Arbeitgeberattraktivität

Arbeitgeber macht Pflegekräften den Haushalt

Kliniken und Heime lassen sich immer Exotischeres gegen den Fachkräftemangel einfallen. Der neueste Coup: kostenloser Service wie Bügeln, Putzen, Rad flicken

Inhaltsverzeichnis

Wer möchte das nicht: „wertvolle Zeit“ geschenkt bekommen? Der Berliner mobile Pflegedienst „Tertianum Care“ (auf dem Foto oben das Team) macht es nach eigener Aussage möglich. Das Unternehmen wirbt jetzt unter dem Titel #careback damit, seinen Mitarbeitern „Services“ anzubieten, „die den persönlichen Alltag einer Pflegekraft wirklich erleichtern und wertvolle Zeit zurückgeben“.

Rad flicken, Reise buchen, Termine koordinieren

Zum Angebot gehören verschiedene Formen von „Concierge Service“: Besorgungen erledigen, Wochenendausflüge planen, Reisebuchungen, Verkehrsverbindungen suchen und vergleichen, Termine koordinieren, Lebensmittel aus dem Supermarkt oder warmes Essen aus dem Restaurant liefern sowie Haushaltsarbeiten wie Bügeln, Waschen, Putzen, aber auch Fahrradreparaturen und Textilreinigung übernehmen.

Budget von 120 Euro pro Monat

Wie funktioniert nun der Zusatzservice genau? Kann man als Pflegekraft endlos viele Servicestunden beanspruchen? Natürlich nicht. Jeder Mitarbeiter hat ein Budget von 120 Euro pro Monat zur Verfügung, das beim Concierge Service hinterlegt ist. Dieses Budget kann für Lebensmittellieferungen aus dem Supermarkt, Speisenlieferung aus dem Restaurant oder für die Wohnungsreinigung eingesetzt werden, je nach individuellem Bedarf. Budgets, die nicht genutzt werden, verfallen am Monatsende. „Bei der Auswahl der Services stand im Vordergrund, gerade die Themen des Alltags mit Services zu unterstützen, die regelmäßig Zeit binden“, erläutert Anna Schingen, Direktorin Marketing & PR von Tertianum Care und Initiatorin der Kampagne.

„Man muss auffallen“

Das Angebot soll – wen wundert’s - in erster Linie dem besseren Rekrutieren von Pflegekräften dienen. „Da muss man schon auffallen“, meint Schingen. Statt die Mitarbeiter „mit Geld zu erschlagen“, biete man ihnen die genannten Unterstützungsleistungen im persönlichen Alltag an. Neben „modernem Büro in bester Lage“, „komfortabler Fuhrparkflotte“ und „wöchentlichem Free-Team-Lunch“ wirbt man bei Tertianum nun also auch mit dem Alleinstellungsmerkmal „erster mobiler Pflegedienst in Berlin, der wertvolle Zeit verschenkt“.

Zwar solle eine Pflegekraft „angemessen für ihre qualifizierte und herzliche Arbeit bezahlt werden. Doch bei allem engagierten Einsatz für die anderen bleibt im Alltag der Pflegenden manchmal wenig Platz für die persönlichen Dinge“, wird PDL Annemarie Kröning in einer Pressemitteilung zitiert.

Bewerbungen „exponentiell in die Höhe geschossen“

Die Mitarbeiter nehmen das neue Angebot „als echte Wertschätzung“ wahr, sagt Schingen. Die Kampagne läuft zwar erst ein paar Monate, aber man spüre „deutlich, dass die Benefits richtig gewählt sind und die Zielgruppe ansprechen“. Nachdem ein regionaler Fernsehsender über die Aktion berichtet hatte, habe das Telefon mehrere Tage lang nicht mehr stillgestanden und die Anzahl der Website-Zugriffe und Bewerbungen seien noch am gleichen Abend „exponentiell in die Höhe geschossen“.

Wirtschaftlicher Hintergrund der Tertianum-Dienstleistungen

Realisiert werden konnte die Kampagne aber überhaupt nur deshalb, weil die Tertianum-Muttergesellschaft DPF im Frühjahr 70 Prozent des Concierge-Dienstleisters RAS Services übernommen hat, betont Tertianum-Marketingchefin Schingen. RAS bietet Concierge-Leistungen in über 70 Objekten an neun Standorten, darunter Apartmenthäusern, Büros und Seniorenresidenzen an und ist nun auch für die Pflegekräfte zuständig. In den bestehenden Häusern von Tertianum Premium Residences sollten die bisherigen Concierge-Services aber vorerst nicht durch RAS abgelöst werden, betonte DPF-Vorstandsvorsitzender Felix von Braun bei der Übernahme im Frühjahr. In neuen Projekten soll die Kooperation aber durchaus zum Tragen kommen.

Könnten aus Pflegekräften Kunden werden?

Könnte es also sein, dass die neuen Servicedienste für Tertianum-Pflegekräfte am Ende auch mithelfen sollen, einen neuen Kundenstamm für RAS aufzubauen? Laut einer wirtschaftswissenschaftlichen Dissertation von Alain Benz an der Universität St. Gallen im Jahr 2013 zum Thema „Geschäftsmodelle für das Service-Wohnen“ scheint es nämlich so zu sein, „dass Konsumenten, wenn sie erst einmal eine Dienstleistung beim Service-Wohnen in Anspruch nehmen, in der Folge meist wiederholt bestellen“.

Zielgruppe für Servicedienste: ältere Frauen

Vor allem ältere alleinstehende Frauen scheinen für das Geschäftsmodell empfänglich zu sein, hat der Ökonom festgestellt: Sie zeigen im Durchschnitt „eine höhere Bereitschaft zur Nutzung von Dienstleistungen als Männer“. Da die Pflege überwiegend weiblich ist und vielfach auch alleinerziehend, könnte dieses Geschäftsmodell ja durchaus passen. Die Strategie der Anbieter wäre dann folgende: Wer sich einmal an die Dienste gewöhnt hat, bestellt auch privat mehr davon und empfiehlt sie vielleicht noch im Bekannten- und Verwandtenkreis weiter.

„Neuer Kundenstamm weder Gedanke noch Ziel der Aktion“

Schingen widerspricht dieser Vermutung vehement: „Dass RAS sich damit einen neuen Kundenstamm sichert, war weder Gedanke hinter der Aktion noch ist dies angestrebt.“ Einzelne Kunden zu gewinnen, sei für RAS „aus Kapazitätsgründen nicht zielführend und auch künftig nicht geplant“. Ein schöner Nebeneffekt wäre es aber wohl trotzdem. Man könnte dann auch von einer Win-Win-Situation sprechen.

Autorin: Birgitta vom Lehn

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