Demenz

Alzheimer - Lachen erlaubt!

Ein Interview mit Ralf Labinsky von der Alzheimer-Gesellschaft Schleswig-Holstein, die bis zum 3. Januar Cartoons von Peter Gaymann zu Demenz und Alzheimer ausstellt.

Inhaltsverzeichnis

pflegen-online: Bei den Cartoons von Peter Gaymann, bekannt aus Brigitte und Stern darf man über demenzbedingte Misslichkeiten auch mal schmunzeln. Welche der Zeichnungen finden Sie selbst am witzigsten?

Ralf Labinsky: Peter Gaymanns Zeichnungen treffen generell oft den Kern der Sache. Sie entlocken dem Betrachter, der vergleichbare Ausrutscher kennt, eher ein Lächeln als ein herzhaftes Lachen. Das ist das Schöne daran. Ich mag insbesondere eine Zeichnung, in der zwei Demenzkranke scherzen, dass die Pfleger sie an diesem Ort nie finden werden - aber sie wissen selbst nicht, wo sie gerade sind.

Haben Sie auch vorher schon über Alltagssituationen, wie sie Peter Gaymann zeichnet, lachen können?

Im Dialog mit Demenzkranken gibt es immer wieder Menschen, die sehr direkt sind und nicht lange überlegen - das bringt beide Seiten zum Lachen und entkrampft manchmal die Situation.

Demenz ist zu ernst, um darüber zu lachen, kann man einwenden. Wie ist Ihr Standpunkt dazu?

Für mich heißt Humor, mit jemandem zu lachen und nicht über jemanden zu lachen. Viele Demenzkranke wissen noch, dass sie bestimmte Sachen vergessen oder ihnen der passende Begriff gerade nicht einfällt. Wenn man dann gemeinsam auf spielerische Weise das richtige Wort sucht, ist das für beide Seiten nicht unangenehm und auch der Demenzkranke hat seinen Spaß daran. Man sollte gegenüber Demenzkranken nicht besserwisserisch auftreten.

Gaymann möchte unterhalten, ohne die demenzkranken Menschen vorzuführen, hat er in einem Interview gesagt. Welche Rolle kann Humor für die Angehörigen spielen?

Wenn beide gemeinsam über die Vergesslichkeit schmunzeln, kann das Spannungen lösen und auch Schamgefühle zum Verschwinden bringen. Angehörigen ist das Verhalten ihrer demenzkranken Nächsten oft sehr peinlich. Der Humor kann sie dazu bringen, lockerer zu reagieren, statt vor Scham im Boden zu versinken.

Glauben Sie, dass Humor im Umgang mit Demenz bisher eine zu geringe Rolle gespielt hat?

Pflegende Angehörige, meine ich wahrzunehmen, können oft schon empathisch und einfühlsam reagieren. Anders sieht es aus, wenn Außenstehende plötzlich mit Demenzkranken zusammentreffen. Hier besteht noch Nachholbedarf, wie letztlich auch beim Umgang mit anderen Krankheiten.

Was kann sich ändern, wenn Angehörige, aber auch Pflegekräfte versuchen, mehr Humor einzubringen?

Nehmen wir das Beispiel der Essensaufnahme. Bei Demenzkranken kann da schon einiges schiefgehen. Manchmal fasst ein Demenzkranker beispielsweise mit den Fingern ins Essen. Das ist dann nicht besonders appetitlich. Angehörige schämen sich hier eher, trauen sich mit ihrem demenzkranken Verwandten kaum noch außer Haus, weil sie keinen schlechten Eindruck hinterlassen möchten. Bei solchen Ausrutschern beim Essen können Pflegekräfte mit ihrer Professionalität besser gegensteuern. Allerdings muss man es der Pflegekraft auch verzeihen, wenn sie gegen Ende eines harten Arbeitstages bei Malheuren auch mal weniger humorvoll reagiert.

Gar nicht so einfach, immer eine humorvolle Reaktion parat zu haben, oder?

So ist es, und die Cartoons von Peter Gaymann können da gute Anregungen geben. Auf einer Zeichnung steht ein Demenzkranker im Schlafanzug an einer Ampel. Und der Passant, der ihn sieht, sagt so etwas wie: Da haben Sie sich aber einen schönen Anzug ausgesucht. - Ich kann es nur unterstützen, dass man das Gespräch sucht, dass man diesen Mann nicht ignoriert, sondern mit ihm redet und vielleicht sogar Hilfe anbietet – und wenn dies auf humorvolle Art geschieht, sind die Erfolgschancen umso größer.

Auf einer Zeichnung sieht man zwei Senioren mit Rollatoren. Sagt der eine: „Lust auf ein Wettrennen? Wer zuerst beim Supermarkt ist.“ Antwort: „Spannender wäre: Wer findet zurück?“ Ist das Lachen hier eine Befreiung?

Ja, das ist eine klassische Situation, die Gaymann hier sehr treffend einfängt. Da ist es nicht weit, über die nächste Generation der Rollatoren mit integriertem Navi zu witzeln.

Wie verbreitet ist Humor unter Menschen mit Demenz?

Wer die Diagnose Demenz zu hören bekommt, wird zuerst bestimmt ein Gefühl der Bedrohung empfinden. Man wird sich besorgt fragen, ob man das Wichtigste in seinem Leben erledigt hat oder noch nicht. Bin ich noch entscheidungsfähig? Den Humor wird der Demenzerkrankte selbst bestenfalls später entwickeln, wenn er eben merkt, dass seine Umwelt seine Fehlreaktionen nicht verteufelt, sondern mit freundlichem Humor auf sie reagiert.

Die Alzheimer-Gesellschaft Schleswig-Holstein hat vor einigen Jahren in Norderstedt das Kompetenzzentrum Demenz eingerichtet. Woran arbeiten Sie dort?

Wir möchten das Thema Demenz weiter enttabuisieren und wir bieten Schulungen an, um die Menschen kompetenter zu machen. Momentan bieten wir Schulungen für Landwirte und Ehefrauen von Landwirten an. Ziel soll sein, dass sie auf ihren Höfen tagsüber Demenzkranke aufnehmen können. Zudem qualifizieren wir Polizeibeamte, denen wir zeigen, wie sie richtig auf Demenzkranke reagieren - wenn zum Beispiel jemand im Schlafanzug an der Ampel steht.

Interview: Michael Handwerk

Ralf Labinsky

Ralf Labinsky ist Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Schleswig-Holstein und Referent für Leben im Alter und Pflege bei der Diakonie Schleswig-Holstein in Rendsburg.

Ausstellung „Demensch – Alltagssituationen von Menschen mit Demenz“

Die Ausstellung der Alzheimer Gesellschaft Schleswig-Holstein mit 25 Cartoons von Peter Gaymann läuft noch bis zum 3. Januar 2019 täglich von 8 bis 8 Uhr in Kiel (Schwedenkai 1, 24103 Kiel). Danach wandert sie in weitere Städte in Schleswig-Holstein.

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