Durch meine internationale Pflegenetzwerktätigkeit verfolge ich nach wie vor, was meine ‘alte’ Pflegeszene in Deutschland vorantreibt – oder auch nicht. Es gibt Tage, da staune ich mit großen Augen aus meiner Wahlheimat Großbritannien, was die deutsche Pflegekultur macht, vorantreibt, diskutiert, wählt und auch wieder abwählt.
Pflegewissenschaftler sollten immer auch auf Station arbeiten
Zurzeit gibt es die Diskussion, ob Pflegewissenschaftler wieder ans Bett sollen, oder ob sich generell – ch Akademiker in der Pflege (damit meine ich auch jene, die das Grundstudium absolvieren) unter ihrem Wert verkaufen. Ist der Klinikalltag, so fragen viele in Deutschland, der richtige Platz für akademisierte Pflegefachkräfte?
Ich habe dazu – sicherlich auch durch meine Erfahrung in Großbritannien geprägt – eine ganz klare Haltung,: Selbstverständlich müssen die Kollegen aus der Pflegewissenschaft auch im Praxisalltag mitarbeiten, so wie es auch international der Fall ist. Wie könnte denn die Pflegewissenschaft anderenfalls ihre Standards, ihre Guidelines et cetera entwickeln, die die Einführung des neuesten Wissens auf den Stationen ermöglichen?
[Im Interview … und plötzlich bin ich Ausländerin erfahren Sie, wie Sabine Torgler als Krankenschwester den Brexit in England erlebt]
Es geht doch um eine gute Pflege der Patienten!
Die Krankenhäuser in Deutschland, die der Magnet-Theorie verbunden sind und anstreben, ein Magnet-Krankenhaus zu werden, zeigen, wie gut diese Verknüpfung ( Praxis & Theorie im Verbund) funktioniert. Die Akademiker werden hier gut von den Nicht-Akademikern akzeptiert und nicht als Bedrohung empfunden, sie arbeiten als Kollegen zusammen in einem Team mit dem Ziel, die Patientensicherheit zu gewährleisten. Allen ist klar, dass man das nur mit Wissen erreicht, das up-to-date und evidenzbasiert ist.
Die Forschung forscht, aber man implementiert gemeinsam das neue Wissen in die alltägliche Stationsarbeit.. Das ist eigentlich ein ganz einfacher Kreislauf, an dem auch ich hier in Bristol als Registered Nurse beteiligt bin. Wir arbeiten mit den Research Nurses und den Advanced Nurse Practitioners eng zusammen, Hand in Hand. Dadurch sind wir autonom und können unsere eigenen Pflegepfade und Standards entwickeln. Wir bauen so in der Praxis ein „never-ending“ pflegerisches Wissen auf, das den Patienten zugute kommt.
Warum dürfen Pflegpädagogen nicht auch am Bett arbeiten?
Auch die Pflegepädagogik ist in Deutschland praxisferner als sie sein müsste: Viele Pflegepädagogen – das weiß ich noch aus meiner eigenen Lehrtätigkeit in Bremen – würde nebenbei eigentlich gern stundenweise auf Station arbeiten. Die Kolleginnen vermissen die praktische Arbeit, auch wenn sie sich in Lehre sehr gut aufgehoben fühlen. Viele Krankenpflegeschulen lassen es aber nicht zu, weil die Curricula eng getackert sind und der Fachkräftemangel es in der Pflegepädagogik „nicht erlaubt“, dass diese Kollegen einen prozentualen Anteil ihrer Stelle im Stationsalltag verbringen.
Bessere Pflegequalität durch mehr Akademiker am Bett
Beißt sich da die Katze nicht in den Schwanz? Wieso klappt es in anderen Ländern, obwohl es dort auch einen Fachkräftemangel in der Pflege gibt? Wieso kann man die Schulstrukturen und Klinikstrukturen nicht kombinieren? Oder ist das jeweilige Kultusministerium so kraftvoll, dass man als Schulleitung wenig bis gar keine Chance hat, um einen Wandel herbeizuführen? Während meiner Studienzeit (1999 bis 2003) in Deutschland war immer von einem Paradigmawechsel die Rede. Doch wo bleibt der denn?
Gäbe man Pflegepädagogen und Pflegewissenschaftlern die Chance, auch in der Pflegepraxis tätig zu sein, würde sich die Pflegequalität auf den Stationen deutscher Krankenhäuser sicherlich erhöhen. Mein Appell: Überwindet die Gräben zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern – das wäre das Beste für beide und nicht zuletzt für die Patienten.
Wie gesagt: Es klappt – siehe die international Pflegewelt!
[Lesen Sie zum Thema Akademisierung und zum Aus der Pflegepädagogik an der PTHV in Vallendar auch die Kommentare Pflegeakademiker ans Patientenbett! und Pflegewissenschaft hat immer Praxisbezug!]
Über Sabine Torgler
Die geborene Bremerin arbeitet als Overseas Nurse an der Uniklinik Bristol im Südwesten Englands, einem Haus mit 1.400 Betten. Die 47-Jährige hat eine 25-Prozent-Stelle auf einer kolorektalen Station, wo sie als Pool-Schwester tätig ist und in der Pandemie meistens 90 Prozent arbeitet. Außerdem hat sie sich vor sechs Jahren mit dem Netzwerk www.englishfornurses.org selbstständig gemacht. Unter anderem konzipiert und leitet sie Fachsprachkurse für Pflegekräfte, Ärzte und anderes Gesundheitspersonal. Dafür ist sie bis zur Corona-Pandemie regelmäßig in sechs europäischen Ländern unterwegs.