Schlafforscher Ingo Fietze

„Arbeitgeber sollten Pflegekräften Powernap erlauben“

Charitè-Arzt Ingo Fietze über die besonderen Schlafprobleme von Pflegekräften

Inhaltsverzeichnis

pflegen-online: Sie sind Vorsitzender von „Deutschland schläft gesund“, einer Initiative, die kürzlich Plegekräfte zu ihrem Schlafverhalten befragt hat. Das Ergebnis ist alarmierend: 64 Prozent der Befragten schlafen schlecht. Warum trifft es diese Berufsgruppe so hart?

Der Pflegeberuf erfüllt zwei Voraussetzungen für eine Schlafstörung: Stress und unregelmäßige Arbeitszeiten durch die Schichtarbeit. Beides bringt den Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinander.

Wie reagiert unser Körper auf Schlafmangel?

In erster Linie leidet das Gehirn. Es kommt zu kognitiven Störungen. Konzentration, Genauigkeit und Reaktionsfähigkeit lassen nach. Die Leistungsfähigkeit ist eingeschränkt. Schlechter Schlaf macht auch Schnupfen, weil er auf Dauer das Immunsystem schwächt. Viren und Bakterien haben es dann leichter.

Warum ist gesunder Schlaf für den Körper so wichtig?

Im Schlaf verringert sich der Herzschlag, die Körpertemperatur sinkt die Muskeln entspannen sich. Gleichzeitig bilden sich neue Körperzellen das Immunsystem wird gestärkt, Wundheilung und Blutbildung werden angeregt und das Gehirn von Schadstoffen gereinigt. Damit das alles passiert, sind sieben Stunden Schlaf im Schnitt ideal. Für den einen reichen sechs, der andere benötigt bis zu zehn Stunden.

Wann gefährdet zu wenig Schlaf die Gesundheit?

Wer mal ein halbes Jahr schlecht schläft, kann das kompensieren. Er ist einfach nur müde, fühlt sich gerädert und ist wahrscheinlich schlecht gelaunt. Dauerhafter Schlafmangel dagegen, der länger als fünf Jahre besteht, kann zu Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen führen. Vermutlich steigt auch das Risiko, an Krebs zu erkranken.

Können wir „nachschlafen“, Schlaf nachholen?

Man kann am Tage nie so gut schlafen wie in der Nacht. Aber Schlaf nachzuholen macht immer Sinn und es funktioniert auch. Wer unter der Woche zu wenig schläft, kann sein Defizit am Wochenende nachholen.

Was ist mit einem Kurzschlaf tagsüber?

Der sollte zum Arbeitstag gehören. Nach 5 bis 20 Minuten Powernap ist man für die nächsten drei bis vier Stunden fit. Eine Tasse Kaffee schafft das lediglich für eineinhalb Stunden. Leider trauen sich das nur wenige. Dabei sollten Arbeitgeber ihren Mitarbeiter erlauben, so ihr Schlafdefizit abzubauen. Es sollte in Ordnung sein, wenn die Pflegekraft auf dem Weg zum nächsten Patienten das Auto für 15 Minuten parkt, um ein Nickerchen zu machen.

Kommen Jüngere besser mit einem veränderten Tag-Nacht-Rhythmus zurecht als Ältere?

Das kann man nicht sagen. Der Mensch ist ein Gewöhnungstier. Das bedeutet, wir passen uns an. Ob mein Körper einen veränderten Rhythmus toleriert oder nicht, zeigt sich in den ersten fünf Schichtdienstjahren. Das bleibt dann auch so. Die Wahrscheinlichkeit, dass er das in jungen Jahren tut, ist allerdings etwas höher.

Es gibt also keine Altersgrenze für Schichtarbeit?

Im Grunde nicht. Aber der Schlaf altert mit und wird mit zunehmendem Alter schlechter. Wer über einen längeren Zeitraum in der Nachtschicht müde ist und am Tag schlecht schläft, sollte wenn möglich in den Tagesdienst wechseln. Etwa 4 Prozent der Pflegefachkräfte haben so massive Schlafprobleme, dass sie arbeitsunfähig sind.

Sind Schlafstörungen ein gesellschaftliches Problem?

Ja, absolut. Etwa 10 Prozent der Deutschen leidet regelmäßig unter Schlafstörungen. Die meisten sehen wir aber nicht in den Schlaflaboren. Der Grad der Betroffenheit passt hier nicht zur tatsächlichen Zahl der Patienten, die wir behandeln. Das liegt zum einen daran, dass es zu wenige Ansprechpartner gibt. Wir haben kaum niedergelassene Schlafmediziner.

Zum anderen warten Betroffene zu lang ehe sie zum Arzt gehen. Schlafprobleme werden zu lang toleriert. Man denkt, das wird schon wieder. Dabei gilt, wer länger als einen Monat schlecht schläft, sollte einen Arzt aufsuchen.

Wird guter Schlaf unterschätzt?

Schlaf muss wieder sexy werden. Wer aber heute einen Abend mit Freunden eher beendet, um eine Stunde früher ins Bett zu gehen, isoliert sich sozial. Dabei müssen wir unbedingt Strategien finden, wieder zu einem längeren Nachtschlaf zu finden.

Ansinnen der Initiative „Deutschland schläft gesund“ ist es daher, ein Bewusstsein für gesunden Schlaf zu schaffen und über ungesunden Schlaf aufzuklären. Schon Kinder und Jugendliche sollten lernen, dass man seinen Schlaf hüten muss.

Was können Pflegeheime und Krankenhäuser tun, um die Belastungen durch Nachtschichten zu reduzieren?

Idealerweise gestalten sie die Dienstplanung entsprechend den Wünschen der Schichtarbeitenden. Das ist natürlich nicht so einfach zu realisieren. Aber während der eine besser mit kurzen Schichtwechseln zurechtkommt, sind dem anderen längere Phasen lieber. Wichtig sind auch die Pausen im Nachtdienst. Und natürlich muss insgesamt die Arbeitsbelastung in der Pflege reduziert werden, indem mehr Stellen geschaffen werden. Auch dafür machen wir uns mit der Initiative stark.

Interview: Evelyn Griep

Über Ingo Fietze

Der Professor für Schlafmedizin ist Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der Charité in Berlin und Vorsitzender der Initiative „Deutschland schläft gesund“. Ingo Fietze hat auch populärwissenschaftliche Bücher geschrieben unter anderem Die übermüdete Gesellschaft und Über guten und schlechten Schlaf

Über „Deutschland schläft gesund e.V.“

Die Deutsche Stiftung Schlaf hat die Initiative „Deutschland schläft gesund e.V.“ im April 2018 ins Leben gerufen. Ihr Ziel: das Bewusstsein für guten Schlaf schaffen und über ungesunden Schlaf aufklären. Bei denen, die das Gesundheitssystem gestalten, bei den Krankenkassen und bei den Pflegefachkräften. Für die Umfrage „Schlafprobleme bei Pflegefachkräften“ wurden im Mai 2019 bundesweit 135 Pflegekräfte zur Qualität ihres Schlafs befragt.

64 Prozent gaben an, durchwachsen zu schlafen, 16 Prozent schlafen sehr schlecht und 20 Prozent gut. Bei 48 Prozent der Befragten beeinflussen die Schlafprobleme manchmal die berufliche Leistungsfähigkeit, bei 21 Prozent oft. Auf die Frage, ob sie aufgrund ihrer Schlafprobleme schon einmal arbeitsunfähig waren, antworteten 14 Prozent mit ja.

Die 5 wichtigsten Tipps gegen Schlafstörungen

  • Heizung abends runterdrehen und gründlich lüften: die ideale Schlaftemperatur liegt bei 16 bis 18 Grad.
  • Rituale einführen, sie erleichtern das einschlafen: Entspannungsübungen, Lesen oder in fester Reihenfolge Zähne putzen, Vorhänge zuziehen, Licht löschen.
  • Bei einem Rhythmus bleiben: ungefähr zur selben Zeit aufstehen und zu Bett gehen – auch am Wochenende. Nacht- und Schichtarbeiter sollten an freien Tagen vermeiden, lange auszuschlafen. Auch für sie sind feste Zeiten besser.
  • Nicht zu spät essen: spätestens um 19 Uhr die letzte Mahlzeit zu sich nehmen.
  • Kaffee, schwarzen oder grünen Tee nur bis zum Mittagessen, abends besser Kräutertee trinken.

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