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Gendermedizin

Bei welchen Medikamenten Frauen vorsichtig sein sollten  

Tue noch einmal jemand Gendermedizin als Modeerscheinung ab. Sie hat Erkenntnisse zutage befördert, die für Frauen in manchen Fällen sogar lebensrettend sein können           

In der Vergangenheit lag der Fokus der medizinischen Forschung hauptsächlich auf dem männlichen Geschlecht. Doch seit rund 30 Jahren ändert sich die Sichtweise vieler Wissenschaftler. Zum Glück, denn noch immer sind Frauen im etablierten Gesundheitssystem schlechter versorgt. Das liegt vor allem daran, dass die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau doch größer sind, als ursprünglich gedacht. Teilweise reichen sie bis auf die Zellebene hinunter.

Erst seit 2004 nehmen mehr Frauen an Studien teil

Lange Zeit waren Forschung und Medizin fast ausschließlich männlich geprägt. Männer studierten, forschten und lehrten an den Universitäten und arbeiteten als Ärzte in Krankenhäusern und Praxen. Es liegt daher nahe, dass auch die Forschung sich in der Vergangenheit fast ausschließlich an männlichen Probanden orientierte. Zudem war man sich der großen körperlichen Unterschiede noch nicht bewusst. Man ging davon aus, dass Frauen bei Krankheiten die gleichen Symptome entwickelten wie Männer und einfach eine geringere Dosis bei Medikamenten benötigten. Das führte dazu, dass Frauen beispielsweise öfter an einem unerkannten Herzinfarkt verstarben, wie man in den 1980er Jahren herausfand. Einige Jahre später fiel auf, dass sie auch häufiger unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) zeigten als Männer. Besonders kardiale (das Herz betreffende) Nebenwirkungen waren zu beobachten. Auch auf Impfungen reagierten Frauen stärker.

Erst seit dem Jahr 2004 ist es in Deutschland vorgeschrieben, dass auch weibliche Testpersonen an Arzneimittelstudien teilnehmen müssen. Doch obwohl nun mehr Frauen in die Studien einbezogen werden, liegt der Anteil der Tests an weiblichen Zellen oder Versuchstieren in Phase I der Medikamentenentwicklung auch heute noch – selbst bei frauenspezifischen Erkrankungen – lediglich bei 12 Prozent (Yoon DY et al. 2014).

Weiblicher Zyklus in Studien kaum berücksichtigt 

Ein entscheidender Punkt, der die medizinische Forschung an weiblichen Probanden erschwert: Bei Frauen im gebährfähigen Alter müssen die Wissenschaftler auch den weiblichen Zyklus und mögliche aktuelle oder in der Zukunft liegende Schwangerschaften berücksichtigen.

Bleibenden Eindruck hinterließ in diesem Kontext auch der Contergan-Skandal in den frühen Sechzigerjahren. Dabei kamen tausende Babys körperlich behindert zur Welt, weil ihre Mütter das Schlafmittel Contergan genommen hatten. Das Risiko einer Wiederholung wog für viele Forscher zu schwer. Daher sollen auch heute noch Probandinnen in Phase II und III der Medikamentenentwicklung doppelt verhüten und zur Zeit des Medikamententests nicht schwanger sein. Das bestätigt auch der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa 2021). Dort heißt es: „In der Regel wird Verhütung mit zwei Methoden zugleich verlangt“ (vfa 2021) – also beispielsweise mit Pille und Kondom. Folglich bleibt jedoch auch der Einfluss des weiblichen Zyklus weiterhin ohne Berücksichtigung – dafür wären differenziertere und damit teurere Studien notwendig.

Selbst Aspirin wirkt bei Männern und Frauen unterschiedlich    

Einige Gendermediziner und Genetiker sehen darin ein großes Problem. Die Forschungen seien zu ungenau und zu undifferenziert hinsichtlich ihrer Wirkung auf Frauen in ihrem jeweiligen, natürlichen Zyklusabschnitt. Der Gerinnungshemmer Aspirin wurde beispielsweise vor seiner Markteinführung überhaupt nicht an Frauen getestet. Man wusste also nicht, welche Wirkung das Medikament bei Frauen während ihrer Periode hatte. Erst später stellten Wissenschaftler fest, dass Aspirin bei Frauen eine geringere Thrombozyten-Aggregationshemmung bewirkt. So sind sie schlechter vor einem Herzinfarkt geschützt als Männer; dagegen hat es sich in höherer Dosierung als Sekundärprävention nach einem kardiovaskulären (das Herz-Kreislauf-System betreffendem) Ereignis bewährt. Bei Männern ist Aspirin hingegen in der Schlaganfallprävention weniger erfolgreich.

FDA hat einige Medikamente wegen Lebensgefahr verboten   

Wie wichtig die Gendermedizin für beide Geschlechter ist, stellte auch die amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drugs Administration) fest. Zwischen 1997 und 2001 sah sie sich gezwungen, acht Medikamente vom Markt zu nehmen, weil sie zu lebensgefährlichen Nebenwirkungen geführt hatten, in vier Fällen davon ging es um Nebenwirkungen, die ausschließlich Frauen betrafen (Pollitzer 2013).

Bei Digoxin müssen Frauen sehr vorsichtig sein 

Doch noch immer sind Medikamente im Umlauf, die für Frauen potenziell gefährlich sein können. Dazu gehört Digoxin, das Patienten bei Herzrhythmusstörungen und Herzmuskelschwäche erhalten. Die Forscherinnen Heather P. Whitley und Wesley Lindley von der Pharmazeutischen Fakultät an der Auburn University in Alabama stellten fest, dass die weiblichen Nieren den Wirkstoff langsamer ausscheiden. Folglich benötigen Frauen nicht einfach eine Dosis-Anpassung anhand des Körpergewichts, sondern auch eine deutlich geringere Serumkonzentration. Die gesteigerte Inzidenz bei Frauen für unerwünschte Nebenwirkungen führen die Wissenschaftlerinnen auf eine höhere Bioverfügbarkeit und eine größere Empfindlichkeit gegenüber Medikamenten zurück. Bioverfügbarkeit gibt an, in welchem Umfang, in welcher Zeit und an welchem Ort der Arzneistoff nach der Einnahme im Körper wirkt; sie hängt außerdem ab von der Resorptionsgeschwindigkeit und -quote des Wirkstoffes sowie von einem möglichen First-Pass-Effekt (langsamerer Abbau).

Zudem käme es häufiger zu Wechselwirkungen, weil die Frauen mehrere Medikamente gleichzeitig anwendeten (Polypharmazie). Die häufigste Nebenwirkung dabei seien kardiovaskuläre UAW (75 Prozent häufiger als bei Männern).

Warum Frauen Medikamente anders verstoffwechseln als Männer

Warum Frauen auf Medikamente völlig anders ansprechen können, haben genetische und pharmakologische Studien in den vergangenen zwei Jahrzehnten offenbart. So fand man heraus, dass etwa ein Drittel aller Gene im menschlichen Körper (etwa 6.500 von 18.670 gefundenen Genen) bei Frauen völlig anders agieren als bei Männern. Zwar sind 46 Gewebearten bei den Geschlechtern ähnlich aufgebaut, sieben wesentliche Gewebearten hingegen nicht (Gershoni et al. 2017). Bis heute berücksichtigen viele Pharmazeuten nicht, dass der weibliche Körper einige Wirkstoffe anders aufnimmt, verteilt, verstoffwechselt und ausscheidet als zuvor am männlichen Organismus entwickelt. Die Unterschiede liegen in Beschaffenheit und Organisation (Morphologie) einiger Gewebearten – wie Muskel- und Fettgewebe. Auch das Herz und Reizleitungssystem (kardiovaskuläre Homöostase, Graves 2017) sowie Haut und Haare reagieren bei den Geschlechtern verschieden (Whitley et al. 2009). Dadurch ist auch die Verstoffwechselung von Medikamenten in den Zellen (Metabolismus) nicht gleich – das gilt übrigens auch für Alkohol und Drogen.

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) häufiger bei Frauen

Medikamente entfalten im weiblichen Körper eine andere Wirkstärke, andere Wirkeffekte und eine andere Wirkdauer und Halbwertszeit im Blutserum. Leber, Nieren und Darm bauen die Wirkstoffe oft langsamer ab als bei Männern (https://www.nature.com/articles/500023a). Die Folge: UAW treten häufiger auf. Da Frauen mehr Fettgewebe besitzen als Männer, haben beispielsweise lipophile Medikamente wie Benzodiazepine (verschreibungspflichtige Psychopharmaka) oder Muskelrelaxantien (Medikamente zur Muskelentspannung) bei Frauen eine längere Wirkdauer. Auch Geschlechtshormone können die Medikamentenwirkung deutlich verstärken oder drosseln (Whitley et al. 2009).

Einige Antibiotika und Betablocker wirken bei Frauen weniger  

Frauen, so die Doktorinnen Whitley und Lindley, haben also nicht nur in der Regel ein geringeres Körpergewicht. Sie haben auch eine langsamere Magen-Darm-Passage, eine geringere intestinale (den Darm betreffende) Enzym-Aktivität, einen anderen pH-Wert im Magen sowie eine geringere glomeruläre Filtrationsrate (Größe zur Abschätzung der Nierenfunktion). Entsprechend sind bestimmte Medikamente, wie zum Beispiel manche Antibiotika, die für die Aufnahme in den Körper ein saures Milieu benötigen, bei Frauen weniger gut wirksam. Die längere Magen-Darm-Passage kann die Aufnahme von Medikamenten, wie etwa den Betablocker Metoprolol, im Körper vermindern. Deswegen ist bei Frauen auch die Einnahme von Aspirin nach einer Mahlzeit verzögert.

Bestimmte Medikamente können gefährliche Tachykardien auslösen

Frauen zeigen also nach der Einnahme bestimmter Medikamente schneller Überdosierungsreaktionen. Sie haben außerdem höhere Risiken für sogenannte „Torsade-de-Pointes-Tachykardien“. Dabei handelt es sich um Herzrhythmusstörungen, die sich in kreisenden Erregungen und Kontraktionen im Herzmuskel äußern. Im EKG kann man sie an einem langen QT-Intervall erkennen. Östrogene (weibliches Geschlechtshormon) können dabei verstärkend wirken. Stellen Ärzte bei Patienten Torsade-de-Pointes-Tachykardien“ fest, müssen die Medikamente, die sie vermutlich auslösten, sofort abgesetzt werden. Denn im schlimmsten Fall können die Tachykardien zum Tode führen.

9 Medikamentengruppen, bei denen Frauen sehr aufpassen müssen   

Zu den Medikamenten, die Torsade-de-Pointes-Tachykardien auslösen können, gehören vor allem (Quelle: doi: https://doi.org/10.1002/pds.1727)

  • Antiarrhythmika gegen Herzrhytmusstörungen, wie Amiodaron, Chinidin, Dofetilid, Flecainid oder Sotalol
  • Neuroleptika und trizyklische Antidepressiva, zum Beispiel Haloperidol, Amisulprid, Amitriptylin, Imipramin, Lithium, Risperidon und Thioridazin
  • Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) bei psychischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Citalopram und Escitalopram
  • manche Antiinfektiva, wie Chinolone, Clarithromycin, Cotrimoxazol, Grepafloxicin
  • Antihistaminika gegen Allergien wie Astemizol, Mizolastin oder Terfenadin
  • Antiemetika gegen Übelkeit und Erbrechen, wie Domperidon und Ondansetron
  • Antimykotika gegen Pilzerkrankungen, zum Beispiel Fluconazol oder Ketokonazol
  • Prokinetika zur Förderung der Magen-Darm-Tätigkeit, wie Cisaprid
  • Malariamedikamente, wie Chinin oder Chloroquin.

Besonders weibliche Patienten sollte ihr behandelnder Arzt auf die Möglichkeit dieser unerwünschten Nebenwirkung bei den genannten Medikamenten aufmerksam machen. Die Einnahme ist nur nach Rücksprache und regelmäßiger Wiedervorstellung beim Arzt zu empfehlen.

Gendermedizin findet mehr Beachtung

Da die Organsysteme im weiblichen und männlichen Körper unterschiedlich auf bestimmte Einflüsse reagieren, gründete Vera Regitz-Zagrosek im Jahr 2007 das deutschlandweit erste Institut für Gendermedizin an der Berliner Charité. Die Professorin fand heraus, dass sich zum Beispiel ein Herzinfarkt bei Frauen nicht immer mit den klassischen Symptomen äußert. Männer haben meist Schmerzen im linken Arm, Druck im Brustkorb und Atemnot. Bei Frauen sind aber auch möglich:

  • plötzliche Schmerzen im Rücken und Bauch
  • Übelkeit und/oder Erbrechen

Lange Zeit ordneten Mediziner diese Symptome nicht einem Herzinfarkt zu – mit der Folge, dass die Frauen  nicht die notwendige Behandlung erhielten. 

Gendermedizin im Koalitionsvertrag

Gendermedizin ist ein dringend notwendiges und noch zu wenig behandeltes medizinisches Fachgebiet. Sie erfährt jetzt auch immer größeren Zuspruch und ist sogar Bestandteil des Koalitionsvertrags von SPD, Grünen und FDP. Dort steht: „Wir berücksichtigen geschlechtsbezogene Unterschiede in der Versorgung, bei Gesundheitsförderung und Prävention und in der Forschung und bauen Diskriminierungen und Zugangsbarrieren ab. Die Gendermedizin wird Teil des Medizinstudiums, der Aus-, Fort- und Weiterbildungen der Gesundheitsberufe werden.“

Neben individualisierter Medizin für Mann und Frau, widmen sich Forscher auch zunehmend den Wirkungsweisen von Therapien auf nonbinäre Menschen und Transpersonen. Wichtig ist bei aller Forschung der fokussierte Blick auf den einzelnen Patienten.

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Literaturempfehlung

Criado-Perez C. Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert, btb-Verlag München, 7. Auflag, deutsche Erstausgabe btb-Verlag München, 3/2020, Originalausgabe 2019.

Autorin: Melanie Klimmer

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