Pflegedokumentation

7 Gründe, warum Digitalisierung gut für Pflegekräfte ist

Viele Altenpflegekräfte möchten auch künftig auf Papier dokumentieren. Dabei könnte die digitale Dokumentation ihnen die Arbeit deutlich erleichtern und die Qualität der Pflege steigern.

Inhaltsverzeichnis

Es ist nur ein Rollstuhl. Aber für die ältere Dame, die seit einiger Zeit in einer Seniorenresidenz bei Hannover lebt, entscheidet er, ob ihr Tag gut wird. Sie nimmt gerne an Ausflügen der Residenz teil. Doch wenn dann kein Rollstuhl bereitsteht, muss sie im Haus bleiben. Schlechte Laune garantiert.

1. Argument: Zuverlässigerer Informationsfluss unter Kollegen

Individuelle Wünsche wie diesen hat das Team der Einrichtung in der Pflegesoftware vermerkt. Alle Kollegen wissen darüber Bescheid. Die Zeiten, in denen vermeintliche Kleinigkeiten wie diese auf Zetteln notiert, an Computerbildschirme geklebt und dann doch nicht von allen wahrgenommen wurden, sind vorbei. Gerade diese Wünsche seien wichtig für das Wohlbefinden, sagt die Pflegedienstleiterin: „So fühlt sich der Bewohner eher zu Hause.“

2. Argument: Schneller auf Beschwerden reagieren

Alexander Boulbos, Geschäftsführer der Geros GmbH, die in Castrop-Rauxel stationäre Einrichtungen und einen ambulanten Pflegedienst betreibt, kennt noch einen weiteren Vorteil. Da auch Beschwerden direkt in der Software landen, könnten sie schneller berücksichtigt werden als bei der bisherigen Arbeit mit Papierformularen. „Wir zeigen Bewohnern und Angehörigen, dass wir ihre Anliegen ernst nehmen“, wird Boulbos in einem Praxisbericht des Hildesheimer Softwarehauses Medifox zitiert. Ganz nebenbei fördere das den guten Ruf der Einrichtung: „Bevor die Prüfbehörde kommt oder negative Kommentare im Internet auftauchen können, haben wir die Situation längst bereinigt.“

3. Argument: Sturz, Dekubitus & Co. gezielter vorbeugen

Dass digitale Pflegedokumentation auch solche weichen Faktoren vereinfachen kann, steht selten im Fokus. In der Regel wird sie eher als lästig und zeitraubend empfunden. Dabei entsteht dadurch ein gewaltiger Datenschatz, der vielfach noch ungenutzt bleibt. Das Potenzial, das darin steckt, werde oft verkannt, sagt Karen Güttler, Wissenschaftliche Leiterin beim Bremer IT-Unternehmen Atacama Blooms: „Viele machen noch nicht so viel mit ihren Kennzahlen.“

Genutzt werden die Daten hauptsächlich, um die fünf großen Risiken Sturz, Dekubitus, Schmerz, Fehlernährung und Inkontinenz bei den Bewohnern zu analysieren und bei Bedarf vorzubeugen. So offenbaren Sturzprotokolle nicht selten, wo die Verantwortlichen einmal genauer hinschauen sollten. „Stürzen zum Beispiel immer morgens viele Bewohner im Bad, sind vielleicht die Waschbecken zu hoch angebracht“, sagt Güttler.

MRSA-Risiken besser erkennen

Doch die Kennzahlen können noch mehr verraten. „Im Hygienebereich lassen sich zum Beispiel auch MRSA-Risiken erkennen“, sagt Güttler. Dafür sind in der Pflegefachsprache der Software die vom Robert Koch-Institut erstellten Risikofaktoren hinterlegt – wie etwa chronische Hautläsion oder liegende Katheter. „Wird einer oder werden mehrere dieser Faktoren dokumentiert, ohne dass diese für die Pflegenden als Risikofaktoren gekennzeichnet sind, zeigt das Programm an, dass ein MRSA-Risiko vorliegt“, erklärt Güttler.

4. Argument: Dauer der Pflege-Maßnahmen präziser berechnen

Mit dem Datenschatz ließe sich auch belegen, wie lange die Pflegenden für einzelne Maßnahmen brauchen. Güttler: „So ließe sich exakt sagen, wie viel Pflegezeit jeder Bewohner kostet. Das könnte zu neuen Anweisungen für die Pflegeteams führen, oder man könnte über ganz andere Möglichkeiten der Abrechnung nachdenken.“

Michael Isfort: Altenpflege steht noch am Anfang

Ob und wie intensiv einzelne Einrichtungen im Pflegealltag Software nutzen, hängt stark von ihrer Größe ab. In vielen Häusern hat die digitale Zeit aber noch gar nicht begonnen. „In der Altenpflege steht das noch am Anfang“, sagt Professor Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) in Köln. Am meisten verbreitet seien digitale Helfer für die Dokumentation und die Dienstpläne, „aber flächendeckend wird auch das noch nicht genutzt“.

5. Argument: Schnelle Kontrolle von Fachkraftquote und Überstunden

Dabei bietet die Software auch einige Vorteile für den Personaleinsatz. Wird etwa der Dienstplan eingebunden, lässt sich jederzeit auswerten, ob die Fachkraftquote in allen Schichten erfüllt wird. Und gibt es beim Einsatz von Pflegekräften Überschneidungen mit anderen Stationen oder ist die Überstunden-Quote zu hoch, schlägt das Programm Alarm. Zudem kann die Software kontinuierlich den Pflegegrad-Mix einer Einrichtung errechnen und damit die Personal- und Finanzplanung vereinfachen.

6. Argument: Bessere SIS-Auswertung

Darüber hinaus lassen sich auch unerwartete Zusammenhänge finden. Werden etwa die im Rahmen der Strukturierten Informationssammlung (SIS) erfassten Freitexte mit Blick auf ein Sturzrisiko analysiert, muss es keinen direkten Zusammenhang zur Mobilität geben. „Auch andere Beschreibungen wie ‚Bewohner braucht starke Brille‘ oder ‚ist ängstlich‘ können dazu führen, dass empfohlen wird, dieses Risiko zu beachten“, beschreibt Karen Güttler von Atacama Blooms.

7. Argument: Info, wenn sich Pflegegrad ändert

Die spezielle Auswertung allerdings braucht Zeit. Und eigens Analysetools zu programmieren, die Freitexte richtig interpretieren und mögliche Risiken herausfiltern, kostet Geld. „Beides haben die meisten Altenpflegeeinrichtungen nicht“, weiß auch Güttler.

In der Regel setzen sich Funktionen nur durch, wenn etwas vorgeschrieben sei – oder wenn es wirtschaftliche Vorteile verspreche. Das gilt zum Beispiel mit Blick auf die Begutachtungsrichtlinien für die Pflegegrade: „Viele möchten durch die Software automatisch informiert werden, wenn sich bei einem Patienten etwas verändert, das sich auf seinen Pflegegrad auswirken könnte.“ Gerade solche wirtschaftlichen Aspekte könnten „Zugpferde sein, um Daten intensiver auszuwerten“.

„Für Datenauswertung ist akademisches Personal nötig“

dip-Vorstand Isfort sieht beim Umgang mit dem Datenschatz aber noch ein grundsätzliches Problem. Ein systematisches Controlling gerade auch mit Blick auf die Sicherheit von Patienten erfordere Kapazitäten, um die Daten zu analysieren, Hypothesen zu bilden und Zusammenhänge zu finden. „Dafür brauchen wir auch akademisches Personal“, sagt Isfort. Es gehe darum, Abläufe gezielt zu prüfen, um Auffälligkeiten zu entdecken. „Aber diejenigen müssen auch in der Lage sein zu erkennen, ob es sich überhaupt um eine Auffälligkeit handelt – das ist noch ein weites Feld.“

Autor: Jens Kohrs

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