleichtert. Sie schafft positive Erwartungen an eine bessere Zukunft, sowohl für sich selbst als auch für andere. Damit kann Hoffnung tatsächlich helfen, chronische Krankheiten, Verluste oder Probleme wie beispielsweise auch die durch Corona bedingten Kontaktbeschränkungen besser zu bewältigen. Hoffnung ermöglicht den Bewohnern in Pflegeeinrichtungen Optimismus und Flexibilität – sind sie hoffnungsvoll, fällt es ihnen leichter, sich mit Herausforderungen zu beschäftigen und daran anzupassen.

Hat Hoffnung eine messbare Wirkung auf die Gesundheit von Heimbewohnern?

Studien haben gezeigt, dass Menschen tatsächlich aktiver sind, solange Hoffnung besteht, und sie auch länger aktiv bleiben. Wenn dagegen keine Hoffnung besteht, nimmt die Antriebslosigkeit sehr stark zu. Die Menschen ziehen sich dann zurück und verlieren sich in ihrer Einsamkeit. Insofern stellt es durchaus einen eigenen medizinischen Wert dar, Hoffnung zu vermitteln und bei den Bewohnern zu fördern.

Inwieweit sehen Sie gerade in der Altenpflege Handlungsbedarf?

Hoffnung ist ein Konstrukt, das hier im Alltag relativ schnell untergehen kann. In der Onkologie beispielsweise wird Hoffnungsförderung als Konzept weit stärker wahrgenommen als in der Altenpflege. Man verliert leicht aus dem Blick, dass auch achtzig- oder neunzigjährige Menschen noch Ziele im Leben haben und Hoffnung sich nicht an Heilung festmachen muss. Insofern ist Pflegenden in diesem Bereich oftmals gar nicht bewusst, dass Hoffnung beziehungsweise Hoffnungslosigkeit sich auch körperlich auswirken.

Wozu führt das?

Gerade Hoffnungslosigkeit wird bei Heimbewohnern häufig als solche nicht erkannt – stattdessen scheint in vielen Fällen die Feststellung naheliegender, jemand sei nur müde oder fühle sich gerade nicht so gut. Es wird dann nicht der Bogen geschlagen, dass derjenige stattdessen ohne Hoffnung ist, und was diese Empfindung mit ihm macht. Jeder von uns hat diesen Zustand aber vermutlich selbst schon einmal erlebt; sich daran zu erinnern, hilft zu verstehen, wie sehr Hoffnungslosigkeit uns tatsächlich bremst.

Und wie können Pflegekräfte Hoffnung fördern?

Ein zentraler Punkt ist, zunächst die Hoffnung aus Sicht des einzelnen Bewohners zu erfassen, das heißt, seine individuellen Hoffnungsquellen zu erfragen und diese dann bei der Maßnahmenplanung zu berücksichtigen. Dabei lohnt es sich immer, bei der Biografie eines Bewohners anzusetzen. Ein guter Einstieg ist zum Beispiel der „Hoffnungsbaum“, den der Pflegende zusammen mit dem Bewohner erstellen kann:

  • Die Wurzeln symbolisieren prägende Erfahrungen und Personen im Leben des Bewohners. Sie zeigen, wie er bisherige Herausforderungen bewältigt und was ihm dabei geholfen hat.
  • Der Stamm steht für aktuelle Empfindungen. Der Bewohner beschäftigt sich mit der Frage, was er gegenwärtig an Positivem, aber auch Negativem in seinem Leben sieht. Sich dann bewusst auf das Positive zu konzentrieren, macht deutlich, über welche Kompetenzen und Ressourcen er tatsächlich verfügt.
  • Die Krone repräsentiert die Zukunftswünsche: Solange man Wünsche hat, lohnt es sich zu leben und Hoffnung zu haben. Es geht also um die Frage, welche realitätsnahen Ziele der Bewohner hat, und auch darum, inwieweit die Pflegekraft ihn dabei unterstützen kann, diese Ziele zu erreichen.

Wie wichtig ist auch die eigene Haltung des Pflegenden?

Ein Bild wie der Hoffnungsbaum eignet sich natürlich genauso zur Selbstreflexion. Generell empfiehlt es sich, dass die Pflegefachpersonen ihren persönlichen Bezug zum Phänomen der Hoffnung und den eigenen Prozess des Hoffnung Schöpfens zunächst für sich reflektieren, um Hoffnung effektiv vermitteln zu können.

Eine weitere Voraussetzung hierfür ist eine ehrliche Grundhaltung, und dazu sollte auch eine gute Beziehung zwischen dem Bewohner und der Pflegekraft vorhanden sein. Wenn man spürt, dass man selbst nicht der richtige Beziehungspartner für einen bestimmten Bewohner ist, um mit ihm über Hoffnung zu sprechen, ist es sinnvoll, sich dies einzugestehen und eine andere Pflegekraft die hoffnungsfördernden Maßnahmen durchführen zu lassen.

Welche praktischen Maßnahmen lassen sich aus der Biografiearbeit mit einem Bewohner ableiten – und dann auch in den Arbeitsalltag integrieren?

Lieblingsblumen, Lieblingsessen oder eine aufbauende Erinnerung an schöne Zeiten sind Beispiele für Hoffnungsquellen, die sich in der täglichen Pflege relativ leicht nutzen lassen. Falls eine Bewohnerin zum Beispiel sagt: „Mir hat es in schlechten Zeiten immer geholfen, wenn mein Mann mir einen Strauß Blumen mitgebracht hat“, dann ist es ja eine Kleinigkeit und schnell gemacht, ihr einfach einmal Blumen auf den Tisch zu stellen – eine simple Maßnahme, die sich aber umso positiver auswirken kann.

Das heißt, im Alltag auch das positive Denken zu fördern?

Das ist eine ganz wichtige Maßnahme, um Hoffnung zu stärken. Es hilft schon, sich abends fünf Minuten mit dem Bewohner Zeit zu nehmen und zu fragen: „Können Sie mir ein schönes Tagesereignis nennen, das Sie heute glücklich und zufrieden gemacht hat?“ Auch das ist eine Kleinigkeit, die sich aber ebenfalls sehr positiv auswirken kann. Zum einen schläft der Bewohner mit guten Gedanken ein, zum anderen fördert man, dass er bereits kleine erfreuliche Veränderungen deutlicher und bewusster wahrnimmt und sich insgesamt mehr auf das Positive konzentriert.

Welche Rolle spielen soziale Kontakte für das Empfinden von Hoffnung beziehungsweise Hoffnungslosigkeit? Und welchen Einfluss haben die durch Corona bedingten Einschränkungen hierauf?

Persönliche Beziehungen zählen zu den wichtigsten Hoffnungsquellen; sie zu fördern, ist eine der effizientesten Maßnahmen. Aus diesem Grund sollten auch während der Pandemie Möglichkeiten für die Heimbewohner geschaffen werden, Beziehungen aufrecht zu erhalten oder neu zu entwickeln. Insbesondere die Kontaktreduzierungen wirken sich auf ältere und pflegebedürftige Menschen aus und führen zu Gefühlen von Ausgeschlossenheit und Isolation. Video- oder Telefonkonferenzen stellen hier einen ersten Lösungsansatz dar, sofern die älteren Menschen bei der Anwendung unterstützt werden. Man hat festgestellt, dass sie im Grunde nicht schlechter mit Technik umgehen als Jüngere, sondern oftmals schlicht wahnsinnige Angst davor haben – Angst, etwas falsch zu machen.

Wie IT-Produkte im Pflegeheim funktionieren können, erfahren Sie in unserem Artikel Digitalisierung - hat schon mal jemand die Bewohner gefragt?

Lassen sich die persönlichen Beziehungen als wichtigste Ressource noch weiter nutzen?

Viele Bewohner äußern, dass eine Vorhersehbarkeit von Besuchen und Telefonaten und eine Kontrolle über sie ihre Hoffnung fördert. Wenn der Angehörige zum Beispiel nur sagt: „Bis dann“, weiß der Bewohner ja nicht, wann derjenige wirklich wiederkommt. Wesentlich positiver wirkt es sich aus, einen bestimmten Tag für den nächsten Besuch oder eine bestimmte Zeit für den nächsten Anruf zu nennen – auch, weil das schon ein konkretes Ziel ist, auf das der Bewohner sich fokussieren und freuen kann. Hier kann man als Pflegekraft relativ leicht intervenieren, indem man die Angehörigen darauf hinweist, dass dieses Wissen für den Bewohner ein wichtiger Faktor ist.

Gibt es darüber hinaus Maßnahmen, die gemeinsam mit mehreren Bewohnern durchgeführt werden können?

In Studien wurde nachgewiesen, dass Unterstützungsgruppen einen sehr günstigen Effekt haben. Solche Gruppen sind gut geeignet für sechs bis zehn Teilnehmer. Sie sollten allerdings moderiert werden, zum Beispiel von Sozialarbeitern oder Alltagshelfern, wenn in der Pflege selbst die Zeit fehlt.

Innerhalb der Gruppe können die Heimbewohner über das Thema Hoffnung und Hoffnungslosigkeit sprechen und sich darüber austauschen, ob sie sich gegenwärtig eher hoffnungsarm oder hoffnungsfroh fühlen. Sie helfen sich zudem gegenseitig, indem sie einander auch ihre Bewältigungsstrategien mitteilen; jeder kann dann überlegen, welche Strategie er für sich selbst annehmen möchte.

Sie sagen, dass alltägliche und wenig zeitintensive Maßnahmen vielfach schon ausreichen, um Hoffnung zu fördern. Wie schnell zeigen sich denn positive Veränderungen? Wenn man anfängt, hoffnungsfördernd zu pflegen, ist es wichtig zu wissen, dass ein Unterschied bei den Bewohnern nicht sofort eintritt. Hoffnungsförderung ist etwas, was man über einen längeren Zeitraum anwenden sollte. Das bedeutet auch, im Vorfeld zu überlegen, wie Hoffnungsförderung konsequent umgesetzt werden kann, und ein tragfähiges Konzept für den Pflegealltag zu entwickeln. Hierbei können dann auch aufwendigere Maßnahmen wie die Unterstützungsgruppen, Ermutigung zu neuen Aktivitäten und Erfahrungen oder spirituelle Unterstützung integriert werden.

Wo können Pflegekräfte selbst Unterstützung finden, um ein solches Konzept zu erarbeiten?

Um die notwendigen Qualifikationen für die Umsetzung von Hoffnung im Pflegealltag zu schaffen, entwickeln wir derzeit zusammen mit zwei Einrichtungen der Altenpflege eine entsprechende Schulung. Sie richtet sich an Gesundheitsfachberufe in der stationären Langzeitpflege, also zum Beispiel auch an Sozialarbeiter und Alltagshelfer. Ganz wichtig ist uns, dass das Konzept praktisch sehr gut umsetzbar sein wird, vor allem auch mit Blick auf die ökonomischen und hausinternen Rahmenbedingungen in den Einrichtungen. Wir möchten keinesfalls, dass in den Altenheimen noch mehr Bürokratie entsteht.

Interview: lin

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Jenny Kubitza ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fachbereichs Pflegewissenschaft an der Universität Trier
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Prof. Dr. Margit Haas ist Geschäftsführerin des Faches Pflegewissenschaft an der Universität Trier
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Foto: Fotomontage Christiane Neubauer

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