Smartphone, i-Pad & Co.

Altenheim – aber bitte mit WLAN!

Stones statt Rudolf Schock, WLAN statt „Blauer Bock“ – die neuen Alten sind anspruchsvoll. WLAN entwickelt sich für Altenheime zum Qualitätskriterium.

Inhaltsverzeichnis

Die Zeit in den Niederlanden ist Lena Dorin nachhaltig in Erinnerung geblieben. „Dort habe ich kaum Pflegeheime ohne WLAN-Angebot erlebt“, erinnert sich die Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO). Dorin besuchte das Nachbarland im Rahmen des europäischen Austauschprogramms Erasmus, und nicht nur die alte Dame, die in einem Heim mit einer jungen Studentin am iPad mit ihrem Enkel skypte, hat sie noch genau vor Augen: „Egal ob als Info-Medium oder um Kontakt zu halten – das Angebot eröffnet ein Fenster zur Außenwelt.“

WLAN ermöglicht Kontakt nach draußen

In niederländischen Einrichtungen sei WLAN viel verbreiteter als in Deutschland, sagt Dorin. „Überall da, wo sich Heime besonders offen zeigen, ist den Bewohnern auch ein ständiger Kontakt nach außen möglich – das ist ein Qualitätsmerkmal.“ Unter diesem Gesichtspunkt werde das Thema hierzulande noch zu wenig diskutiert. Zudem sei die Technik ein ideales Mittel, um mehr junge Freiwillige zu einem Engagement in Pflegeheimen zu motivieren und Jung und Alt zusammenzubringen. „Ich hoffe, WLAN gehört auch in Deutschland bald zu den wichtigen Ausstattungskriterien.“

Curanum in Bremen hat schon WLAN

Bei Lydia Metz ist das schon Realität. „Seit Juni steht unser Netz allen im Haus in den öffentlichen Bereichen frei zur Verfügung“, sagt die Leiterin des Zentrums für Betreuung und Pflege Curanum Findorff in Bremen. Es gilt ein einziges Zugangspasswort, auf das mit Plakaten hingewiesen wird. Mit ihm kann jeder Bewohner und jeder Besucher das WLAN ohne zeitliche Beschränkung nutzen.

100 Häuser von Korian folgen jetzt

Besonders im Betreuten Wohnen, wo die Senioren noch fit und selbstständig seien, sei die Nachfrage in den vergangenen drei Jahren deutlich gestiegen, sagt Metz. Sie leitet das Haus, das über 49 Pflegezimmer und 32 Wohnungen verfügt, seit mittlerweile zehn Jahren. „Damals hat noch niemand nach einem Internetanschluss gefragt“, erinnert sie sich. Heute hätten viele Bewohner Mobiltelefone und Laptops, und regelmäßiges Surfen sei normal. „Viele holen sich Informationen über das Netz oder schwelgen auf diesem Weg noch einmal in Erinnerungen an frühere Urlaubsorte oder ihre alte Heimat“, sagt Metz.

Ihr Haus gehört zu Korian Deutschland mit Sitz in München. Die Tochter der französischen Korian-Gruppe betreibt nach eigenen Angaben bundesweit 234 Einrichtungen und zählt rund 28.000 Bewohner. Insgesamt 100 Heime werden wie das Findorffer Zentrum von Lydia Metz bis Ende des Jahres mit freiem WLAN ausgestattet – ein Service für Bewohner und Angehörige, erklärt Korian-Sprecherin Daniela Jachmich: „Die Anregung kam aus den Einrichtungen heraus, weil das Interesse deutlich zunimmt.“

Mitarbeiter sind ebenfalls angetan von WLAN

Zudem sei das Angebot „auch ein echter Mehrwert für die Mitarbeiter“, betont Jachmich. Die könnten so in den Pausen beispielsweise auch per Bild und Video Kontakt nach Hause halten, ohne dafür das eigene Datenvolumen zu verbrauchen. Wurde in einigen Heimen bislang wie in Hotels auf Nachfrage ein persönliches Kennwort ausgegeben, ist das Angebot jetzt frei zugänglich. Möglich sei das durch die Abschaffung der sogenannten Störerhaftung, sagt Jachmich. Bisher mussten Betreiber von WLAN-Netzen aus Haftungsgründen genau zurückverfolgen können, wer wann und wo in ihrem Netz aktiv war. Das hat sich mit der Neufassung des Telemediengesetzes im vergangenen Jahr geändert.

WLAN verbindet Generationen

Auch wenn der Großteil der Bewohner in Pflegeheimen zumeist noch wenig mit dem Internet vertraut ist – die Angehörigen, insbesondere die Enkelkinder sind es umso mehr. Und die wollen auch beim Besuch der Oma ohne großen Aufwand im Internet Informationen abrufen oder dem Großvater Fotos aus ihrem Online-Datenspeicher zeigen können. Und so mancher würde womöglich auch aus der Ferne öfter Kontakt zu einem Heimbewohner halten, wenn Videotelefonie oder der Zugang zu sozialen Medien dort leichter möglich wären.

Immer mehr +65 mit Smartphone

Der Bedarf jedenfalls dürfte weiter wachsen. Laut Digitalverband Bitkom nutzen in Deutschland mittlerweile 47 Prozent der Menschen im Alter von 65 Jahren und älter ein internetfähiges Smartphone. Im vergangenen Jahr waren es erst 39 Prozent, 2016 nur 28 Prozent. „Und während die Marktsättigung in anderen Altersgruppen nahezu erreicht ist, gibt es bei der Gruppe 65 plus weiteres Wachstumspotenzial“, sagt Bitkom-Pressesprecher Bastian Pauly.

Chatten, Einkaufen und Videoschauen

Eine Studie von Telefonica und der Stiftung Digitale Chancen zu dem Projekt „Digital mobil im Alter“ zeigt, wie die Senioren die technischen Möglichkeiten nutzen. Neben dem Spitzenreiter E-Mail zählen demnach die Nutzung von Fahrplänen, das Spielen und Lesen sowie Chatten, Videoschauen und Einkaufen zu den beliebten Anwendungen.

WLAN erleichtert Arbeit mit Demenzkranken

Lydia Metz in Bremen setzt die Technik auch für die Gruppenbetreuung und die Arbeit mit demenzkranken Bewohnern ein. Spezielle Tablets ermöglichen es Pflegekräften und Angehörigen, in der Welt der Demenzkranken mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Die Geräte enthalten neben Kurzfilmen zum Beispiel Reaktionsspiele, Quizfragen, Lieder, Gedichte, Sprichworte und Märchen. „Auch Backrezepte oder Infos über Städte, Denkmäler und Tiere sind verfügbar“, erzählt Metz. Eine Bewohnerin etwa, die viele Jahre geritten sei, erfreue sich an allem, was mit Pferden zu tun habe.

Auch Betreuer profitieren

„Unsere Erfahrungen sind sehr positiv, weil auf die unterschiedlichsten Interessen eingegangen wird“, sagt Metz, „unsere Betreuer bekommen durch die Tablets viele Anregungen für ihre Arbeit.“ Korian-Häuser nutzen die Geräte seit 2017 und können die allgemeinen Inhalte auch individuell ergänzen. Dann bekommt jeder Nutzer einen eigenen Zugang und kann ganz persönliche Inhalte sehen.

Erinnerungsfilme lassen sich gut austauschen

Auch Lena Dorin von der BAGSO sieht in der Arbeit mit Demenzkranken ein ideales Einsatzfeld. „Gerade Musik bietet die Möglichkeit, ganz individuell auf Bewohner einzugehen“, sagt die Referentin. So könnten mithilfe von Kindern und Enkeln beispielsweise Playlisten mit Lieblingsliedern der Senioren zusammengestellt werden. Auch kleine Erinnerungsfilme und Fotos ließen sich über das Internet einfach austauschen.

Mancher fängt erst mit 80 an

„Unser Pflegebegriff besagt, dass wir die Betroffenen bei der selbstständigen und selbstbestimmten Lebensführung unterstützen wollen“, sagt Dorin: „Da kann WLAN in Kombination mit einfach zu nutzenden Endgeräten und richtiger Anleitung ein Beitrag sein.“ Wenn die Motivation hoch sei, „fangen selbst über 80-Jährige noch damit an“.

Auch bei SenVital gibt's jetzt WLAN

Ugur Cetinkaya, der das SenVital Senioren- und Pflegezentrum im bayerischen Ruhpolding leitet, hat das schon erlebt. Seit Dezember 2017 können die Bewohner des 150-Betten-Hauses in ihrem Zimmer einen eigenen WLAN-Router anschließen lassen. „Jeder bekommt einen separaten DSL-Internetanschluss mit 16.000 Mbit“, sagt Cetinkaya. Zehn Euro kostet das pro Monat, und zehn Bewohner nutzen das Angebot mittlerweile. „Drei davon haben sich nur deshalb für unser Haus entschieden“, sagt Cetinkaya.

Insgesamt 30 Router hat er angeschafft – auch weil er überzeugt ist, dass „die Technik eigentlich Standard sein sollte“ und die Nachfrage in den nächsten Jahren zunehmen wird – auch bei den Angehörigen. Dass WLAN in Deutschland bislang noch so selten angeboten wird, wundert Cetinkaya nicht: „Viele der Verantwortlichen sind selbst noch nicht in diesem Zeitalter angekommen.“

Autor: Jens Kohrs

Illustration: Götz Wiedenroth

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