TK-Gesundheitsreport 2019

Antidepressiva unter Pflegekräften extrem verbreitet

Der Verbrauch liegt 60 Prozent über dem, was der durchschnittliche Berufstätige nimmt. Aber auch bei anderen Medikamenten liegen Pflegekräfte ganz vorn

Inhaltsverzeichnis

Trauriger Rekord: Bluthochdruck, Magengeschwüre, Depressionen - gegen diese Erkrankungen (in eben dieser Rangfolge) bekommen Kranken- und Altenpflegekräfte auffällig mehr Medikamente verschrieben als der Durchschnitt der Bevölkerung. Dies geht aus dem jetzt veröffentlichten „Gesundheitsreport 2019“ der Techniker-Krankenkasse (TK) hervor.

Insgesamt ist der Pillenverbrauch 28 Prozent höher

Dabei ist naheliegend, diese Krankheiten in einem Bezug zur beruflichen Tätigkeit zu sehen. Angehörige von Pflegeberufen bekommen von ihren Ärzten mit 314 Tagesdosen („DDD“) pro Kopf jedes Jahr 28 Prozent mehr Medikamente verschrieben als der Durchschnitt der Berufstätigen mit 244 Tagesdosen.

Spitzenreiter: ACE-Hemmer gegen Bluthochdruck

Sieht man sich die absoluten Zahlen der Tagesdosen an, die pro Person in einem Versicherungsjahr verordnet werden, dann stehen die sogenannten ACE-Hemmer bei Pflegekräften insgesamt an der Spitze. Von diesen Präparaten zur Bekämpfung von erhöhtem Blutdruck erhalten Altenpflegekräfte 36 Tagesdosen pro Jahr. Das ist ein Viertel mehr als bei der Gesamtheit der Berufstätigen – und auch fast ein Viertel mehr als bei den Kollegen aus der Krankenpflege, die nur wenig mehr ACE-Hemmer verschrieben bekommen als der Schnitt der Krankenversicherten insgesamt.

Altenpflege: fast 80 Prozent mehr Antidepressiva!

Proportional am stärksten aus dem Rahmen fallen Pflegekräfte dagegen bei den Antidepressiva: Während der Durchschnittsdeutsche 14 Tagesdosen im Jahr erhält, sind es bei den Pflegepersonen 22 Dosen – 59 Prozent mehr. Differenziert man weiter innerhalb der Pflegeberufe, so ergibt sich ein spürbarer Unterschied zwischen Mitarbeitern in Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen. Beschäftigte der Krankenpflege erhalten 51 Prozent (21 DDD) mehr Antidepressiva als alle, die der Altenpflege sogar 79 Prozent (25 DDD).

Pflegekräfte: 8 Krankheitstage mehr als der Durchschnitt

Von der Idee her sind Beschäftigte in Pflegeberufen für andere Menschen da – um sie gesund zu pflegen oder ihre Gesundheit möglichst gut und lange zu erhalten. Voraussetzung für diese anspruchsvolle Arbeit ist freilich, dass sie selbst eine stabile Gesundheit besitzen. Genau daran hakt es aber offenbar: Nach Zahlen des TK-Gesundheitsreports fallen Kranken- und Altenpflegekräfte zusammen im Schnitt 23 Tage pro Jahr aus. Das sind acht Tage oder gut um die Hälfte mehr als die Beschäftigten insgesamt, die 15 Tage fehlen. Dieses Ergebnis ist fast deckungsgleich mit dem des Gesundheitsreports 2017 des BKK Dachverbands: Nach diesem waren Altenpflegekräfte durchschnittlich 24 Tage im Jahr krank, die Versicherten in anderen Berufen 16 Tage.

Krankenstand in Altenpflege liegt fast bei 7 Prozent

Innerhalb des Berufsfelds Pflege ist dem Report zufolge die Gesundheit der Mitarbeiter aus dem Bereich Altenpflege am stärksten angegriffen. Deren Krankenstand liegt mit einem Wert von 6,94 Prozent sichtlich über dem der Kollegen von der Krankenpflege (6,02 Prozent). Zum Vergleich: Der Krankenstand bei den Berufstätigen insgesamt liegt bei 4,09 Prozent.

Pflegeberuf geht auf Rücken und Psyche

„Die Werte für Kranken- und Altenpflegeberufe klar über den durchschnittlichen Vergleichszahlen in anderen Berufen", sagt Thomas Grobe vom aQua-Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen. Seit Jahren sei dieser Trend schon zu beobachten. „Diese überdurchschnittlichen Werte ziehen sich wie ein roter Faden durch fast alle Kategorien, die wir im Gesundheitsreport beleuchtet haben - von den Fehltagen bis hin zu den Arzneiverordnungen."

Fehltage wegen Psyche 87 Prozent über dem Durchschnitt

„Der Gesundheitsreport zeigt, dass Pflege deutlich stärker als andere Berufe auf die Gesundheit geht, besonders auf Rücken und Psyche", sagt der Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, Jens Baas. Während berufsübergreifend jeder Beschäftigte im Statistikjahr 2018 durchschnittlich 2,47 Tage aufgrund einer psychischen Diagnose krankgeschrieben war, beliefen sich die Fehltage in den Pflegeberufen auf durchschnittlich 4,63 Tage. Das sind rund 87 Prozent mehr. Aufgrund von Muskelskeletterkrankungen fehlte jeder Beschäftigte letztes Jahr 2,61 Tage – bei den Menschen in Pflegeberufen waren es mit 4,78 Tagen 83 Prozent mehr.

Bei Männern leidet eher die Psyche, bei Frauen der Körper

Eine weitere Auffälligkeit sind dem TK-Report zufolge die offensichtlichen unterschiedlichen Belastungsschwerpunkte von Männer und Frauen in Gesundheitsberufen. Männer in Pflegeberufen haben fast 2,5 Mal so viele Fehltage bei den psychischen Erkrankungen als die männliche Vergleichsgruppe. Sie konsumieren im Jahr auch fast doppelt so viele Antidepressiva (21 Tagesdosen) wie berufstätige Männer insgesamt (11 Tagesdosen). Zwar haben auch Frauen haben einen relativ hohen Anteil an Fehltagen aufgrund von psychischen Erkrankungen. Doch liegen bei ihnen die auffälligsten Ergebnisse bei Erkrankungen des Bewegungsapparats. Frauen in Pflegeberufen haben hier doppelt so hohe Werte wie die Vergleichsgruppe. Das deute auf die hohen körperlichen Anforderungen in der Pflege hin, heißt es im TK-Report weiter.

Jens Baas (TK) plädiert für Betriebliches Gesundheitsmanagement

„Es kann nicht sein, dass das berufliche Umfeld die Menschen in Pflegeberufen oftmals so fordert, dass es krank macht“, kritisiert TK-Vorstandschef Baas. Die TK setze sich deshalb dafür ein, die Gesundheit der Menschen in Pflegeberufen zu unterstützen – schon im Vorfeld möglicher (chronischer) berufsbedingter Erkrankungen. So fördere die TK bundesweit Projekte in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern und unterstütze ein professionelles Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM).

Betriebliches Gesundheitsmanagement in Altenpflege selten

Ein gesunder Berufsalltag sei die vielleicht wirksamste Maßnahme gegen einen „Pflexit“, einen Berufsausstieg körperlich oder nervlich angegriffener Mitarbeiter und damit „ein Schlüsselfaktor gegen den Fachkräftemangel“. Der Gesundheitsreport 2017 des BKK Dachverbandes hat aber gezeigt: In der Altenpflege gibt es mehrheitlich (57 Prozent) keine betriebliche Gesundheitsförderung.

Autor: Adalbert Zehnder

Foto: v.l.n.r.:Kath. Hochschule Freiburg/APS/Kath. Hoschule Mainz

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