Foto: Canva/Christiane Neubauer

Aufgebrachte Bewohner: 9 innovative Deeskalations-Tipps

Verwirrende Deeskalation – so nennen das Autoren-Quartett des Buches „Gewaltprävention in der Pflege und Betreuung“ ihre ungewöhnlichen Tipps für die Altenpflege

Hinter den ungewöhnlichen Tipps zur Deeskalation steckt ein vierköpfiges Expertenteam:

  • Thomas Hecker, Altenpfleger, Qualitätsauditor, Mediator und Schulungsreferent zur Prävention sexueller Gewalt
  • Michael Jung-Lübke, Pädagoge, Mediator, Deeskalationstrainer und Schulungsreferent zur Prävention sexueller Gewalt
  • Stefan Freck, Systemischer Supervisor (DGsV), Fachberater bei sexualisierter Gewalt und Organisationsentwickler in sozialen Einrichtungen
  • Peer Friedenberg ist Krankenpfleger mit Mentoren- und Gemeindepsychiatrischer Zusatzausbildung, Deeskalationstrainer, Fachkraft im Betreuten Wohnen der psychiatrischen Unterstützung.

Für alle Tipps, so betonen die Autoren, gilt, wie fast immer im Leben bei der Frage nach einer angemessenen Reaktion: Es kommt auf den Zusammenhang und die Temperamente der Personen an. Empathie, Flexibilität und spezielle Kenntnisse der Eskalationsdynamik sind gefragt. Die Autoren raten Leitungskräften deshalb zu Deeskalations-Schulungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

1. Lenken Sie Ihr Gegenüber ab

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Sie werden beispielsweise von einer Bewohnerin, die in der Vergangenheit bereits mehrfach übergriffig wurde, bedrängt und beschimpft. Eine Maßnahme wäre hier, ein paar Sekunden abzuwarten und dann zum Beispiel auf deren Füße zu schauen und zu fragen: Ja, Frau Maier, haben Sie neue Schuhe? Das sorgt für eine spontane Irritation, die Bewohnerin wird eventuell von ihrem Vorhaben ablassen. Schuhe stehen hier natürlich stellvertretend für alle anderen Objekte, die Sie in einer derartigen Situation wählen können.

2. Werden Sie leiser

In Auseinandersetzungen und Konflikten neigen wir dazu, lauter zu werden, um unseren Standpunkt deutlich zu machen und gehört zu werden. Meist ist dies eine recht automatische Reaktion und ein Wort gibt schnell das andere. Diesen Teufelskreis können Sie unterbrechen, indem Sie genau das Gegenteil tun: nämlich leiser werden. Damit wird Ihr Gegenüber wahrscheinlich nicht rechnen – die Lage kann sich entspannen.

3. Reichen Sie die Hand

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In unserer Kultur sind wir es gewohnt, uns zur Begrüßung die Hand zu geben. Das heißt, wir ergreifen automatisch eine hingehaltene, offene Hand. Diese Intervention kann eine kritische Situation direkt entschärfen, weil die erregte Person kurzfristig abgelenkt ist.

4. Reden Sie einfach mal Unsinn

Haben Sie schon einmal versucht, einen aggressiven Bewohner mit etwas völlig Unverständlichem oder Wörtern ohne Bedeutung anzusprechen? Er wird definitiv innehalten und versuchen zu verstehen, was Sie ihm gerade sagen möchten und welchen Sinn dies haben könnte. Die Lieblingsformulierung des Autors: „Pluborski buro“. Aber Ihrer Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

5. Machen Sie Komplimente

Jeder, der aggressiv oder laut wird, befindet sich in einer Art Krise. Wenn er sich nicht beruhigen lässt, machen Sie ihm ein Kompliment. Positive Interventionen wären zum Beispiel „Waren Sie beim Friseur? Das steht Ihnen aber gut“ oder „Ach, Sie haben heute wieder dieses schöne Kleid an, das mag ich sehr“. Dadurch erreichen Sie nicht nur eine kurzfristige Ablenkung, sondern Sie nehmen Ihrem Gegenüber eventuell auch komplett den Wind aus den Segeln.

6. Schlagen Sie sich auf die Seite Ihres Gegenübers

Wir alle haben uns wahrscheinlich schon dabei ertappt: Haben wir es mit aufgebrachten Menschen zu tun, neigen wir dazu, uns zu verteidigen. Das ist ein ganz menschlicher Impuls, sorgt aber eher dafür, dass sich unser Gegenüber noch mehr aufregt. Der gleiche Effekt stellt sich vielleicht auch ein, wenn wir versuchen, die Situation zu erklären oder abzumildern.

Noch besser wirkt, sich mit der Person zu solidarisieren und ihr zeigen, dass wir ihre Enttäuschung, Wut oder was auch immer dahinter steckt, ernst nehmen. Sagt die Tochter beispielsweise zum wiederholten Male den Besuch bei der Mutter ab, können Sie sagen: „Ach, das ist ja wirklich schade. Ich verstehe, dass Sie traurig sind. Ich hole Ihnen erst einmal einen warmen Tee.“ Damit zeigen Sie Interesse und signalisieren, dass Sie die Gefühle ernst nehmen.

7. Küssen erlaubt

Eine recht ungewöhnliches Beispiel, das der Autor so erklärt: „In einem Seminar ging es um Befreiungsmöglichkeiten, wenn jemand von hinten umfasst und umklammert wird. Ein Teilnehmer erklärte, dass dies kein Problem sei, ließ sich umklammern und wartete, bis der ‚Angreifer‘ ihm von hinten ganz nahe kam. Dann drehte er plötzlich seinen Kopf zur Seite und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Dieser war so perplex, dass er überrascht los ließ.“ Dies ist aber sicher eine Intervention, die man nicht bei jedem anwenden kann oder möchte.

8. Nutzen Sie den Überraschungsmoment

Wenn eine Situation mit einem Bewohner zu eskalieren droht, fangen Sie einfach mal an zu tanzen, zu hüpfen, zu springen oder sich im Kreis zu drehen. Auch Singen, Pfeifen oder Jodeln (falls Sie es vermögen) kann helfen, eine kritische Lage zu entschärfen. Ihr Gegenüber rechnet sicherlich nicht mit einer derartigen Reaktion. Das Überraschungsmoment ist auf Ihrer Seite, die Stimmung kann sich verändern.

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9. Reagieren Sie nicht auf Beleidigungen

Oft versuchen aggressive Personen zu provozieren, indem sie ihr Gegenüber beleidigen. Dahinter steckt die Hoffnung, dass der Betreffende darauf anspringt, die Selbstkontrolle verliert und die Situation eskaliert. Eine angemessene Reaktion wäre, trotz aller Gefühle, die das in Ihnen auslöst, ruhig und besonnen zu bleiben, und die Beleidigungen nicht persönlich zu nehmen. Das ist sicherlich nicht einfach, aber so gelingt es besser, die etwaige Sachaussage von der Beleidigung zu trennen und einen kühlen Kopf zu bewahren.

Dieser Tipp ist nicht neu, er gehört heute zum kleinen 1x1 der Deeskalation, trotzdem ist auch er ein Bestandteil der verwirrenden Deeskalation, weil derjenige, der beleidigt, eine ganz andere, eine aufbrausende Reaktion erwartet.   

Autorin: Nina Sickinger

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