Foto: Daniel Bergs
Jede Pflegekraft muss mit den PPR 2.0 einmal am Tag jeden Patienten retrospektiv einschätzen. 

Personalbemessung

Bedeuten die PPR 2.0 mehr Arbeit für Pflegekräfte? 

Wir fragten jemanden, der bereits Erfahrung mit den PPR 2.0 gesammelt hat: Arne Evers, Pflegedirektor im St. Josefs-Hospital Wiesbaden und häufiger Gast in PPR-2.0-Diskussionsrunden        

pflegen-online: Herr Evers, Sie haben sich bereits intensiv mit den PPR 2.0 beschäftigt und bringen sich immer wieder in Diskussionen ein. Können Sie an einem prägnanten Beispiel erklären, wie die PPR 2.0 funktionieren?

Arne Evers: Nehmen wir den bettlägerigen Patienten mit einer chronisch offenen Wunde. Er erhält eine Ganzkörperpflege und einen aufwendigen Verbandswechsel. Dann gibt es die PPR 2.0-Tabelle, wo jede Maßnahme genau beschrieben ist. Hier stufe ich ihn in die Bereiche A (Allgemeine Pflege) und S (Spezielle Pflege) ein. In den Bereich A fällt die Ganzkörperpflege, der Bereich B geht in Richtung Therapie wie die Wundversorgung. So komme ich bei diesem Patienten beispielsweise zur Einschätzung A3/S3. Jeder dieser Stufen ist ein bestimmter Minutenwert zugeordnet. Am Ende summiere ich auf einer Station alle Minutenwerte, die ich einmal am Tag ermitteln muss.

Außerdem kommt bei jedem Patienten noch einmal ein täglicher Grundwert mit einer bestimmten Minutenzahl hinzu. Addiert wird bei der Aufnahme noch ein einmaliger Fallwert, ebenfalls übertragen in  Minutenwert. Für Isolationspatienten gibt es einen weiteren Minutenwert. Die Minutenwerte, die ich für einen Patienten, für eine Station, eine Abteilung oder ein ganzes Haus errechne, kann ich dann durch die Anzahl der Pflegekräfte rechnen, die während der Dienstzeit anwesend sind. Auch deren Anwesenheitszeit wird in Minuten umgerechnet.

Das bedeutet vereinfacht gesagt, die Minutenwerte der Patienten werden durch die Anzahl der Minuten des anwesenden Pflegepersonals geteilt, oder?

Ja, das fiktive Ergebnis für einen Tag könnte dann etwa lauten: Ich hatte einen Pflegeaufwand von 3.500 Minuten und Pflegekräfte waren in einem Zeitraum von 3.000 Minuten anwesend. Das heißt für dieses Beispiel: Mir fehlen 500 Minuten an Pflegepersonal, die ich eigentlich besetzen müsste – das ist simple Mathematik. So kann ich dann die Aussage treffen, ob ich eine gute oder schlechte Personalausstattung hatte – und das individuell bemessen am Klientel meiner Station oder meiner Abteilung oder des Hauses. Die PPR 2.0 unterscheidet sich also ganz deutlich von den Pflegepersonaluntergrenzen, denn den PPUGV fehlen diese Merkmale.

Wer hat alles Arbeit mit den PPR 2.0?

Das ist einfach: Die einzelne Pflegefachperson erhebt die Daten für den patientenindividuellen Fall, das Pflegemanagement wertet die Daten aus. Die einzelne Pflegekraft wird also kaum, wie häufig behauptet, mit irgendwelchen Berechnungen zu tun haben.

Spätestens bei den Berechnungen des Bedarfes wird es dann etwas spannender, denn der Aufwand wird abhängig davon sein, was eigentlich nach der Datenerhebung kommt. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe, der DBfK, fordert ja beispielsweise ein eigenes Institut für die Pflegepersonalbemessung. Es kann aber auch sein, dass das InEK, das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus, die Daten erhält oder die Selbstverwaltung.

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Und wie werden die erhobenen Daten übermittelt?

In welcher Form sie dann weitervermittelt werden, weiß man noch nicht. Ob es dann ein Excel-Tool gibt, in dem ich arbeite, oder ob es ein automatisiertes System mit Schnittstellen ist – das alles ist  derzeit unklar. Die Daten könnten regelmäßig ans Bundesgesundheitsministerium gemeldet werden – Pflegepersonalquotient, Pflegebudget etc. lassen grüßen. Der Pflegegrad wird ja auch heute schon von den Krankenkassen an uns in den Krankenhäusern übermittelt. Diese Schnittstelle könnte auch künftig beispielsweise für die Einstufung E A4/S4 genutzt werden. Alle Daten laufen dort dann automatisiert einmal am Tag rein. Daher wäre die Datenübermittlung wahrscheinlich auch simpel zu lösen und vermutlich keine große IT-Herausforderung.

Ich kann mir aber natürlich auch ein Tool bauen  oder bauen lassen, das stationsindividuell den Bedarf ausrechnet und weiß, wie hoch das Delta bei einer Station X wäre. Aber auch das ist abhängig vom Ministerium, beispielsweise davon, ob der sogenannte Ganzhausansatz zum Tragen kommt. Hier würde ich eine Gesamtzahl X an Pflegepersonalbedarf ermitteln und kann dann als Krankenhaus das Personal selbst verteilen, denn ich weiß ja anhand der Daten, wo der Schuh drückt. Es gibt aber beispielsweise in Amerika auch den Ansatz dies gemeinsam mit der Arbeitnehmervertretung festzusetzen. Beide Varianten sind vermutlich deutlich weniger aufwendig als die derzeitigen Untergrenzen. Aber auch hier gilt: Es herrscht noch Unkenntnis, das Wort „Umsetzunsgrade“ lässt erahnen, dass wohl nicht eine 100-prozentige Deckung des Deltas unmittelbar das Ziel sein wird.

Sie sagten, die Pflegekräfte werden nicht selbst berechnen müssen. Einen gewissen Aufwand werden sie aber trotzdem mit den PPR 2.0 haben. Können Sie die Arbeitsschritte beschreiben? 

Wir im St. Josef-Hospital Wiesbaden nutzen die PPR noch immer und haben auch den PPR-2.0-Pretest durchlaufen. Einmal täglich muss jeder Patient – am besten zwischen 15 und 21 Uhr – von einer Pflegekraft eingeschätzt werden. Der Arbeitsaufwand ist aber absolut überschaubar. Wenn ich diese Dokumentation noch in Papierform mache, dann muss ich das einmal am Tag abzeichnen. Bei 15 Patienten ist das – wenn überhaupt – eine halbe Stunde Arbeit. Vieles läuft auch jeden Tag gleich ab, nicht immer ändern sich alle Maßnahmen täglich – das muss die Pflegekraft dann nur weiterziehen. Bürokratie-Entlastung muss an anderer Stelle funktionieren. Eine  pflegefachliche Einschätzung des Pflegeaufwands ist nicht zu vermeiden, es handelt sich nun einmal um ureigenes pflegerisches Handwerk.

Es gibt aber schon die digitalisierte PPR 1.0: Dabei dokumentiert die Pflegekraft beispielsweise am Pflegedurchgangswagen direkt am Patienten digital in die Kurve, was sie gerade getan hat. Der Arbeitsaufwand ist dann noch geringer. So oder so ist der Arbeitsaufwand für die Pflegekräfte aus meiner Sicht kein Argument, das erlernt man sehr zügig.

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Interessant wird es höchstens für die Institutionen, die jetzt beispielsweise schon digitale Pflegesysteme wie epa-AC oder LEP umgesetzt haben; sie müssten eventuell eine doppelte Bürokratie vorhalten. Aber auch hier liegt der Handlungsbedarf aus meiner Sicht eher bei den Firmen, die diese Systeme umsetzen. Sie müssen dafür Sorge tragen, wie daraus die PPR-Minuten abgeleitet werden können. Die Kritik, dass die PPR 2.0 derzeit nicht digital anwendbar ist, perlt aus meiner Perspektive aber allein deshalb schon ab, weil es für die IT-Firmen ja gar keinen gesetzgeberischen Grund gab, die PPR 2.0 zu implementieren. Ich denke, dass die großen KIS-Hersteller sich hier sehr zeitnah auf den Weg machen werden, wenn die Spielregeln klar vorgegeben sind.

Erfordern die PPR 2.0 eine Schulung?

Ja, die Pflegekräfte brauchen auf jeden Fall alle einmal eine Schulung. Es ist klare Aufgabe des Pflegemanagements – in Zusammenarbeit mit der Pflegepädagogik – Schulungskonzepte zu entwickeln oder dies in die Ausbildung zu integrieren. Denn Ziel ist, dass jede Pflegefachperson zum selben Ergebnis kommt – egal, welche Pflegefachperson den Patienten einschätzt. Dennoch ist auch dieser Aufwand aus meiner Sicht überschaubar: Sie zeigen es einmal, dann machen die Pflegefachpersonen es dreimal und dann können sie es auch. Die Pflegekräfte sollen die Einschätzung machen, die Berechnungen danach macht dann das Pflegemanagement, vermutlich noch nicht mal die Stationsleitung, die aber natürlich ein Interesse an den Daten haben sollte.

Interview: Alexandra Heeser

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Arne Evers, Pflegedirektor im St. Josefs-Hospital Wiesbaden
Foto: St. Josefs-Hospital Wiesbaden
Arne Evers, Pflegedirektor im St. Josefs-Hospital Wiesbaden

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