Springer-Pools machen Arbeitgeber in der Pflege attraktiv. 
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Springer-Pools machen Arbeitgeber in der Pflege attraktiv. 

Pflegedienst

Bayern bastelt an Konzept gegen Zeitarbeit

Zeitarbeit wird für ambulante Dienste und Pflegeheime zu einem immer größeren Problem. Nun versucht Bayern mit innovativen Springer-Konzepten – wie sie in vielen Kliniken schon bestehen – die Zeitarbeit einzudämmen

Unter dem Titel „Teure Leiharbeit in der Pflege“ berichtete das ARD-Politmagazin „Report Mainz“ Mitte März über drohende Versorgungsengpässe, weil viele Pflegeheime die immer teurer werdende Zeitarbeit nicht mehr finanzieren können. In dem Bericht kam auch Margarete Vehrs zu Wort. Die Direktorin der Pro Seniore-Residenz in Cochem an der Mosel muss derzeit vier Pflegezeitarbeitskräfte beschäftigen für jeweils über 10.000 Euro im Monat, um den Pflegebetrieb aufrecht zu erhalten: „Gesamtwirtschaftlich kann ein Haus dadurch zugrunde gehen“, sagt Margarete Vehrs. Sie hat Konsequenzen gezogen: Ihr 70-Betten-Heim hat 15 Betten stillgelegt, weil Pflegekräfte fehlen.

Heimplätze werden stillgelegt, weil Zeitarbeit zu teuer wird

Der durch Pflegekräftemangel und teure Zeitarbeit bedingte Leerstand in der Cochemer Einrichtung ist kein Einzelfall. Deutschlandweit entscheiden sich Pflegeheime immer häufiger für Betten-Stilllegung und gegen Zeitarbeit – auch in Bayern. Für den bayerischen Gesundheitsminister Klaus Holetschek steht die Pflege sogar „kurz vor der Insolvenz“. Um die zu verhindern, will das Gesundheitsministerium mit Geld und neuen Ideen dagegen ansteuern. „Innovative Springerkonzepte“ sollen den Pflegekräfte-Notstand zumindest ausbremsen.

„Springerkonzepte sind ein wichtiger Baustein für verlässliche Arbeitszeiten und damit für mehr Gesundheit und Zufriedenheit des Pflegepersonals. Sie tragen außerdem dazu bei, den Einsatz von Leiharbeit einzudämmen, vorhandenes Personal zu halten und neues zu gewinnen“, so ein Sprecher des bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege gegenüber pflegen-online. Vorbild für diese Springerkonzepte in der ambulanten und stationären Pflege ist ein von der Diakonie Bayern entwickeltes innovatives Ausfallzeitkonzept für einen strukturierteren Einsatz von Pflegepersonal.

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Springer-Konzepte: weniger Krankmeldungen und Überstunden  

Eine erste Auswertung des Konzepts zeigt: Die Überstunden gehen um bis zu 66 Prozent zurück, die Arbeitszufriedenheit steigt deutlich und Krankmeldungen gehen zurück. „Die Konzepte, die wir in der bayerischen Diakonie erprobt haben, können eindeutig dazu beitragen, die Krise in der Pflege zu lindern“, meint Diakonie-Vorständin Sandra Schuhmann.

Im bayerischen Diakonie-Modellkonzept wurden drei verschiedene Konzepte erprobt: 

  • Springerpools mit Pflegekräften, die nur begrenzt Zeit haben: Sie können ihre abrufbaren Dienstzeiten angeben und dann bei einem Ausfall einspringen. Dieses Konzept eignet sich vor allem für Pflegekräfte in Elternzeit oder Alleinerziehende
  • Springerdienste, die auf alle Pflegefachkräfte in der Einrichtung aufgeteilt werden, so dass jede Person gelegentlich einspringt
  • Eine Springerkraft, die in einem Wohnbereich arbeitet, in dem es kürzlich eine Kollegin oder ein Kollege ausgefallen ist. Sollte es keinen Ausfall mehr geben, kann die Springerkraft anderweitig eingesetzt werden, damit andere Pflegekräfte zum Beispiel Überstunden abbauen können.

Springer kommen in dem Konzept zusätzlich dazu  

Für die Diakonie-Springerprojekte wurden Pflegekräfte über den eigentlichen Personalschlüssel hinaus eingestellt. Finanziert werden die erst einmal über die evangelisch-lutherische Landeskirche in Bayern. Verlässliche Arbeitszeiten und gesicherte Erholungszeiten sind wichtige Faktoren, um Pflegekräfte im Beruf zu halten und neue Pflegekräfte zu gewinnen, so auch die Ergebnisse einer Evaluation der Diakonie-Springerprojekte.  Deutlich wurde, dass „strategisches Ausfallzeitmanagement durch den Einsatz von Springerkonzepten ein Baustein zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege sein kann“, sagt Helena Armbrecht von der Diakonie Bayern.

Mit Springer-Konzepten Aussteiger zurück in den Beruf holen

Obwohl die Diakonie das Konzept bisher noch nicht flächendeckend einsetzen kann, weil „wir uns noch mit der Problematik der fehlenden Refinanzierung der Springerlösungen beschäftigen“, habe man, so die Referentin stationäre Altenpflege, „durchaus gemerkt, dass gerade Springerpools eine Möglichkeit sind, um Pflegekräfte die bereits wegen unmöglicher Vereinbarung von Privatleben und Beruf aus der Branche gegangen sind, wieder zurückzuholen. Immer unter der Voraussetzung, dass sie ihre Dienstzeiten selbst bestimmen konnten.“

Springer-Pools gut für neugierige Pflegekräfte geeignet

Und weiter: „Auch generell sind Springerstellen eine gute Option für Mitarbeitende die weniger gern im Team arbeiten, gerne Neues entdecken  oder verschiedene Bereiche ausprobieren wollen. Die Einführung eines strategischen Ausfallzeitmanagements durch Springerkonzepte erweitert in jedem Fall das Portfolio von Einrichtungen und hat positive Effekte in der Mitarbeitendengewinnung“, ist sich Helena Armbrecht sicher.

Bayern inestiert 7,5 Millionen Euro für Springer-Konzepte

Nun hat das bayerische Gesundheitsministerium diesen Diakonie-Ansatz aufgegriffen und unterstützt mit 7,5 Millionen Euro innerhalb einer zweijährigen Erprobungsphase 20 stationäre und 10 ambulante Einrichtungen „um die bei den Pflegeeinrichtungen entstehenden höheren Personalausgaben aufzufangen und damit steigende Eigenanteile der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen zu verhindern,“ so das Ministerium weiter.

Das genaue Prozedere wird gerade „mit den Partnern der Pflege-Selbstverwaltung“ festgelegt. Welche Einrichtungen an dem Projekt teilnehmen werden, ist noch nicht entschieden. Das Ministerium: „Ziel ist es, dass verschiedene Einrichtungstypen einbezogen werden (große/kleine, städtische/ländliche) und verschiedene Springerkonzepte erprobt werden (Springerdienste, Springerkräfte und Springerpools).“ Und weiter: „Ziel ist die Etablierung von trägerorganisierten Springerkonzepten mit Personal der Träger. Im Unterschied zur Leiharbeit sollen die Springermodelle auf einrichtungszugehöriges Personal zurückgreifen das die Einrichtungen und die Pflegebedürftigen bereits kennt und gegebenenfalls einrichtungsübergreifend eingesetzt wird. Dabei werden spezielle Mitarbeitende für personelle Engpässe bereitgehalten um so etwa das ‚Holen aus dem Frei’ zu verhindern.“

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Es handelt sich nicht um eine externen Springer-Pool

Allerdings, so schränkt ein Pressesprecher des Ministeriums auf Nachfrage ein, dass es nicht „Ziel der zu erprobenden Springerkonzepte ist, einen oder mehreren von den Pflegeeinrichtungen unabhängigen Pool zu etablieren“. Hintergrund sind hier die arbeitsrechtlichen Barrieren – Stichwort Arbeitnehmerüberlassung – und mögliche Konflikte mit den Zeitarbeitsfirmen, die in diesen überbetrieblichen Springerpools unzulässige Konkurrenz sehen.

Nach 2024 sollen die Springer-Pools dann mit den evaluierten Erfahrungen in die Regelversorgung übergehen. Ziel ist es, so der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek, das „statt Leiharbeit“ mit flexiblen Springerpools „der Weg in die Zukunft“ gegangen wird. – Große Worte des Ministers. Ob mit diesen Springer-Konzepten allein das grundsätzliche Problem des Pflegefachkräftemangels behoben werden kann, bleibt vorerst sein Geheimnis.

Autor: Hans-Georg Sausse

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