Nur wer weint, trauert wirklich – das ein sehr verbreiteter Trauermythos. 
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Nur wer weint, trauert wirklich – das ist ein sehr verbreiteter Trauermythos. 

Kommunikation

5 Trauermythen, die sich hartnäckig halten

Die einen weinen, die anderen sind stumm und erstarrt. Manche verarbeiten Trauer, indem sie viel darüber sprechen, wieder andere verkriechen sich lieber. Es gibt kein korrektes Trauern  

Obwohl Trauer etwas sehr Persönliches ist, halten sich noch immer verschiedene Trauermythen. Sie verunsichern Trauernde leicht oder setzen sie sogar unter Druck. Auch können Trauermythen verhindern, sich einen individuellen Trauerweg zu erlauben. Trauerbegleiterin Birgit Proske, Autorin des Buches „Vom Umgang mit Trauer im Pflegealltag“ stößt immer wieder auf fünf recht häufige Trauemythen.

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Mythos 1: „Trauer dauert ungefähr ein Jahr!“ 

Der Glaube, dass die Trauer nach einem Jahr endet, ist immer noch weit verbreitet. Er stammt bereits aus der Zeit des Römischen Reiches, als es das so genannte Trauerjahr gab. Eine Zeit, in der Verwandte schwarze Kleidung trugen und Witwen nicht wieder heiraten durften. Dieser Glaube ist aber alles andere als zeitgemäß, denn heutzutage ist bekannt, dass Trauer nicht nach einem Jahr vorbei ist. Das erste Jahr hat für viele dennoch eine besondere Bedeutung, weil man wichtige Ereignisse das erste Mal ohne den geliebten Menschen erlebt, wie zum Beispiel Geburtstage, Weihnachten, Hochzeitstage oder Urlaube. Aber auch in den folgenden Jahren wird es immer wieder Situationen geben, in denen die Trauer erneut aufflammt. Das ist nicht vorhersehbar und schon gar nicht mit festen Regeln zu lösen - jeder trauert anders und braucht seine eigene Zeit dafür.

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Tipp: Lassen Sie sich niemals unter Druck setzen. Sprechen Sie mit anderen Menschen, wenn Ihnen das Erleichterung bringt oder suchen sich professionelle Unterstützung, wenn Sie sich überfordert fühlen. Und: Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen.

Mythos 2: „Nur wenn man weint, trauert man richtig!“ 

Auch dieser Mythos hält sich schon sehr lang. In diesem Kontext werden Gefühle, wie Traurigkeit oder Abschiedsschmerz, stets über Tränen definiert. Aber es gibt auch einen Verlustschmerz, der so groß ist, dass gar keine Tränen kommen. Oder wenn überhaupt, erst nach längerer Zeit. Und natürlich können bei Trauer auch noch andere Gefühle eine Rolle spielen, wie Wut zum Beispiel, Erschöpfung oder das Gefühl der Erleichterung, wenn ein naher Mensch nach schwerer Krankheit endlich gehen durfte. Dennoch werden Angehörige über den Verlust trauern, nur nicht zwangsläufig unter Tränen. Es gibt auch einen milden und leisen Abschied, der sich ganz sanft vollzieht.

Tipp: Lassen Sie sich nicht verunsichern und trauen Sie Ihren Gefühlen. Sie selbst wissen am besten, was angemessen und gut für Sie ist. 

Mythos 3:  „Stark bleiben ist wichtig!“

Heutzutage ist diese These völlig überholt. Der Mythos von „nur die Starken überleben“ war vor Urzeiten vielleicht einmal wichtig, heute brauchen wir das nicht mehr. Stärke in diesem Zusammenhang könnte eventuell ein Ausdruck von Trauer sein, die man zulässt, obwohl alle sagen „nun stell dich doch nicht so an, deine Mutter war doch schon 96….“ Außenstehende sind gerne und schnell mit derartigen Sprüchen zur Stelle und meinen, Trauernden mit diesen Allgemeinplätzen beziehungsweise Schubladendenken zu helfen. Niemand von außen kann sicher beurteilen, wie es in einem Menschen aussieht und wie er Trauer erlebt. Es geht letztlich um ein Wahrnehmen und Verstehen, was in der individuellen Situation wichtig und nötig ist. Es gibt immer einen Grund und eine persönliche Geschichte dazu.

Tipp: Stellen Sie sich Ihren Gefühlen, so wie sie sind und bleiben Sie sich selbst treu. Das ist heilsam. Das ist die eigentliche Stärke.

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Mythos 4: „Der Schmerz geht schneller vorbei, wenn man ihn ignoriert.“

In diesem Satz steckt der größte Irrtum überhaupt. Nichts geht schneller vorbei, wenn es ignoriert wird. Das gilt für den Trauerschmerz, wie für alle anderen unangenehmen Gefühle und Empfindungen auch. Wenn sie unterdrückt werden, lagern sie sich im Körper, in den Zellen, in der Psyche ab. Das kann auf Dauer krank machen oder irgendwann in irgendeiner Situation hervorbrechen. Stellen Sie es sich vor, wie ein Lebensmittel, dass sie ganz unten im Schrank verstecken, weil sie es los werden möchten. Irgendwann wird es anfangen zu faulen oder zu schimmeln. Die schlechten Gerüche lassen sich fürs erste vielleicht noch mit Dufterfrischern überdecken, aber irgendwann hilft auch das nichts mehr. Es wird immer weiter vor sich hinfaulen und riechen. Erst man wenn sich darum kümmert, es aus dem Schrank herausnimmt, alles sauber macht, wird sich das Unangenehme lösen. Trauer ist ein anstrengender Prozess, der lange dauern kann und mit dem sich Betroffene oft überfordert fühlen.

Tipp: Lassen Sie die Trauer zu, auch wenn es schmerzhaft ist. Verstecken Sie sich nicht, und gönnen Sie sich Pausen. Es braucht auch eine Zeit der Regeneration. Und ganz wichtig: Auch in einer Trauerphase dürfen Sie sich schönen Dingen zuwenden – alles was Ihnen Entspannung bringt, ist natürlich erlaubt. Alles, was wir in unser System integrieren und womit wir uns auseinandersetzen, macht es uns leichter.

Mythos 5: „Wenn ich trauere, werde ich ausgegrenzt.“

Damit ist gemeint, dass jemand in seiner Trauer nicht ernst genommen, teilweise sogar verurteilt wird. Oder sich anderen gegenüber verteidigen muss. Zum Beispiel wenn um die Exfrau oder den Exmann getrauert wird. Oder den Vater, zu dem schon lange kein Kontakt mehr bestand. In der Gesellschaft herrschen noch immer etliche Konventionen zu dem, was richtig und falsch ist. Und es begegnet demjenigen Gegenwind, der sich gesellschaftlich vermeintlich falsch verhält.

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Oft steckt aber auch etwas ganz anderes dahinter, wenn die Umgebung die Trauer eines Menschen verurteilt oder nicht ernst nimmt: Trauer macht viele Menschen unsicher und ängstlich. Die Trauernden selbst, aber auch andere wissen oft nicht, wie sie mit Betroffenen umgehen sollen. Außenstehende sind schüchtern oder befangen, wechseln mitunter sogar die Straßenseite, nur um einem Trauerenden bloß nicht zu begegnen. Die Berührungsängste sind so groß, die meisten wissen nicht, wie sie sich jemanden zuwenden, Trost und Mitgefühl spenden können. Von klein auf lernen wir, diesem Thema aus dem Weg zu gehen.

Tipp: Wenden Sie sich insbesondere den Menschen zu, zu denen Sie Vertrauen haben und die für Sie da sind. Lassen Sie sich von anderen nicht verunsichern. Und wenn Sie sich in der Lage dazu fühlen, können Sie auf Menschen zugehen, die sich ihnen gegenüber befangen fühlen.  

Text: Nina Sickinger

Über Birgit Proske

Birgit Proske begleitet seit mehr als 25 Jahren Menschen in schönen und schweren Phasen des Lebens, unter anderem als Pfarrerin, Klinikseelsorgerin, Sterbe- und Trauerbegleiterin und in der psychosozialen Betreuung in Pflegeeinrichtungen. Diese Erfahrungen bringt sie mit ihrer Firma „Abschiedskultur Birgit Proske“ und als Dozentin in Fortbildungen zu Sterben, Tod und Trauer in die Pflegebranche ein. In ihrem Buch „Vom Umgang mit Trauer im Pflegealltag“ zeigt Birgit Proske, wie man Formen von Trauer erkennen, Pflegebedürftige besser verstehen und heikle Alltagssituationen meistern kann.

 

 

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