Gewalt in der Pflege

Aggressive Patienten - 6 Tipps für brenzlige Situationen

Das haben fast alle Pflegekräfte schon erlebt: Der Patient, der rabiat wird, weil er länger warten muss, der Bewohner, der der Praktikantin auf den Po klopft. Wie geht man am besten damit um?

Inhaltsverzeichnis

Zunächst einmal gilt: „Wer aggressiv wird, sollte nicht durch die Lappen gehen dürfen“, betont Katrin Streich, stellvertretende Leiterin des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Die Forschungseinrichtung vermittelt seit über zehn Jahren verschiedenen Professionen Präventionskonzepte.

„Gewalt von Patienten muss Konsequenzen haben“

„Der kriminelle Part eines Patienten oder Bewohners muss sofort auch für andere sichtbar werden. Wichtig ist, sich in einer solchen Situation als Pflegekraft selbst zu schützen und so schnell wie möglich Hilfe zu holen. Die Gewalt darf man so nicht stehen lassen, es muss Konsequenzen geben.“ Fakt sei leider, dass die Tendenz zur Übergriffigkeit im Gesundheitsdienst zunehme, sagt die Expertin.

Immer mehr übergriffige Patienten

Streich berichtet von etlichen Risikoanalysen ihres Instituts in Kliniken und Arztpraxen. „Es ist kaum zu glauben, aber auch in einfachen Arztpraxen hat man es mittlerweile mit übergriffigen Patienten zu tun. Sie lassen ihren Unmut zum Beispiel am Personal aus, wenn sie zu lange auf einen Termin warten müssen.“ Grund sei, so mutmaßt die Kriminalpsychologin, eine „Grenzverschiebung“ in der Gesellschaft, in der „Verrohung, Egoismus und narzisstische Selbstsucht“ den Nährboden bilden. Hinzu kämen häufig Strukturen, wodurch Patienten sich ungerecht behandelt fühlten, etwa lange Wartezeiten in Notaufnahmen.

Gewalt um 22 Prozent gestiegen

Offizielle Zahlen bestätigen Streichs Beobachtungen: Nach den Zahlen der Arbeitsunfallstatistik 2016 erlitten 10.432 Beschäftigte einen meldepflichtigen Arbeitsunfall wegen physischer oder psychischer Gewalt. Das bedeutet einen Zuwachs vopn rund 22 Prozent seit 2012 (8.534 Fälle). Besonders gefährdet sind grundsätzlich Beschäftigte mit Kunden- oder Patientenkontakt. So ereigneten sich 2016 gut 31 Prozent (3.252) aller Übergriffe auf Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeheimen, ein weiteres Fünftel im öffentlichen Bereich, auf Straßen oder bei der Nutzung von Transportmitteln (2.371).

Krankenhäuser in der Schweiz: Umgang mit Gewalt vorbildlich

Dass das Thema vom schwierigen Patienten hierzulande erst jetzt so richtig eine Rolle spiele, sei insofern erstaunlich, als „die Schweiz schon seit Jahren Vorreiter“ beim Thema Gewalt sei und professionelles Bedrohungsmanagement im Krankenhaus dort üblich sei, berichtet die Kriminalpsychologin. „Das Unispital Zürich hat ein solches schon vor vielen Jahren etabliert, und der Kanton Solothurn hat es als erster Kanton landesweit eingeführt. Damals hat man bei uns in Deutschland noch darüber gelacht, jetzt ist es auch hier aktuell.“

6 Tipps für die Deeskalation in Klinik und Heim

Streich rät der einzelnen Pflegekraft vor allem zu kommunikativen Deeskalationstechniken, die rasch zu erlernen seien. Es reiche, hier eine Technik sicher zu beherrschen, man brauche keine zehn verschiedenen Methoden. Welche Methode auch immer man wählt - grundsätzlich gilt es, diese 6 Tipps zuz beherzigen:

  1. Die räumliche Situation stets im Blick behalten: Kann ich zur Not schnell aus dem Raum laufen und womöglich Hilfe holen?

  2. Sich nicht von den Emotionen des Gegenübers anstecken lassen und laut zurückschreien, sondern ruhig bleiben. Denn: Nur wenn ich selbst kontrolliert bin, kann ich die Situation kontrollieren!

  3. Positive Selbstinstruktion geben und sich am besten zwei bis drei verhaltensleitende Sätze für den Notfall zurechtlegen, etwa: „Ich bleibe ruhig.“ Tiefes Ausatmen wirkt hier ebenfalls immer gut.

  4. Grundsätzlich gilt: Körperkontakt vermeiden, Distanz wahren!

  5. Notwehr abschätzen: Wie zurechnungsfähig ist mein Gegenüber?

  6. Wichtig sei auch abzuschätzen, wie lange man überhaupt deeskalieren kann und soll und ab wann es gefährlich wird. „Dann darf man auf keinen Fall den starken Mann oder die starke Frau markieren“, warnt Streich.

Was Streich außerdem ganz wichtig ist zu betonen: „Deeskalation bedeutet nicht, ich mache alles, was mein Gegenüber will.“

Autorin: Birgitta vom Lehn

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