Ob beim Waschen, beim Essen geben oder beim Ankleiden – ohne Berührungen geht es in der Pflege nicht. Die meisten Pflegekräfte denken nicht weiter darüber nach. Doch Berührungen besitzen eine große Macht. Sie können beruhigen, Wohlbefinden auslösen, Geborgenheit vermitteln. Was den meisten Menschen nicht bewusst ist: Das Gefühl, das wir bei einer Berührung empfinden, beeinflusst sogar unser Denken – unsere Urteile über andere Menschen genauso wie unsere Essensvorlieben. Unserem Tastsinn kommt dabei die Übermittlungsfunktion zu. Lange wurde der Tastsinn als Stiefkind unter den Sinnen behandelt. Doch das ändert sich gerade – denn es wird immer deutlicher wird, wie prägend der Tastsinn für unser Leben ist. Acht Fakten über Berührungen:
1. Am Anfang ist der Tastsinn
Bei der Geburt ist der Tastsinn derjenige Sinn, der am besten entwickelt ist. Bereits in der siebten Schwangerschaftswoche reagieren die Lippen eines Embryos auf Berührungsreize – zu einem Zeitpunkt, wo der Embryo erst sechs bis 16 Millimeter groß ist! Bis zur 14. Schwangerschaftswoche sind dann alle Körperregionen für taktile Reize empfänglich. Das Hören, Sehen, Schmecken und Riechen entwickeln sich erst später.
2. Streicheln erwünscht!
Es ist noch gar nicht lange bekannt, dass Menschen spezielle Rezeptoren besitzen, die auf Streicheln reagieren – erst im Jahr 2002 entdeckten schwedische Neurowissenschaftler die dafür verantwortlichen C-taktilen Nervenzellen. Sie leiten Reize langsamer weiter als andere Sinneszellen der Haut. Besonders gut reagieren die C-taktilen Nervenzellen auf Berührungen, die mit einer Geschwindigkeit von ein bis zehn Zentimeter pro Sekunde und bei einer Temperatur von 32 Grad Celsius erfolgen. Das entspricht der Temperatur der Hautoberfläche. Pflegekräfte, die diese Erkenntnisse in ihrem Berufsalltag nutzen wollen, müssen wissen: Die "Streichelrezeptoren" befinden sich ausschließlich in behaarter Haut.
3. Gesichtsberührungen fürs Gleichgewicht
Wer wie Pflegekräfte bei der Arbeit Mund-Nasen-Schutz trägt, dem wird täglich deutlich: Menschen fassen sich spontan ins Gesicht – 400 bis 800 Mal am Tag. Bei Stress steigt die Zahl der Selbstberührungen sogar sprunghaft an. Eine Reaktion auf ein emotionales Ungleichgewicht, vermutet Psychologe und Haptik-Forscher Martin Grunwald. Eine Gesichtsberührung bringt uns wahrscheinlich wieder ins seelische Gleichgewicht und fördert die Konzentration.
4. Warmes macht großzügig
Es gibt Tage, an denen die Arbeit schwer zu ertragen ist – anstrengende Kollegen und Ärzte, fordernde Angehörige. Ein Heißgetränk könnte dann Abhilfe schaffen! Denn mit einer Tasse warmen Tee oder heißen Kaffee in der Hand beurteilen wir fremde Menschen positiver. Diesen Effekt haben verschiedene Studien belegt. Die Berührung warmer Gegenstände führt offenbar dazu, dass wir den Charakter anderer Menschen als "wärmer" einschätzen und diese milder beurteilen. Das Berühren von eiskalten Getränken oder Dingen bewirkt das Gegenteil.
5. Hartes macht hart, Weiches weich
Ein harter Stuhl lässt uns weniger empathisch auf unsere Mitmenschen reagieren. Wir beurteilen sie unfreundlicher und beharren stärker auf unserem Standpunkt. Gerade bei einem schwierigen Gespräch mit Pflegekolleginnen oder der Stationsleitung empfiehlt es sich daher, auf eine weiche, komfortable Sitzgelegenheit zu achten. Denn sie lässt uns milder urteilen, den anderen eher positiv erscheinen und uns selbst weniger starr an unseren Ansichten festhalten.
6. Taucheranzug korrigiert Körperbild
Einen ungewöhnlichen Therapieansatz hat Haptik-Forscher Martin Grunwald entdeckt. Ein Neoprenanzug verhilft Magersüchtigen zu einem realistischeren Körpergefühl. Bei Magersüchtigen kommunizieren solche Hirnregionen schlechter miteinander, die für das Verarbeiten von Körperbildern zuständig sind. Das führt dazu, dass Magersüchtige sich trotz starkem Untergewicht als zu dick wahrnehmen. Der enge Neoprenanzug übt einen steten Druck auf Haut und Gelenke aus, welcher dem Gehirn Informationen darüber übermittelt, wo der Körper wirklich endet. Das hilft den Trägern ihren Körper angemessen wahrzunehmen.
7. Der Tastsinn entscheidet über Vorlieben
Welche Berührungen Menschen als angenehm empfinden, ist auch kulturell geprägt. Das gilt sogar für das Gefühl im Mund beim Essen. Deutsche mögen es zum Beispiel, wenn Joghurt cremig ist, Franzosen hingegen bevorzugen eine krümelige Konsistenz. Kulturelle Unterschiede existieren auch bei anderen Dingen: So empfinden Japaner leicht klebrige Flächen als angenehm, während Europäer diese nicht berühren mögen. Grund: Sie assoziieren klebrig mit dreckig.
8. Berührung bis zum Lebensende
Im hohen Alter arbeitet der menschliche Tastsinn weniger genau und bereitet oft Probleme im Alltag, etwa beim Öffnen einer Verpackung oder beim Zuknöpfen einer Jacke. Viele Pflegekräfte kennen das aus ihrer Arbeit mit alten Menschen. Berührungsreize hingegen nehmen sogar hochbetagte Menschen weiterhin gut wahr. Diese Fähigkeit bleibt offenbar lebenslang erhalten – und korrespondiert mit dem menschlichen Wunsch nach wertschätzender Berührung und angenehmem Körperkontakt.
Autorin: Martina Janning