Entlassmanagement

Abgemagert und ungekämmt aus der Klinik zurück ins Heim

Zwei PDL erzählen, wie verwahrlost sie Heimbewohner aus Kliniken zurückbekommen. Das Schlimmste: Experten wie Michael Isfort (dip) sowie der Care Klima-Index bestätigen die Zustände

Inhaltsverzeichnis

Wenn der Pflegedienstleiter eines Hamburger Seniorenheims seinem Ärger über viele Krankenhäuser Luft machen will, wählt er deutliche Worte: „Stellen Sie fünf unserer Bewohner nebeneinander, und Sie sehen genau, wer von ihnen vor Kurzem aus einer Klinik entlassen wurde.“ Verwahrlost, ungekämmt, Nägel lang und dreckig, stinkend, Gewicht verloren – die Liste der Nachlässigkeiten ist lang. „Das ist wirklich entwürdigend“, sagt der PDL, der seinen Namen hier lieber nicht lesen möchte.

Frischer Dekubitus und Infusions-Hämatome - auch das kommt vor

Manuela T. erlebt ähnliches. „Häufig sind die Bewohner relativ ungepflegt, wenn sie aus dem Krankenhaus zurückkommen“, sagt die Pflegedienstleiterin der Seniorenpflege Birkholz, einem Heim mit 136 Plätzen in Berlin-Charlottenburg. Zudem erlebt sie öfter, dass Bewohner nach einem längeren Klinikaufenthalt mit Wunden zurückkehren, einen wunden Po oder einen offenen Hacken haben, „weil sie nicht ausreichend umgelagert wurden“. Hinzu kommen Infusions-Hämatome, „die auch mit Blick auf die sehr anfällige Altershaut nicht immer sein müssten“, erklärt die PDL: „Bei manchen Bewohnern sind sogar noch die Venenzugänge gelegt, wenn sie wieder hier ins Haus kommen.“

Entlassmanagement seit 2017 gesetzlich geregelt

Die Beispiele sind offenbar keine Einzelfälle. Die Versorgung bei einer Patientenüberleitung, zum Beispiel beim Entlassmanagement oder bei der nachstationären Versorgung von Pflegebedürftigen, läuft oft nicht rund. Dabei gelten für das Entlassmanagement seit Oktober 2017 eine gesetzliche Regelung und ein verbindlicher Rahmenvertrag, der den Kliniken klare Vorgaben macht.

Branchenkenner: Entlassmanagement 2018 noch schlechter als 2017

Dem Care Klima-Index zufolge bewerten 44 Prozent der Befragten die Überleitung als „problematisch“, was der schlechtesten Bewertung entspricht. Im Vergleich zu 2017 sind das noch einmal elf Prozentpunkte mehr. Für den Index hat das Institut Psyma in Kooperation mit dem Deutschen Pflegerat (DPR) und der Schlüterschen Verlagsgesellschaft 2.226 Repräsentanten aus der Gesundheits- und Pflegebranche befragt.

Michael Isfort (dip): Weg mit den Sektorengrenzen!

Professor Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) in Köln kennt das Problem. Der dip-Vorstand fordert deshalb, die sektorale Trennung zwischen Krankenhaus sowie der ambulanten und stationären Pflege aufzuheben: „Alle Beteiligten müssen sich vielmehr als regionale Versorger begreifen, die sich verbünden und gemeinsam für die Patienten arbeiten.“ Schließlich hätten alle Tätigkeiten Auswirkungen auf alle Beteiligten.

„Alltagsfähigkeiten dürfen sich in Klinik nicht verschlechtern“

Isfort kann sich zum Beispiel vorstellen, dass eine Pflegekraft mit einem Bewohner ins Krankenhaus geht und dort einen Tag mitarbeitet. Derartige Überlegungen scheiterten bislang allerdings an Haftungs- und leistungsrechtlichen Fragen. „Sobald ein Bewohner im Rettungswagen sitzt, wechselt er das Sozialgesetzbuch“, kritisiert Isfort.

Im Krankenhaus darf der Patient wenig selbst machen

Es gelte, die Patienten im Krankenhaus so zu versorgen und zu betreuen, dass sich ihre Alltagsfähigkeiten nicht verschlechtern. Dazu müssten auch ihre Gewohnheiten und Fähigkeiten berücksichtigt werden. In der Realität laufe aber vieles kontraproduktiv – zum Beispiel „wenn ein Patient im Heim aufwendig wieder gelernt hat, sich teilweise selbst zu waschen, von den Pflegekräften im Krankenhaus dann jedoch komplett gewaschen wird“.

Deutschland braucht seniorenfreundliche Krankenhäuser

Andere Länder, insbesondere in Skandinavien, seien da teilweise weiter, sagt der Pflegewissenschaftler und verweist auf die Idee des seniorenfreundlichen Krankenhauses. Dabei gehe es um einen Perspektivwechsel, der sich an der Lebenswirklichkeit der Patienten orientiere und die Erfahrungen der Heimkollegen in die Behandlung einfließen lasse. „Dieser Ansatz verbreitet sich zunehmend, und auch die Alterswissenschaft wird stärker.“ Dass die Sektoren mittelfristig zusammenwachsen, könnte durch die Generalistik gefördert werden, hofft Isfort: „Die Pflegekräfte kennen dann alle Perspektiven und können sie auch in die Krankenhäuser hineintragen.“

Stundenlanges Warten auf Entlassung ohne Essen und Trinken

Der Pflegedienstleiter in Hamburg erlebt die Zusammenarbeit bislang eher als Desaster. Oft kämen Patienten erst Stunden nach der angekündigten Zeit in seiner Einrichtung an. „In der Zwischenzeit haben sie meistens kein Mittagessen oder etwas zu trinken bekommen, sondern stundenlang irgendwo auf der Station gewartet.“ Dass sich jemand aus dem Krankenhaus meldet, um die Verspätung anzukündigen, „kommt eigentlich fast nie vor“.

Unterlagen gehen auf dem Weg zur Klinik verloren

Zudem erreichten in 50 Prozent der Fälle Unterlagen nicht das Krankenhaus. „Dabei geben wir immer alles in einem Umschlag mit“ – die Patientenverfügung zum Beispiel, Vollmachten, Überleitungsbogen und das aktualisierte Medikamentenblatt. „Doch nach sechs Stunden meldet sich dann ein Arzt aus dem Krankenhaus und empört sich, dass es gar keine Unterlagen gibt.“

Zähne fehlen, Medikamente fehlen

Dass viele seiner Bewohner von einem Klinikaufenthalt sogar ohne Zähne zurückkehren, löst bei ihm mittlerweile nur noch ein Schulterzucken aus. Auch achteten nur wenige Krankenhäuser darauf, Medikamente mitzugeben – zumindest für die folgenden zwei Tage. „Immer wieder werden unsere Bewohner selbst am Wochenende oder mittwochs, wenn viele Ärzte in der Regel keine Sprechstunde haben, ohne Medikamente entlassen.“

Krankenversichertenkarten gehen in der Klinik verloren

Nach der Erfahrung von Manuela T. in Berlin sind es eher die Krankenversichertenkarten, die immer mal wieder verschwinden, insbesondere wenn Patienten innerhalb des Krankenhauses verlegt werden. „Kommen die Bewohner ohne die Karte zurück, müssen wir aufwendig hinterhertelefonieren.“ Bis die Karte wiederbeschafft ist, können Tage vergehen, erst recht wenn sogar eine neue beantragt werden muss. „In der Zwischenzeit können wir nur auf die Kulanz von Ärzten und Physiotherapeuten hoffen“, sagt T..

Bewohner kommen mit MRSA und Darminfekten zurück - ohne Info

Auch Fehlinformationen sind offenbar gang und gäbe. „In einem Fall fragten wir zweimal nach, ob ein Bewohner mit einem multiresistenten Erreger infiziert sei“, erinnert sich der Hamburger PDL. Jedes Mal sei das verneint worden. „Von seinen Angehörigen haben wir dann erfahren, dass er unter einer akuten Durchfallerkrankung litt. Solche Informationen werden einfach nicht gerne weitergeleitet.“ Es passiere „wirklich immer wieder, dass die Krankenwagenfahrer vermummt sind, wenn sie uns die Bewohner zurückbringen – und das Entlassmanagement hat jedes Mal zuvor gesagt, es sei alles ok.“

Was können Heime unternehmen?

Gerade bei der Informationsübermittlung gebe es „durchaus noch Luft nach oben“, bestätigt Felizitas Bellendorf, Referentin Pflegemarkt bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Dafür müssten beide Seiten etwas tun. „Alle müssen sich fragen, wo es hakt und wie sich die Strukturen gemeinsam verbessern lassen.“ Zudem sei es wichtig, das sachliche Gespräch mit dem Krankenhaus zu suchen, wenn etwas nicht gut laufe – „zum Beispiel durch die Angehörigen und auf der organisatorischen Ebene durch die Führungskräfte des Heims, damit sich dauerhaft etwas verbessern kann“, sagt Bellendorf.

Einheitliche Formulare wie in Essen helfen

Ideal sei es, „wenn sich in einer Stadt alle einig sind und es klare Verfahrensabläufe gibt, die alle einhalten“. In Essen beispielsweise haben die Gesundheits- und die Pflegekonferenz der Stadt den Essener Leitfaden Patientenüberleitung entwickelt. Mithilfe von einheitlichen Formularen soll die Verständigung zwischen Arztpraxen, Pflegediensten, Krankenhäusern, Pflegeheimen, Hospizen und Reha-Einrichtungen erleichtert und beschleunigt werden, heißt es im Rathaus. Alle Krankenhäuser und mehr als zwei Drittel aller Pflegeheime, Pflegedienste und Reha-Einrichtungen beteiligen sich. Ein Patientenüberleitungsbogen und andere Formulare wie die Anlagen Psychiatrie/Sucht, MRE, Palliativversorgung und Wunde stehen im Internet zum Download bereit und werden regelmäßig aktualisiert.

Was Heime von Krankenhäusern lernen können

„Das gemeinsame Ziel ist, dass es den Patienten gut geht und keine Versorgungsbrüche entstehen. Dafür müssen auch Ressourcen frei gemacht werden“, betont Felizitas Bellendorf. Profitieren können alle. Die Pflegekräfte im Krankenhaus etwa erfahren zum Beispiel, wo ein Patient Unterstützungsbedarf hat, und die Kollegen im Heim erleben im Idealfall, woran sich eine ehemalige PDL aus dem Rheinland gerne erinnert: „Uns hat damals eine Fachkraft aus der Klinik angerufen, die sich dort intensiv mit Wundmanagement und Stoma-Versorgung beschäftigt. Von ihr haben wir ausführliche Handlungshilfen für die weitere Versorgung bekommen.“

„Kürzlich haben wir nicht vom Tod eines Bewohners erfahren“

Noch allerdings hapert es vielerorts an der Kommunikation. „Wir erleben auch, dass uns niemand informiert, wenn Bewohner im Krankenhaus auf eine andere Station oder sogar in eine andere Klinik verlegt werden“, sagt Pflegedienstleiterin T. in Berlin. Nicht nur für die Angehörigen sei das ärgerlich, sondern auch für ihr Pflegeteam, das mindestens einmal pro Woche Kontakt zu den Patienten aufnimmt oder einen Besuch organisiert, beschreibt T.: „Kürzlich haben wir nicht einmal erfahren, dass ein Bewohner verstorben ist.“

Autor: Jens Kohrs

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