Der Pfleger, der Merkel ins Schwitzen brachte

Alexander Jorde im Interview

Mit seinen Fragen an Angela Merkel in der ARD-Wahlarena wurde der Pfleger Alexander Jorde über Nacht berühmt. Auf pflegen-online erzählt er, was ihn antreibt.

Der 21-jährige Alexander Jorde ist vermutlich Deutschlands prominentester Pfleger: Mit seinen Fragen brachte er erst Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Wahlarena im September ins Schwitzen, anschließend FDP-Chef Christian Lindner in der Sendung „Menschen 2017“ (moderiert von Markus Lanz). Außerdem heuerte er beim WDR für eine Reportage über die Personalsituation in deutschen Kliniken (Format „Story“) an.

Wir wollten wissen, was den Pflegeschüler Alexander Jorde antreibt, sich ins Rampenlicht zu begeben und in die politische Diskussion einzumischen.

pflegen-online: Herr Jorde, sind Sie nicht fürchterlich aufgeregt bei Ihrem Auftritt in der Wahlarena gewesen? Oder waren Sie vorher schon das Reden vor Publikum gewohnt, als Schulsprecher oder ähnliches?

Alexander Jorde: Nein, ich hatte so etwas vorher noch nicht gemacht. Tatsächlich schoss mein Puls in der Wahlarena richtig hoch – vor allem aber, weil ich richtig, richtig wütend war. Dass mich in dem Moment Millionen von Zuschauern sehen, habe ich ausgeblendet. Es wurde mir gar nicht richtig bewusst, weil ich mich so aufgeregt habe. Ich bin jemand, der sich schnell aufregt, wenn er etwas als ungerecht empfindet.

Wie kamen Sie dazu, in der Wahlarena aufzutreten?

Seit ich 15 oder 16 bin, befasse ich mich intensiv mit Politik. Auf Facebook habe ich dann gesehen, dass man sich mit Fragen für die Wahlarena bewerben konnte. Ich habe zwei Fragen eingereicht: Wie stehen Sie zu Personaluntergrenzen? Was unternehmen Sie gegen den Pflegenotstand? Insgesamt waren 120 Gäste eingeladen, die Hälfte aufgrund ihrer Fragen. Dass ich dann meine Fragen auch vortragen durfte, war reiner Zufall.

Wie haben Ihre Kollegen und Ihr Arbeitgeber auf Ihren Auftritt reagiert?

Einige haben mich darauf angesprochen und gesagt, sie sähen es ähnlich wie ich. Viele Ältere meinten aber auch, sie glaubten nicht, dass sich etwas verbessern wird. Auch mein Arbeitgeber stimmt mir zu.

Werden Sie im Beruf bleiben?

Das weiß ich nicht. Wenn sich nichts ändert, muss ich sagen: Ich lasse mich durch das System nicht kaputt machen. Die Arbeitsbelastung ist enorm. Und es ist schade, dass man so viele Sachen lernt, die man mit dem Patienten machen kann, für die aber überhaupt keine Zeit bleibt. Es ist ja noch nicht einmal eine vernünftige Grundversorgung möglich.

Pflegende sind gut qualifiziert und der Beruf ist eigentlich interessant und erfüllend, aber die Arbeitsbedingungen gehen gar nicht und sie werden sich noch verschärfen.

Wie kommen Sie darauf, dass sich die Personalknappheit noch zuspitzen wird?

Es ist doch zu beobachten, dass immer mehr Pflegekräfte den Beruf verlassen. Die meisten verlassen den Beruf nach nicht einmal 10 Jahren. Besonders die Jungen scheiden aus, das lässt sich deutlich beobachten. Sie sehen, was man in anderen Berufen mit vergleichbaren Anforderungen verdient – das ist meistens deutlich mehr. Und dann gibt es auch noch in fast allen Branchen offene Lehrstellen. Meine Generation hat enorme Möglichkeiten. Da kann man schon verstehen, dass einige abwandern.

Warum haben Sie sich für die Pflege entschieden?

Nach der Schule war ich zehn Monate bei der Marine. In der Mittelstufe hatte ich zuvor ein Ingenieurs-Praktikum gemacht, aber ich fand’s langweilig. Grundsätzlich muss ich sagen, dass mich Sachen reizen, die ich nicht auf Anhieb verstehe. Das Konstrukt Krankenhaus schien mir immer interessant, ich wollte es durchdringen. Hinzu kommt: Meine Mutter ist Krankenpflegerin und ich wüsste augenblicklich auch gar nicht, was ich studieren sollte. Dann ist es besser, ich absolviere erst einmal eine Ausbildung. Und die Krankenpflege ist ja auch sehr sinnvoll, sehr krisenfest – ich könnte später immer wieder auf sie zurückkommen.

Ich muss allerdings sagen, dass ich mit anderen Erwartungen in den Beruf gegangen bin: Ich hätte nicht gedacht, dass die Pflege fachlich so anspruchsvoll ist. Deshalb regt es mich besonders auf, wenn es heißt: 2600 Euro Netto-Gehalt geht doch, ist doch schließlich nur eine Pflegekraft ... Die Leute verstehen nicht, was wir wirklich leisten. Ein Abteilungsleiter in der Produktion bin der Industrie verdient häufig doppelt so viel wie eine Teamleitung auf Intensivstation – dabei hätten Fehler der Teamleiterin viel schlimmere Konsequenzen.

Glauben Sie, Politiker verstehen, was Pflegekräfte leisten?

Teilweise. Ich habe mit Bundestagsabgeordneten gesprochen, bei denen man merkte, dass sie das Thema bewegt. Diejenigen Politiker aber, die letztlich die Entscheidungen treffen, haben leider häufig kaum Ahnung. So ein Politiker wie Gesundheitsminister Gröhe kann als Jurist auch einfach nicht wissen, wie es sich anfühlt, in der Pflege zu arbeiten.

Was ich als großes Problem sehe, ist, dass viele Politiker sich in der Argumentation auf Qualitätsberichte und Statistiken beziehen. Und ja: Diese Berichte lesen sich meistens auch gut. Der Haken ist nur, dass niemand überprüft, ob das Dokumentierte überhaupt stattgefunden hat. Wie kann es denn sonst sein, dass einer der häufigsten Gründe, weshalb Pflegeheim-Bewohner ins Krankenhaus eingeliefert werden, die Exsikkose ist? Gleichzeitig heißt es im Qualitätsbericht vom MDK, dass bei 99,5 Prozent der Bewohner die Flüssigkeitsversorgung angemessen sei.

Wie sehen Sie augenblicklich die politische Entwicklung? Hat die Sensibilität gegenüber dem Thema Pflege – nicht zuletzt durch Ihren Auftritt in der Wahlarena – zugenommen?

Ein bisschen hat sich bewegt, aber meiner Meinung nach noch nicht genug. Dass im Sondierungspapier Personaluntergrenzen für alle bettenführenden Stationen vorgesehen sind und nicht nur für ‚pflegesensitive‘ Bereiche, finde ich gut. Das Problem ist nur, dass die Untergrenzen zwischen Deutscher Krankenhausgesellschaft und Kassen ausgehandelt werden sollen. Keine Gewerkschaft, kein Pflegeverband, keine Kammer ist dabei. Das sehe ich skeptisch. Die Kassen wollen Geld sparen und auch die DKG wird die niedrigsten Standards ansetzen.

Außerdem zeigt sich in der Diskussion, dass Politiker eher Symptome bekämpfen. Sie sagen zum Beispiel, dass es zu wenige Pflegekräfte gibt. Das stimmt nur zum Teil: Es arbeiten nur zu wenige von ihnen im Beruf, weil die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung zu schlecht sind. Man müsste die Arbeitszeit auf 33 Stunden senken und gleichzeitig das Gehalt erhöhen. Damit würde sich die Negativspirale umdrehen.

Politiker und Klinikchefs würden Sie sicherlich fragen, wer das zahlen soll …

Das Geld ist ja da, es fließt nur in die falschen Kanäle – wie kann es sein, dass ein Drittel der Gesundheitsausgaben der Pharmaindustrie zugutekommen? Das finde ich absolut unangemessen und unverhältnismäßig.

Außerdem könnte man zur Finanzierung des Gesundheitssystems stärker die Steuer hinzuziehen, indem man zum Beispiel die Kapitalertragssteuer erhöht. Es ist doch unverständlich, warum Kapital mit 25 Prozent geringer besteuert wird als Arbeit. Auch höhere Spitzensteuersätze wären vernünftig und eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze um Besserverdienende stärker mit einzubeziehen.

Nicht zuletzt ist es eine Frage des Anstands, Pflegekräfte besser zu honorieren. Denn sie können nun einmal nicht so radikal streiken wie Metaller oder Piloten. Ja, und: Wer gute Pflege möchte, sollte auch bereit sein, mehr Krankenkassenbeiträge zu zahlen.

Wie stehen Sie zum Thema Arbeitskampf?

Es regt mich immer wieder auf, dass das für viele Pflegekräfte kein Thema ist. Sicherlich können wir nicht so konsequent streiken wie andere Branchen. Aber wir können pünktlich gehen und aufhören, aus dem Frei einzuspringen. Wenn dann die Dokumentation nicht erledigt wird, ist das nicht unser Schuld. Aber ich erlebe immer wieder, dass Kollegen bereits zehn Tage am Stück gearbeitet haben und dann an ihrem ersten freien Tag einspringen. Das bringt doch nichts. Das ist wie bei einem Alkoholkranken: Wenn man ihm immer wieder Alkohol gibt, hilft das nur kurzfritsig und es kommt auf lange Sicht zu keiner Heilung.

Da hilft nur Konsequenz. Dann müssen eben Stationen geschlossen werden, dann werden eben die Betten kreuz und quer geschoben und Leiharbeitskräfte gebucht.

Sind Sie Mitglied in der Gewerkschaft oder in einem Berufsverband?

Ich bin bei Verdi Mitglied. Mit dem WDR war ich ja auch in Norwegen. Was mich dort wirklich beeindruckt hat: über 90 Prozent der Pflegekräfte sind Mitglied in der Gewerkschaft. Das ist sicherlich ein entscheidender Grund, weshalb sie in Norwegen deutlich mehr Geld verdienen – auch wenn man die höheren Lebenshaltungskosten berücksichtigt.

Sollten Sie nach Ihrer Ausbildung in der Pflege bleiben: In welchem Bereich würden Sie am liebsten arbeiten?

Am liebsten auf Intensivstation: Dort gibt es die komplexeste Pflege.

Interview: Kirsten Gaede

Foto: Silas Stein/dpa

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