Foto: privat/Canva

Aktvierung und Betreuung

Bettlägerige respektvoll behandeln – 6 Tipps

Aktivierung ist für Bettlägerige besonders wichtig. Leider wird das oft vergessen. Es scheint so schwierig. Ist es aber nicht, meint Gabriele Schweller, Pflegepädagogin und Autorin des Buches „Aktivierung für Bettlägerige“

Schlütersche-Autorin Gabriele Schweller führt ihren Leserinnen und Lesern die Situation von Bettlägerigen gleich zu Beginn sachlich und berührend vor Augen: „Bettlägerigkeit ist ein langfristiger Daseinszustand, bei dem sich der Mensch die überwiegende Zeit des Tages und in der Nacht im Bett oder anderen Liegemöbeln aufhält. Dem hilfe- und pflegebedürftigen, bettlägerigen Menschen bleiben somit nur noch rund 1,9 Quadratmeter Wohnfläche für seine verbleibende Lebenszeit. Das Bett wird zum allumfassenden Lebensraum, der auf ein Minimum beschränkt und von Abhängigkeit geprägt ist." Mit ihrem Buch „Aktivierungen für Bettlägerige" möchte die examinierte Altenpflegerin und Pflegepädagogin Bettlägerigen ihren Mini-Lebensraum so angenehm und lebenswert wie möglich machen.

Die Aktivierung, so ist Gabriele Schweller überzeugt, ist oft einfacher als viele Pflegekräfte und Betreuungskräfte denken, sie gelingt unter anderem durch verschiedene basale Stimulierungen, Aktivierung des Kreislaufs und letztlich auch der respektvolle und achtsame Umgang mit bettlägerigen Bewohnerinnen und Bewohnern oder auch Patienten. Ihre Aktivierungstipps lassen sich teilweise erstaunlich leicht umsetzen. 

1. Tipp: aufmerksame Begrüßung

Die Begrüßung ist die einfachste Form einer Aktivierung und eine Grundregel für den Umgang mit hilfe-, pflegebedürftigen und bettlägerigen Bewohnern oder Patienten. Die Frage ist: „Wie kündige ich als Pflegekraft meinen Besuch in der Wohnung oder im Zimmer an?" Denn schon bei dieser Gelegenheit kann eine Pflegekraft viel tun, damit sich die Bettlägerige oder der Bettlägerige respektiert und wertgeschätzt fühlt – etwa:

  • anklopfen vor dem Öffnen der Zimmertür
  • beim Betreten des Zimmers gut hörbar grüßen: Schönen guten Tag, Herr / Frau ...
  • am Fußende des Bettes anklopfen
  • beim Herantreten ans Bett: Begrüßen Sie die Bettlägerige oder den Bettlägerigen jetzt erneut mit gedämpfter Stimme: „Hallo, Herr / Frau ..., jetzt bin ich bei Ihnen, wie geht es Ihnen heute?“
  • oft empfiehlt sich auch eine Initialberührung, zum Beispiel an der Schulter

2. basale Stimulation

Ohne basale Stimulation geht es für Gabriele Schweller nicht. Das Gute: Sie lässt sich in fast alle Routinearbeiten integrieren. Etwa während der Körperpflege: „Bürsten gegen oder mit dem Haarstrich" – je nachdem, ob Sie eine anregende oder beruhigende Wirkung erzielen möchten. Wenn der gesundheitliche Zustand und die Vorliebe des Patienten es zulassen, sind ätherische und andere Pflegeöle bestens geeignet, beispielsweise zum Waschen oder auch danach zum Einreiben.

Auch hier lassen sich - je nach Öl (Lavendel, Rosmarin etc.) - unterschiedliche Wirkungen erzielen: wohltuend, entspannend, aktivierend, motivierend. Gut ist auch, einen Duft zu wählen, den der Bettlägerige besonders mag oder mit dem er schöne Erinnerungen verbindet. Waschung und Einreibung sind eine Form der Zuwendung und geben dem Bewohner oder Patienten ein angenehmes Körpergefühl.

3. Das eigene Tun kommentieren

Für Bettlägerige gilt ganz besonders: pflegen Sie sie achtsam, bewusst und langsam. Um eine „Zack-Zack-Pflege" zu vermeiden, bietet sich an, bei der Körperpflege oder beim Positionieren einfach mal über verschiedene Körperstellen zu streichen und diese zu benennen, beispielsweise: „Das ist Ihr rechter Arm, das ist der linke …“, und so weiter. Das fördert das Körperbewusstsein, das Bettlägerige leider mit der Zeit oft verlieren.

Es hilft auch zu kommentieren, was man gerade macht: „Jetzt drehe ich Sie um, jetzt drehe ich Sie auf die andere Seite.“ Das nimmt dem Bettlägerigen das Gefühl des Ausgeliefertseins.

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4. Bett an die Natur heranschieben

Bettlägerige vermissen oft nichts mehr als den Aufenthalt im Freien. Mit der Zeit vergessen sie, wie es draußen duftet, wie sich frische Luft auf der Haut anfühlt. Sie kennen nur noch die Luft im Zimmer. Hier schaffen Sie Abhilfe, indem Sie das Bett - je nach örtlichen Gegebenheiten - direkt ans weit geöffnete Fenster, vor den französischen Balkon oder auf die Terrasse schieben. Schlichtes Lüften für ein paar Minuten kann das Heranschieben des Bettes an die Natur übrigens nicht ersetzen!

5. Tanzen

Als sensationelles Instrument für eine umfassende Aktivierung und ihr uneingeschränktes „favorite" bezeichnet Gabriele Schweller das „Tanzen im Bett". Wie kann das funktionieren? Es geht darum, den Körper mit der Musik in Einklang zu bringen, beispielsweise indem man ihn im Rhythmus und im Takt der Musik abklatscht. Oder, wenn die körperliche Verfassung des Bewohners oder der Patientin es zulässt: den Körper durchbewegen, von den Füßen über Beine und Arme bis hin zu den Schultern und dem Nacken beziehungsweise Kopf. All das natürlich am besten zum Lieblingslied des Bettlägerigen. Für das so wohltuende Gefühl, sich zur Musik zu bewegen, braucht es nur das Bett, zwei Menschen und Musik - fertig.

6. Kochen und Backen

Zu den aufwendigeren Aktivierungen zählen das Kochen und Backen am Bett. Sie erfordern Vorbereitung und spezielles Equipment, sind aber sehr effektiv. Ausführlich beschreibt Gabriele Schweller in ihrem Buch, wie diese Aktivierungen funktionieren.

Die Autorin bekommt von Betreuungs- und Pflegekräfte immer wieder zu hören: „Wir haben doch keine Zeit dafür!“ Gabriele Schweller begegnet dem Einwand mit einer klaren Haltung: „Wenn Betreuungskräfte mit dem Argument der Zeitknappheit kommen, lasse ich das schlicht nicht gelten. Denn wenn ich mit ihnen gemeinsam ihre Arbeitsabläufe aufdrösele, stellt sich ganz plötzlich heraus, die Zeit ist sehr wohl da.“ Es geht ja nicht immer um große Aktionen - oft genügen kleine Berührungen und Gesten. Ihr Credo lautet deshalb auch: „Aus Kleinigkeiten Großartigkeiten machen."

Über Gabriele Schweller

Gabriele Schweller (48) ist gelernte Altenpflegerin und Pflegepädagogin, außerdem arbeitet sie als Dozentin und Beraterin für Pflege- und Qualitätsmanagement. Bei der Schlüterschen gehört sie auch zu den QuizApp-Autorinnen. 

Autorin: Nina Sickinger

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