Tatort "Im toten Winkel"

Auch der MDK bekommt sein Fett weg

Ich war gespannt auf diesen Tatort, der „die katastrophalen Missstände in der häuslichen Pflege offenlegen und anprangern“ sollte ...

Inhaltsverzeichnis

Dieses vielschichtige und nicht eben unterhaltsame Thema ambulante Pflege in einen Tatort zu verpacken, war mutig. Die Autorin Katrin Bühlig beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Pflege, es reizte sie schon lange, es einem Millionenpublikum nahezubringen. Und welches Team eignete sich dafür, wenn nicht das Bremer Duo, das fast schon auf Sozialdramen abonniert ist?

Häufig versagt das Fernsehen beim Thema Demenz

Ich muss gestehen, ich schlafe gern mal ein beim Tatort. Weil ich den Faden verloren habe oder schlichtweg das Interesse. Bei diesem Tatort "Im toten Winkel": keine Gefahr! Ich arbeite selbst nicht direkt in der Pflege, habe jedoch als Lektorin damit zu tun und meine an Demenz erkrankte Ur-Oma als auch meine Oma auf diesem Weg begleitet. Oft schon ärgerte es mich daher, wenn ich den Eindruck hatte, dass Film- und Fernsehproduktionen sich dem Thema Demenz und häusliche Pflege nicht so annähern, dass auch ein nicht betroffener Zuschauer einen tieferen Einblick bekommt. Häufig wird ein sehr verzerrtes Bild geboten, das mit der Realität nur wenig zu tun hat.

Hiltrud Hauschke als demenzkranke Mutter - sensationell!

Das war bei diesem Tatort vollkommen anders! Hier bekommt jeder sein Fett weg, auch der MDK-Gutachter. Ich war beeindruckt von der sachlichen Ebene, vom geballten Hintergrundwissen, das quasi nebenbei vermittelt wurde. Und noch mehr beeindruckte mich die Darstellung der Charaktere und ihre schauspielerische Umsetzung. Endlich einmal eine unaufgeregte, bis ins Detail realistische, ungeschönte, aber auch angenehm unbewertete Nahaufnahme. Allen voran die demenzkranke Mutter (gespielt von Hiltrud Hauschke): sensationell! Und mittendrin Kommissarin Inga Lürsen, empathisch und melancholisch, still berührt von dem komplexen Drama um das Leid aller Beteiligten: Hier lässt man auch eine Positionierung jenseits des moralischen Zeigefingers stehen.

Sollten Sie den Tatort verpasst haben: Schauen Sie ihn sich unbedingt an – bis zum 10.April 2018 ist er in der ARD-Mediathek abrufbar.

Autorin: Anja Töller

Foto: Radio Bremen/Christine Schröder

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