Vom richtigen Umgang mit Gehhilfen

7 Tipps, damit Senioren mit Rollator nicht stürzen

In Deutschland gibt es immer mehr Rollator-Fahrer. Doch die meisten nutzen ihn falsch. Stürze sind eine Folge, aber nicht die einzige

Inhaltsverzeichnis

Uta Bornschein hat einen Blick für Bewegung und Bewegungsmuster. Ungünstige Körperhaltungen erkennt die Kinästhetik-Trainerin sofort. Umso deutlicher formuliert sie ihre Warnung an Besitzer von Rollatoren: „Sehr viele nutzen ihn wenig hilfreich, und das kann problematisch werden.“

1. Tipp: Rollator nicht so hoch einstellen

Bornschein bemängelt vor allem die Einstellung der Gehhilfen. Bei vielen sei sie deutlich zu hoch: „Häufig beugen sich die Nutzer vor und laufen einen Meter oder mehr hinter dem Gerät.“ Unter diesen Umständen sei es kaum möglich, sich in einer Gefahrensituation abzustützen. „Dafür sind die Griffe zu weit weg, das ist ein physikalisches Problem“, warnt Bornschein. Wenn dann eine Unebenheit im Boden kommt oder jemand in seinem Gang unsicher ist, droht ein unter Umständen folgenschwerer Sturz. Stabilität – Fehlanzeige.

2. Tipp: Handgriffe liegen idealerweise kurz vor dem Becken

Oberste Regel: „Der Rollator muss körpernah genutzt werden“, rät Bornschein: „Sobald jemand gebeugt oder gebückt geht, ist er insgesamt nicht mehr so stabil.“ Deshalb sollten die Handgriffe des Rollators „am besten ein wenig vor dem Becken des Nutzers sein. Dabei zeigen die Arme weitgehend nach unten, nicht nach vorn“, beschreibt Bornschein.

3. Tipp: Richtig rein gehen in den Rollator

Idealerweise gehen die Nutzer in ihrem Rollator, also zwischen den beiden Hinterrädern. Denn das erklärte Ziel sei es, sich aufrecht zu bewegen. „Das sorgt für eine ganz andere Stabilität. Je weiter Beine und Becken vom Rollator weg sind, desto instabiler ist der Gang – und die Gefahr zu stolpern oder zu stürzen steigt.“

4. Tipp: Oberkörper nicht zusammensacken lassen

Der Grund für die ungünstige Haltung? „Wahrscheinlich ist das ein unbewusst erlerntes Muster – weil sich viele so verhalten und es unter Umständen keine angemessene Beratung gibt“, sagt Bornschein. Dabei könne die Angewohnheit langfristig durchaus der Grund für chronische Schmerzen sein.

Falsche Haltung verursacht Schmerzen

„Sich ständig mit leicht zusammengesacktem Oberkörper und nach vorn geneigten Schultern zu bewegen, sorgt schnell für schmerzhafte Verspannungen.“ Das gehe allerdings so langsam und schleichend, „dass viele gar nicht die falsche Haltung als Ursache ihrer Schmerzen sehen“.

Wer Rollatoren falsch nutzt, riskiert Unfälle

Die Gefahr am Rollator hat auch das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) erkannt. „Gerade viele ältere und pflegebedürftige Menschen nutzen einen Rollator, um möglichst selbstständig zu sein – zu Hause, bei Spaziergängen oder beim Einkaufen. Doch der Umgang mit den rollenden Gehhilfen ist nicht so einfach, wie häufig gedacht wird“, sagt der ZQP-Vorstandsvorsitzende Ralf Suhr: „Bei falscher Handhabung drohen Unfälle.“

Bundesweit mehr als drei Millionen Rollatoren im Einsatz

Das Gefahrenpotenzial ist enorm: Bundesweit, so schätzen Branchenexperten, sind mittlerweile schon mehr als drei Millionen Rollatoren im Einsatz. Tendenz: steigend. Zusammen mit der Klinik für Geriatrische Rehabilitation am Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart hat das ZQP deshalb die Broschüre „Rollator – Tipps zum sicheren Umgang“ entwickelt.

ZQP-Broschüre zeigt, wie man am besten über Hindernisse rollt

Darin beschreibt die vom Verband der Privaten Krankenversicherung gegründete gemeinnützige Stiftung nicht nur, wie ein passender Rollator ausgewählt und sein Gebrauch trainiert wird. Es geht unter anderem auch darum, wie mit den Gehhilfen Hindernisse überwunden werden und wie der Rollator funktionstüchtig bleibt.

5. Tipp: Rollator-Kauf mit Checkliste

Dabei ist Rollator nicht gleich Rollator. Es gibt viele verschiedene Modelle. Und nicht jeder Rollator sei für jeden Menschen geeignet, warnen die Verfasser des Ratgebers. Bei der Auswahl gelte es etwa, Kriterien wie Größe, Gewicht, Räder und Zubehör zu beachten und sich vor dem Kauf genau zu überlegen, wo und wann der Rollator eingesetzt werden soll – zum Beispiel drinnen oder draußen, beim Einkaufen oder für längere Spaziergänge.

6. Tipp: Am besten mit Physiotherapie oder Ergotherapie trainieren

Wenn ein Arzt einen Rollator verordnet, sollte er auch ein Rezept für eine Physio- oder Ergotherapie ausstellen, heißt es im ZQP-Ratgeber. Das garantiere eine fachgerechte und individuelle Einweisung, die wie die Auswahlberatung auch in einem Sanitätshaus stattfinden könne.

7. Tipp: Bitte üben - in den Bus einsteigen und aussteigen

Die ZQP-Experten empfehlen außerdem, an einem Bewegungstraining teilzunehmen. Darüber hinaus organisierten Verkehrsbetriebe, die Polizei oder die Deutsche Verkehrswacht Kurse, bei denen etwa das Ein- und Aussteigen aus dem Bus geübt werde. Infos dazu gebe unter anderem die örtliche Senioren- oder Pflegeberatung (Suche zum Beispiel in der ZQP-Datenbank).

Kassen zahlen Schulungen für pflegende Angehörige

Zudem müssen die Pflegekassen nach dem Pflegeversicherungsgesetz (Paragraf 45 SGB XI) die Kosten von Schulungen für pflegende Angehörige übernehmen, betont Pflegeexpertin Uta Bornschein. Die Kinästhetik-Trainerin selbst beispielsweise bietet neben mehrstündigen Infoveranstaltungen sowie Grund- und Aufbaukursen auch individuelle häusliche Schulungen an. Auf der Homepage von www.wir-pflegen-zuhause.de ist eine bundesweite Trainerliste eingestellt.

Über Uta Bornschein

Die Krankenschwester, Pflegeexpertin und Kinästhetik-Trainerin (Foto unten) arbeitet seit 45 Jahren im Pflegeberuf in Ostfildern bei Stuttgart. Freiberuflich bietet sie Bildung und Beratung für beruflich Pflegende sowie für pflegende Angehörige an (www.bewegungskompetenz.org).

Autor: Jens Kohrs

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