Aktvierung und Betreuung

9 Tipps, damit Bewohner mehr Spaß am Singen haben

Die Singstunde schleppt sich müde dahin? Das CD-Projekt „Aufhorchen“ bietet jede Menge Tipps, wie Sie es schaffen, dass selbst demenzkranke Bewohner miteinstimmen.

Inhaltsverzeichnis

Gesprochen hat sie schon lange nicht mehr, die 104-jährige demenzkranke Heimbewohnerin aus Potsdam. Doch als sie das Volkslied „Wenn alle Brünnlein fließen“ hörte, fing sie an, mitzusingen. Unglaublich, aber wahr. Musik steckt tief in uns, und sie bleibt lange in uns.

Hier können Sie im Video sehen, wie die 104-Jährige beim Singen mit einstimmt

Zum Singen animiert haben die 104-Jährige die Musiktherapeutin und ausgebildete Sängerin Babette Herboth und der Musiker Peter Eichstädt aus Potsdam. Und zwar mit ihrem CD-Projekt „Aufhorchen“. „Musik hilft in jeder Lebenslage und in jedem Alter“, weiß Eichstädt aus jahrelanger Erfahrung. Eine Erkenntnis, die sich Pflegekräfte bei der Alltagsbegleitung im Heim zu Nutze machen können. „Wenn nichts mehr geht, Musik geht immer“ - das bestätigen Eichstädt Pflegekräfte immer wieder. Eine denkbare Erklärung: Musikalische Erinnerungen werden im prozedualen Gedächtnis, im Gedächtnis der Bewegung und Handlung, abgespeichert.

Die wichtigsten Tipps der beiden Experten zum Singen mit Heimbewohnern:

Tipp 1: Atmosphäre schaffen

Zunächst sollten Pflegekräfte und Betreuer eine schöne Atmosphäre schaffen. Wenn sie den Gemeinschaftsraum ansprechend herrichten, eventuell Kaffee und Kuchen anbieten und vor allem Störungen von außen minimieren, dann stimmen die Grundbedingungen.

Tipp 2: Die Werbetrommel rühren

Keine Frage: Das Singen ist ein Höhepunkt der Woche. Also dürfen Pflegekräfte und Betreuer die Singstunde im Plan der Alltagsbegleitung als besonderes Ereignis hervorheben. Und auch direkt vor Beginn der Veranstaltung hilft es, wenn sie die gemeinsame Singstunde noch einmal als Höhepunkt der Woche und besonderes Ereignis ankündigen und so auch lustlose oder geschwächte Bewohner dazu verlocken, sich auf den Weg zu machen oder sich im Rollstuhl zur Singstunde bringen zu lassen.

Tipp 3: Jede Generation hat ihre Lieder

Wer heute zwischen 70 und 90 Jahren alt ist und vielleicht auch noch an Demenz leidet, den können Pflegekräfte nicht mit Helene Fischer oder Wolfgang Petry zum Singen bringen. Hier sind Lieder aus der Jugend dieser Generation gefragt. Und davon findet sich eine ganze Reihe auf der CD „Aufhorchen“ - denn Peter Eichstädt und Babette Herboth haben sie speziell für demenzkranke Senioren produziert: „Rote Lippen soll man küssen“, Cliff Richards deutsche Version seines Hits „Lucky Lips“ von 1963, gehört dazu, das sehnsüchtige „Junge, komm bald wieder“ von Freddy Quinn oder auch „Marina“ von Rocco Granata aus dem Jahr 1959. Dazu gesellen sich Volkslieder wie „Im Frühtau zu Berge“ oder „Rosamunde“.

Jüngere Pflegekräfte kennen diese Titel oft nicht und haben deshalb Hemmungen, weil sie sich in der Alltagsbegleitung nicht so gern auf unbekanntes Terrain begeben wollen, so Babette Herboth. Hier erleichtert „Aufhorchen“ den Zugang und senkt die Hemmschwelle.

Tipp 4: Langsam und in tieferer Tonart

„Im Alter wird alles etwas langsamer und das Licht wird dunkler“, diagnostiziert Musiker Eichstädt. Er hat daraus Konsequenzen gezogen. Sämtliche Lieder auf der „Aufhorchen“-CD hat er langsamer und in einer tiefer gelegenen Tonart eingespielt, so dass ältere Menschen einsteigen können, ohne krächzen zu müssen. „Rote Lippen soll man küssen“ lässt sich im Original kaum mitsingen, weil es zu hoch liegt, so Eichstädt. „Die Stimmbänder sind Muskeln, und diese Muskeln erschlaffen nun mal im Alter“, erklärt der Musiker.

Tipp 5: Musik mit Liebe auswählen und aufnehmen

Gerade Demenzkranke sind empfindsam, weiß Babette Herboth, und sie merken, ob man sie mit billiger Berieselung abspeisen will. Deshalb sollten Pflegekräfte nur Musikstücke auswählen, die sie selbst mögen. Moderne Partyversionen von Volksliedern können allerdings abschrecken. Eichstädt betont, dass er die „Aufhorchen“-CDs mit Liebe und Sorgfalt, mit guten Musikern und einigem Aufwand produziert hat.

Tipp 6: mitmachen und vormachen

„Wer demenzkrank ist, lässt sich mit Aufforderungen und Ankündigungen nicht mehr erreichen“, erklärt „Aufhorchen“-Projektpartnerin Babette Herboth. „Deshalb sollten Pflegekräfte und Betreuer einfach gemeinsam mit den älteren Menschen loslegen und keine langen Erklärungen voranstellen.“

Peter Eichstädt wiederum verrät, wie auch unmusikalische Pflegekräfte in der Alltagsbegleitung wie von selbst die Senioren zum Singen bringen. „Sprechen Sie einfach das erste Wort jeder Zeile tonlos vor, bevor es erklingt“, rät Eichstädt. Alles andere läuft dann wie von selbst.

Tipp 7: die CD nicht einfach abspulen, die Lieder mit Leben füllen

Wichtig ist, dass die Pflegekräfte nicht einfach die komplette CD ohne Pause durchlaufen lassen. Sie sollen sich ein Lied aussuchen, das alle kennen. Dann spielen sie es zuerst einmal ab. Nun, so Eichstädt, sollten die Pflegekräfte diejenigen ausgiebig loben, die schon mitgesungen haben. Einige Gesprächsimpulse halten das Interesse wach: Woher kommt das Lied? Was verbinden Sie mit dem Lied? In welchem Film war das Lied zu hören? Anschließend erst geht es ans eigentliche Mitsingen. Dafür gibt es auf der „Aufhorchen“-CD jedes Lied zweimal, einmal auch in einer Version mit leiserer Hauptstimme.

Tipp 8: eine gute Musikanlage

Musiker legen Wert auf guten Klang, und das ist bei Peter Eichstädt nicht anders. Er empfiehlt daher, dass Pflegekräfte die CD „Aufhorchen“, aber natürlich auch andere Tonträger, auf einer guten Musikanlage laufen lassen sollten. „Ich bin gegen Berieselung und für eine schöne Atmosphäre“, so Eichstädt. „Pflegeheime können sich über Anzeigenblätter oder Internet-Kleinanzeigenseiten gute, aber preisgünstige Musikanlagen anschaffen - wenn sie inserieren, werden sie mit Angeboten überhäuft.“

Tipp 9: alles ist im Fluss

Musik ist eng mit der Biografie jedes Menschen verknüpft. Lieder, Schlager oder Hits, die man während des ersten Verliebtseins gehört hat, bleiben im Gedächtnis. Für die Alltagsbegleitung gilt es also, immer wieder die Lieblingslieder jeder Generation zu entdecken und nicht stehen zu bleiben. „Als ich vor Jahren anfing, mit Senioren zu singen, haben wir den 'Grünen Kaktus' geschmettert“, erzählt Babette Herboth. „Jetzt treffe ich bei den älteren Menschen schon auf Fans von den Beatles und den Rolling Stones.“

Und auch Peter Eichstädt schaut vorwärts, allerdings als Produzent: Er möchte gerne regionale „Aufhorchen“-CDs herausbringen, mit Liedern für Demenzkranke im regionalen Dialekt.

Infos zum Projekt „Aufhorchen“:

  • alle Lieder sind neu eingespielt
  • jedes Lied zweimal auf der CD, davon einmal mit leiserer Singstimme
  • verlangsamtes Tempo der Aufnahme
  • Tonarten nach langjährigen Erfahrungen in der Musiktherapie angepasst

Mehr Infos und Videos unter www.demenz-aufhorchen.com/

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