Ätherische Öle können tatsächlich oft Beschwerden lindern – wichtig ist aber eine fachkundige und differenzierte Anwendung.    
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Ätherische Öle können tatsächlich oft Beschwerden lindern – wichtig ist aber eine fachkundige und differenzierte Anwendung.    

Pflege und Praxis

Aromapflege – Antworten auf 7 häufige Vorurteile

Lavendel, Pfefferminze, Zitrone & Co. mögen gut duften – aber können sie wirklich Beschwerden lindern? Ist das nicht Esoterik? Aromapflege-Experte Daniel Anders erklärt Möglichkeiten und Grenzen der ätherischen Öle

1. Vorurteil: Es gibt keine klinischen Studien zu ätherischen Ölen

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es gibt eine Reihe klinischer Studien zu bestimmten ätherischen Ölen, aber zu manchen, etwa Fichtennadel, liegen nur wenige oder keine Studien vor. Die Pfefferminze ist nach meiner persönlichen Einschätzung das am besten erforschte Öl. Hier gibt es im Bereich der Aromatherapie zum Beispiel zahlreiche Studien zum Einsatz bei Reizdarmsyndrom.

Außerdem besagt die Forschung in Bezug auf Spannungskopfschmerzen, dass das Auftragen von 10-prozentiger Lösung Pfefferminzöl in Alkohol eine signifikante analgetische Wirkung zeigt. Was analgetische Potenz und den zeitliche Wirkeintritt ist Pfefferminzöl Paracetamol-Tabletten ebenbürtig. Das heißt, es müssen nicht zwangsläufig Tabletten eingenommen werden, die ja immer einen systemischen Effekt auf den ganzen Körper haben. Soweit keine Allergien oder Unverträglichkeiten gegen Pfefferminze bestehen, wird das Pfefferminzöl einfach auf den Schläfen und der Stirn verrieben.

So lässt sich an dieser Stelle direkt noch ein weiteres Vorurteil aus der Welt schaffen: Aromapflege sei nicht wissenschaftlich fundiert. In meinem Buch „Aromapflege erfolgreich implementieren“ zeige ich jedoch, dass zahlreiche Studien die positiven Auswirkungen von ätherischen Ölen auf den Menschen belegen. Es ist dann auch diese Forschung, die die Grundlage bildet, wenn wir die professionelle Aromapflege in den Pflegebereich integrieren.

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2. Ätherische Öle sind lediglich einfache Duftstoffe

Diese Aussage stimmt nicht. Ätherische Öle sind Vielstoffgemische, die von Pflanzen produziert werden. In der professionellen Aromapflege kommen also nur die Produkte zum Einsatz, die von den spezifischen Pflanzen stammen, niemals jedoch synthetische Duftstoffe. Die Betonung liegt hier natürlich auf professioneller Aromapflege.

3. Ätherische Öle können alternativ medizinisch eingesetzt werden

Wenn mit alternativ „ersetzend“ gemeint ist, stimmt diese Aussage nicht. Ätherische Öle dienen der komplementären Pflege, das heißt sie kommen immer nur ergänzend zu einer bestehenden Behandlung zum Einsatz. Die Aromapflege kann keine konventionelle Behandlung ersetzen, aber sie kann sie auf wunderbare Weise unterstützen. Sie ist für mich die Kirsche auf der Torte.

4. Alle ätherischen Öle sind sicher

Auch das stimmt so nicht ganz. Leider hält sich noch immer hartnäckig der Glaube, dass ätherische Öle immer natürliche Substanzen und deswegen sicher sind. Ätherische Öle sind hochkonzentrierte komplexe chemische Stoffe, die durch eine Pflanze gebildet wurden. Werden diese unsachgemäß angewendet, sind Komplikationen möglich, beispielsweise Hautreizungen bei Überdosierung oder andersartiger falscher Anwendung. So kann Orangen- und Mandarinenöl, wenn es mit zu warmem Wasser vermischt wird, gegebenenfalls Hautreizungen auslösen.

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Außerdem haben viele ätherische Öle Nebenwirkungen. Deshalb ist eine gute Ausbildung essenziell für die Aromapflege. Ebenso wichtig ist, beispielsweise in der Anamnese immer etwaige Unverträglichkeiten oder Allergien abzufragen. Falscher Gebrauch kann zu Unverträglichkeitsreaktionen oder anderen unerwünschten Wirkungen führen.

5. Ätherische Öle sind nicht wirklich wirksam

Um eine Wirksamkeit prüfen zu können, muss die richtige Indikation für die gewünschte Intervention feststehen. Es ist ganz einfach: Bei manchen Patienten ist beispielsweise eine Raumbeduftung sinnvoll, bei einer anderen Patientin ist eher eine Waschung angeraten. Deswegen ist eine eindeutige Wirksamkeitsstudie sehr komplex. Jeder Mensch ist mit seiner Indikation stets individuell zu betrachten.

Außerdem kommt es auch darauf an, welches ätherische Öl die Pflegefachkraft aus der breiten Palette von mehr als 200 verfügbaren Ölen auswählt, wie sie sie dosiert und eventuell mit anderen Ölen kombiniert. Daraus ergeben sich viele Möglichkeiten, die einzelne Wirksamkeitsstudien in der Aromapflege erschweren. Weitere Einflussfaktoren kommen hinzu: die Art der Destillation, der Herkunftsort der Pflanzen, die Wachstumsbedingungen (wie war der Sommer, die Sonneneinstrahlung, die Bodenbeschaffenheit?). All das hat Einfluss auf die Qualität und die Wirksamkeit eines ätherischen Öls.

6. Ätherische Öle wirken bei jedem gleich

Die Aussage ist nicht korrekt, denn jeder Patient reagiert beziehungsweise spricht individuell auf ein Öl an. Aromapflege stur nach Rezept funktioniert nicht. Bei einer Person wirkt ein bestimmtes ätherisches Öl gut, bei einer anderen Person mit eventuell denselben Beschwerden wirkt hingegen ein anderes Öl oder eine Mischung aus mehreren ätherischen Ölen besser.

Das kennen wir auch von Medikamenten: Nicht jedes wirkt bei allen Patienten gleich (gut). Es gibt Medikamente, die bei manchen Patientengruppen kontraindiziert sind. Natürlich lassen sich Medikamente nicht mit ätherischen Ölen gleich setzen, aber die Wirkmechanismen durchaus schon.

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7. Aromapflege kann jeder

Das stimmt definitiv nicht. Jeder, der Aromapflege praktizieren möchte, braucht eine fundierte Ausbildung und spezielles Wissen. Es gibt viele verschiedene Krankheitsbilder und Pflegediagnosen, die eine Pflegekraft oder ein Therapeut beherrschen muss, um professionelle Aromapflege erfolgreich zu integrieren. Dies gelingt am besten mit einem individuellen Implementierungs- und Schulungskonzept.

Autor: Daniel Anders

Über Daniel Anders

Der Gesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie verfügt über eine breiten Qualifikationsmix: Er ist auch Rettungssanitäter und Pflegeexperte Aromapflege. Zurzeit studiert er angewandte Pflegewissenschaft und arbeitet an der Universitätsmedizin Mannheim in der Pflegeentwicklung, wo die komplementäre Pflege zu seinen Themenfeldern zählt.

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