Aktvierung und Betreuung

Auch für Pflegeheim-Bewohner ideal: Birdwatching!

Vogelbeobachtung (Birdwatching) passt so gut zu Ostern wie Eier bemalen - und kommt auch bei vielen männlichen Bewohnern gut an. Weiterer Pluspunkt: Es hebt nachweislich die Stimmung!

Inhaltsverzeichnis

[Der Artikel ist zuerst am 2. Oktober 2019 erschienen und wurde am 10. April 2022 aktualisiert.]

Von Hunden und Katzen weiß man, dass sie älteren alleinstehenden Menschen eine wichtige Stütze im Kampf gegen Einsamkeit sein können. Kaum Beachtung wurde dagegen bislang wildlebenden Vögeln geschenkt. Dabei steht Vogelbeobachtung hoch im Kurs. Ob Helgoland, Juist, Bodensee, Afrika oder Bretagne – wer einmal dem „Birdwatching“ verfallen sei, werde zum „Wiederholungstäter“, heißt es bei „birdingtours“, einem auf Vogelbeobachtung spezialisierten Reiseveranstalter. Aber man muss gar nicht so weit reisen: Viele Menschen füttern die Vögel gern im eigenen Garten oder auf dem Balkon. Gerade Senioren erfreuen sich an Spatzen, Amsel, Meise und Co..

Bayern testete den Effekt von Vogelbeobachtung in über 70 Pflegeheimen

Ziehen die alten Menschen dann aber in ein Heim, so endet der Spaß an der Vogelbeobachtung meist abrupt. Ein landesweites Modellprojekt in Bayern, das von 2017 bis 2020 in 76 Pflegeheimen lief, hat gezeigt, dass das so nicht sein muss. Vogelbeobachtungsstationen sollen den pflegebedürftigen Heimbewohnern wieder Kontakt mit der Natur vermitteln. Wohlbefinden und Lebensqualität dürften dadurch steigen, so die Hoffnung der Akteure. Denn wissenschaftlich war bereits erwiesen, dass die Natur heilsame und beruhigende Effekte hat. Ob sich dies auf die Vogelbeobachtung pflegebedürftiger Heimbewohner übertragen ließ, war zuvor allerdings noch nicht untersucht worden.

Das Projekt „Alle Vögel sind schon da“

Die Präventionsmaßnahme „Alle Vögel sind schon da“ war das weltweit erste Vorsorgeprojekt, das einen solchen Bezug herstellte. Wissenschaftlich begleitet wurde es vom Fach Psychologie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt unter Leitung von Professorin Elisabeth Kals und Susanne Freund. Den teilnehmenden Einrichtungen wurde umfangreiches Material zur Verfügung gestellt, darunter Informationen zur Vogelbestimmung, eine Vogelfuttereinrichtung sowie ein Starterpaket Futter.

Vogelbeobachtung sollte vom Heim aus möglich sein

Im Gegenzug mussten die Heime sich verpflichten, einen „Vogelbeauftragten“ zu bestimmen, der für Erhalt und Pflege der Futterstation zuständig und Ansprechpartner für die Projektveranstalter ist. Wichtig war auch, dass die Vogelbeobachtungsstation von möglichst vielen Bewohnern aus dem Haus heraus beobachtet werden konnte. Wünschenswert wäre auch die Möglichkeit für eine weitere Futterstation auf der Terrasse oder im Garten, hieß es in der Ausschreibung, damit die Senioren die Beobachtung mit einem Gang nach draußen verbinden.

Heimleiterin Bender: Senioren positionieren sich vor den Vogelfenstern

Das Caritas-Altenheim St. Hedwig in Veitshöchheim hatte sich bei dem Projekt beworben und den Zuschlag bekommen. Heimleiterin Barbara Bender ist inzwischen überzeugt: „Das ist eine gute Sache, und zwar unabhängig von der Jahreszeit. Wir füttern die Vögel ganzjährig, also im Sommer und Winter. Man hat uns erklärt, dass das ganz wichtig sei.“ Von den Bewohnern würde die Vogelstation „sehr gut angenommen“. Viele Senioren würden sich jetzt regelmäßig vor den Vogelfenstern positionieren und auf die Terrasse schauen. Das Futter werde mittlerweile auf eigene Kosten angeschafft. Bezahlt würde es aus dem Etat für Veranstaltungen und Feste, berichtet Bender.

Psychosoziale Gesundheit verbessert sich

Dass Heime mit solch expliziten Möglichkeiten zur Vogelbeobachtung die psychosoziale Gesundheit ihrer Bewohner deutlich positiv beeinflussen, stand für die Forscher schon in einem 33-seitigen Zwischenbericht fest: „Durch das Angebot der Vogelbeobachtung, der Anregung zur Bewegung und zum Nachdenken über die beobachteten Vögel kann das soziale Wohlbefinden direkt gesteigert werden.“ Auch die mentale Leistungsfähigkeit der Heimbewohner sei gestärkt worden. „Die Annahme, dass Vogelbeobachtung das Potenzial hat, Menschen gesünder und glücklicher zu machen, ist völlig richtig“, betonte Elisabeth Kals. Mit Haustieren ließe sich ihrer Meinung nach ein solches Ergebnis nicht erzielen. Die Vogelbeobachtung entfalte seine Wirkung gerade deshalb, weil wildlebende Tiere freiwillig eine kurze Bindung zum Menschen eingingen.

Fazit: gut für Mobilität und Psyche

Inzwischen ist das dreijährige Projekt abschließend evaluiert worden. Über 1500 BewohnerInnen und über 300 MitabeiterInnen der Einrichtungen haben an den Befragungen teilgenommen. Die Teilnehmer waren zwischen 40 und 106 Jahre alt, es seien alle Pflegegrade erreicht worden. Damit seien die Daten zu großen Teilen repräsentativ für die Situation in vollstationären Pflegeeinrichtungen in Bayern, betonen die Verantwortlichen um Studienleiterin Kals. Das Modellprojekt fördere die kognitiven Ressourcen, Mobilität und die psychosoziale Gesundheit der BewohnerInnen. Insbesondere der Bereich Aufmerksamkeit und Gedächtnis werde bereits nach zwei bis drei Wochen als deutlich besser bewertet. Während der Corona-Zeit sei das Präventionspojekt noch einmal deutlich häufiger genutzt worden, auch weil andere Aktivitäten und Angebote weggefallen seien. Die positiven Effekte auf die BewohnerInnen hätten sich in dieser Zeit auch noch einmal verstärkt, heißt es in dem 65-seitigen Abschlussbericht.

Britische Studie: Mehr Vögel, weniger Depressionen

In einer früheren britischen Studie war bereits gezeigt worden, dass es einen Zusammenhang in städtischen Wohnquartieren zwischen Vogelhäufigkeit und psychischen Krankheiten von Menschen gibt: Je weniger Vögel es in einem Wohnquartier gibt, desto mehr Menschen erkranken an Depression, Angststörungen und Stress. Der britische Biologe Daniel Cox zog das Fazit: „Dort, wo es mehr Vögel gibt und wo Menschen auch die Möglichkeit haben, ihnen zu begegnen, gibt es weniger psychische Erkrankungen.“

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Gesundheitsminister Klaus Holetschek hat Schirmherrschaft

Insofern dürfte das Projekt „Alle Vögel sind schon da“ bundesweiten Vorbildcharakter haben. In Bayern hat inzwischen Gesundheitsminister Klaus Holetschek die Schirmherrschaft übernommen. Projektpartner sind neben der Uni Eichstätt-Ingolstadt die Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung Bayern e. V. (ANU) und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern e. V. Finanziert wird das Projekt von verschiedenen Pflegekassen.

Auch nach Ablauf der dreijährigen Projektfrist würden noch zwei Jahre lang 80 vollstationäre Pflegeheime pro Jahr gefördert, wenn sie sich für „Alle Vögel sind schon da“ entscheiden, berichtet LBV-Landesgeschäftsstellenleiterin Kathrin Lichtenauer. „Wir freuen uns über weitere Bewerbungen.“ Das Feedback der Heime sei durchweg positiv. „In einigen Häusern, wo die Vogelfutterstation schon wieder abgebaut worden war, hat man sie während der Corona-Zeit reinstalliert.“ Schade sei, dass nur vollstationäre Heime profitieren. Gerade aus der Tagespflege kämen viele Anfragen, aber die Kassen hätten sich bei diesem Projekt bislang nur auf die vollstationären Häuser konzentriert mit ihrer Förderzusage.

Weitere Infos zum Projekt

Autorin: Birgitta vom Lehn

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Foto: Jens Kohrs

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