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Interview

„An Altenpflege-Schulen fallen immer öfter Kurse aus“    

Wegen Lehrermangels müssten die Schulen außerdem Bewerbern absagen, so bpa-Geschäftsführer Norbert Grote. Was das mit der Generalistik und den Krankenpflegeschulen zu tun hat, erklärt er im Interview      

pflegen-online: Wie sehr hat die Zahl der Auszubildenden seit 2020 abgenommen – dem Jahr, in dem die Generalistik eingeführt wurde?

Norbert Grote: Wir haben in den zurückliegenden Jahren ein deutliches Wachstum bei den Ausbildungszahlen in der Altenpflege erlebt - allein seit 2010 um 62 Prozent. Im Schuljahr 2019/2020 befanden sich 74.760 Schülerinnen und Schüler in der Ausbildung zum Altenpfleger. Das waren sogar mehr als in der Krankenpflege.

Nun aber liegen erste Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur neuen Pflegeausbildung vor und die geben Anlass zur Sorge. Denn danach waren 53.610 Auszubildende zum Jahresende 2020 tatsächlich in der neuen Ausbildung. Im Vergleich zum Schuljahr 2019/2020 ist das ein Rückgang um 2.508 Auszubildende oder 4,5 Prozent bei denjenigen, die eine Fachkraftausbildung in der Pflege begonnen haben. Die Bundesregierung hatte mit der Einführung der Generalistik das Ziel ausgegeben, bis 2023 ein Plus von 10 Prozent an Ausbildungsplätzen im Vergleich zum Referenzjahr 2019 zu erreichen. Das ist nun ganz offenbar nicht gelungen. Die Generalistik hat also Ausbildungsplätze gekostet und keine neuen gebracht.

Warum ist Ihrer Meinung nach die Generalistik Schuld?

Grundsätzlich ist die Ausbildung in einem Pflegeberuf attraktiv, sowohl für junge Menschen, als auch für Umschüler, denn etwa ein Viertel aller Ausbildenden in der Altenpflege sind Umschüler, die sich in späteren Abschnitten des Lebens bewusst für den Beruf entscheiden.

Wir haben also aktuell noch kein großes Problem, Bewerberinnen und Bewerber zu finden. Das wird sich jedoch in den nächsten Jahren demografisch bedingt leider ändern. Aktuell haben wir das Problem, dass Altenpflegeschulen schlichtweg nicht mehr so viel ausbilden können. Und das hat strukturelle Gründe. Im Pflegeberufegesetz ist der Schlüssel für das Lehrkraft-Auszubildenden-Verhältnis deutlich hochgesetzt worden und auch die Anforderungen an das Lehrkräftepersonal. Auf 20 Auszubildende kommt jetzt eine Lehrkraft. Altenpflegeschulen verfügen tendenziell über deutlich schlechtere Schlüssel, am Beispiel von Nordrhein-Westfalen durchschnittlich eins zu 34, während Krankenpflegeschulen dort schon lange Zeit eins zu 25 praktizieren.

Wegen des guten Personalschlüssels an den Krankenpflegeschulen zieht es Pflegepädagoginnen und -pädagogen vermehrt dorthin. Hinzu kommt, dass nicht wenige Krankenhäuser Pädagogen von den Altenpflegeschulen verstärkt abwerben.

Es gibt natürlich eine gewisse Übergangsfrist, die das Pflegeberufegesetz vorsieht. Doch die Krankenhäuser holen aufgrund ihrer besseren Ausgangslage schneller auf und bekommen ihre meist höheren Personalschlüssel auch entsprechend refinanziert. Nur das Bundesland Nordrhein-Westfalen hat recht pragmatisch entschieden: Wer in der Übergangsphase einen besseren Personalschlüssel als eins zu 25 hat, bekommt dafür zunächst keinen finanziellen Ausgleich. Damit soll einer Sogwirkung bei Lehrkräften hin zum Krankenhausbereich möglichst entgegengewirkt werden.

Die jetzt schon oft bessere Personalausstattung und Finanzierung und damit deutlich günstigere Ausgangslage ist der eine Vorteil der Krankenhäuser. Der andere: Wegen des guten Personalschlüssels an den Krankenpflegeschulen zieht es Pflegepädagoginnen und -pädagogen auch vermehrt dorthin. Hinzu kommt, dass nicht wenige Krankenhäuser Pädagogen von den Altenpflegeschulen verstärkt abwerben.

Warum gibt es so wenige Pflegepädagogen? Der Beruf müsste doch eigentlich attraktiv sein für Pflegekräfte: Kein Schichtdienst, ein Gehalt von bis zu 4.500 Euro monatlich und Kontakt zu jungen, größtenteils motivierten jungen Leuten …

Trotzdem gibt es zu wenige Bewerber. Das liegt an den gestiegenen Anforderungen im Pflegeberufegesetz. Wer in der Pflegepädagogik arbeiten möchte, braucht dafür in der Regel acht Jahre: Drei Jahre Pflege-Ausbildung, drei Jahre Bachelor-Studium und zwei Jahre (berufsbegleitendes) Masterstudium. Übergangsweise ist es jetzt noch möglich, ohne Master in den Beruf einzusteigen, wenn die Länder dies über entsprechende Übergangsregelungen ermöglichen. Bis 2029 muss dieses Niveau jedoch flächendeckend in Deutschland umgesetzt sein, so sieht es das Pflegeberufegesetz vor.

Ein weiteres Problem: Die Hochschulen, die einen Masterstudiengang in Pflegepädagogik anbieten, sind rar gesät. Zudem werden häufig viel zu wenig Masterplätze im Verhältnis zu Bachelorplätzen angeboten. Es gibt auch Bundesländer, in denen es nicht eine einzige Hochschule gibt, die diesen Studiengang anbietet. Deshalb sehe ich nicht, wie unter diesen Voraussetzungen das Ziel von zehn Prozent mehr Ausbildungsplätzen in der Pflege innerhalb der nächsten zwei Jahre zu erreichen ist.

Könnten sich nicht die Interessenten, die aus den von ihnen genannten Gründen von den Altenpflegeschulen abgelehnt werden, an den Krankenpflegeschulen bewerben? Die Unterschiede zwischen den Schulen sollten doch in der generalistischen Ausbildung ohnehin nicht groß sein.

Das scheint mir eher unrealistisch. Die Altenpflegeschulen haben Partner in der ambulanten und stationären Langzeitpflege, die praktischen Ausbildungsträger, und über die kommen auch häufig die Bewerbungen. Die Situation ist wirklich paradox: Alle sind sich einig, dass wir mehr Fachkräfte in der Altenpflege brauchen, doch Bewerber müssen damit rechnen, an den Altenpflegeschulen abgelehnt zu werden. Ganz aktuell erleben wir, dass Herbstkurse nicht zustande kommen und abgesagt werden müssen – wegen Lehrkräftemangel, trotz voller Klassenstärke!

Wir erleben seit Einführung der Generalistik einen Rückgang der Auszubildenden von 4,5 Prozent. Nach allem was ich gehört habe und wie ich die Entwicklung einschätze, ist der Rückgang an den Altenpflegeschulen größer als an den Krankenpflegeschulen. Das bedeutet: Es könnten deutlich mehr als 4,5 Prozent weniger Auszubildende in der Altenpflege sein. Das ist dramatisch. Ich bin zutiefst irritiert, dass Politiker das anscheinend noch gar nicht richtig zur Kenntnis genommen haben. Dieser Entwicklung muss dringend strukturell durch wirksame und zielgerichtete Übergangsregelungen entgegengewirkt werden.

Ganz aktuell erleben wir, dass Herbstkurse nicht zustande kommen und abgesagt werden müssen – wegen Lehrkräftemangel, trotz voller Klassenstärke!

Und Sie glauben nicht, dass der Rückgang der Auszubildenden auch mit der Corona-Pandemie zu tun hat? Einige Pflegeverbände sahen da durchaus einen Zusammenhang.

Darauf lässt sich sicher vieles schieben und das liegt nahe. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, und so haben uns das auch viele unserer Mitgliedseinrichtungen und Pflegeschulen berichtet, dass aus diesem Grund keine Ausbildungsverhältnisse gefährdet wurden. Sowohl die Pflegeschulen als auch die praktischen Ausbildungsträger haben mit Unterstützung des bpa und der zuständigen Landesbehörden beziehungsweise Ministerien in der Pandemie Lösungen gefunden, die Ausbildung sicherzustellen. Mit digitalen Medien, pragmatischen Lösungen für Praxiseinsätze und vor allem großem Einsatz der beteiligten Akteure. Ich selbst kann mich an eine Vielzahl von Erlassen des Gesundheitsministeriums in NRW und an Abstimmungsrunden mit den Verbänden erinnern, die ausschließlich dazu dienten, in Zeiten der Pandemie die Ausbildung in der Pflege abzusichern und die damit auch Erfolg hatten.

Interview: Kirsten Gaede

Über Norbert Grote

Der examinierte Altenpfleger und studierte Kaufmann ist seit September dieses Jahres Geschäftsführer einer der größten Verbände in der Altenpflege, dem Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Zuvor hat der heute 47-Jährige die bpa-Landesgeschäftsstelle in Nordrhein-Westfalen geleitet.   

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