Impfkampagne

14 häufige Fragen zur Corona-Impfung

Wissenschaftsredakteur Kurt Mayer ist beim Focus im Laufe der Corona-Pandemie zum Sars-CoV-2-Experten geworden. Für pflegen-online beantwortet er drängende Fragen zur anstehenden Impfkampagne

1. Frage: Wann kommt der Impfstoff nach Deutschland?

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat den Impfstoff am 21. Dezember zugelassen. Am 27. (Sonntag) sollen die Impfungen in den Alten- und Pflegeheimen beginnen.

2. Frage: Warum dauert der Zulassungsprozess in der EU länger als im Vereinigten Königreich und in den USA?

Die EU-Behörde EMA will eine bedingte Zulassung erteilen, was offensichtlich höhere Ansprüche stellt als die bereits anderswo erteilten Notfallzulassungen. Es gibt Hinweise seitens des Impfstoffentwicklers Biontech, dass die EMA mehr Daten angefordert habe als die britische Zulassungsbehörde.

3. Frage: Mit welcher Menge an Impfstoff kann Deutschland rechnen?

Die Angaben schwanken und weisen tendenziell nach unten. Die jüngste Aussage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dazu lautet, im ersten Quartal 2021 erwarte er elf bis 13 Millionen Dosen für Deutschland. Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) rechnet mit drei bis vier Millionen Dosen bis Ende Januar.

4. Frage: Und wie hoch ist der Bedarf an Corona-Impfstoff?

Natürlich viel höher als die erste Lieferung, auch wenn die Impfbereitschaft zurzeit von Umfrage zu Umfrage abnimmt. Eher weniger denn mehr als die Hälfte der Bevölkerung sagt, dass sie sich die Vakzine sicher verabreichen lassen will. Die erste Gruppe, die nach dem bekannt gewordenen Willen der Ständigen Impfkommission die Möglichkeit zur Corona-Impfung erhalten soll, umfasst 8,6 Millionen Menschen. Es handelt sich um die Bewohner von Senioren- und Altenpflegeheimen, um Menschen über 80 Jahren, um das Pflegepersonal in der ambulanten und stationären Altenpflege sowie um weitere Mitarbeiter in Heimen mit Kontakt zu den Bewohnern und um Personal in medizinischen Einrichtungen, das entweder mit besonders gefährdeten Patienten wie zum Beispiel Organempfängern zu tun hat oder selbst einem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt ist, weil es etwa in der Notaufnahme oder mit Covid-19-Patienten arbeitet.

Nachgereihte Gruppen sind in Fünf-Jahre-Schritten nach unten gestaffelt bis zu einem Alter von 65 Jahren. Zu weiteren Besonderheiten, mit der sich Menschen für eine der vorrangigen Gruppen qualifizieren, zählen unter anderem Demenz-Diagnose, Obdachlosigkeit und berufliche Exposition als Angehöriger etwa von Polizei, Feuerwehr oder Lehrerschaft. Erst danach kommen 40 bis 50 Millionen „Normalbürger“. Möglicherweise werden sie sich – etwa ab der zweiten Jahreshälfte 2021 – bei ihrem Hausarzt und nicht in Impfzentren impfen lassen können.

5. Frage: Was halten die Betroffenen von der Priorisierung?

Es gibt Kritik, so von niedergelassenen Ärzten, die darauf pochen, dass auch sie zu einem besonders gefährdeten Personenkreis zählen, und von Lehrern, die sich zu weit nach hinten gereiht sehen. Manche Medien mokieren sich darüber, dass Strafgefangene, Obdachlose und Asylbewerber aufgrund ihrer Lebensverhältnisse früher drankommen sollen als die meisten Deutschen.

6. Frage: Um welche Art Impfstoff handelt es sich?

So gut wie alle Impfstoffkonzepte zielen auf das äußere Stachelprotein („Spike“) ab, mit dem Sars-CoV-2 an Körperzellen andockt und sich Eintritt verschafft. Am Montag (21. Dezember) geht es zunächst um den gemeinsam von der deutschen Biopharmaceutical New Technologies (Biontech) und dem US-amerikanischen Konzern Pfizer entwickelten Impfstoff BNT162b2 (Handelsname Comirnaty). Im Vereinigten Königreich, den USA, Kanada, Mexiko und weiteren Staaten ist der Impfstoff BNT162b2 bereits zugelassen. Er und das voraussichtliche zweite zur Zulassung gelangende Produkt, jenes der US-Firma Moderna, sind so genannte mRNA-Impfstoffe. Die Technik wird seit gut 20 Jahren erforscht und erprobt (besonders in der Krebs-Immuntherapie), ist aber zuvor noch nie zugelassen worden.

Vereinfacht ausgedrückt, erhält der Impfling die genetische Information zur Herstellung von Abwehrstoffen gegen das Virus. Körperzellen nehmen dieses „Rezept“ auf und „kochen“ nach dieser Anleitung Antigen-Proteine. Bedroht das pandemische Coronavirus zum Beispiel die Lungenzellen, wird es erkannt und abgewehrt. Nach demselben Prinzip funktioniert noch ein weiterer Impfstoffkandidat aus Deutschland, jener der Tübinger Firma Curevac. Er dürfte es allerdings nicht vor Mitte 2021 durch die Zulassung schaffen.

In der Zwischenzeit werden wohl einige andere durch die Ziellinie gehen, etwa so genannte Vektorimpfstoffe. Auch sie sind relativ neu, aber vereinzelt schon zugelassen, zum Schutz vor Ebola etwa. Vektorimpfstoffe schleusen den Bauplan für Antigene mit Hilfe eines harmlosen Virus´ in den Körper. Der am weitesten fortgeschrittene Vektorimpfstoff im Kampf gegen Sars-CoV-2, jener des Pharmakonzerns Astra Zeneca und der University of Oxford, bedient sich eines Schimpansen-Schnupfenvirus´.

Eine weitere deutsche Entwicklung, eine Kooperation von Infektionsforschern der Universitätskliniken in Hamburg, Marburg und München sowie der Firma IDT Biologika, arbeitet mit einem offenbar ungefährlichen Pockenvirus. Der in Russland bereits verwendete Impfstoff namens „Sputnik-V“ setzt im ersten und im zweiten Impfdurchgang auf verschiedene Schnupfenviren, was vielleicht erfolgsträchtig ist – wird es nämlich zweimal mit demselben Träger konfrontiert, kann das Immunsystem eine Abwehr dagegen aufbauen.

In China sind fünf Impfstoffe entweder bereits zugelassen oder befinden sich in einem finalen Testverfahren. Fast alle sind „klassische“ Totimpfstoffe, gehen also mit inaktivierten Viren oder Virenbestandteilen gegen das Original vor. Wiederum neu, aber ebenfalls weit fortgeschritten ist ein Impfstoff der US-Firma Novavax, der mit gentechnisch hergestellten Proteinen des Sars-CoV-2-Stachelproteins funktionieren soll.

7. Frage: Wann wirkt der Impfstoff?

BNT162b2, die Entwicklung von Biontech und Pfizer, wird nach dem ersten Mal innerhalb von drei Wochen noch ein zweites Mal verabreicht und entfaltet seine Wirkung etwa sieben Tage danach.

8. Frage: An wie vielen Menschen wurde der Impfstoff getestet?

Der führende Biontech/Pfizer-Impfstoff wurde bislang mit (!) rund 44.000 Probanden erprobt, das heißt, dass ungefähr die Hälfte das echte Produkt und die andere Hälfte ein Scheinmedikament erhielt. Die Angabe, er sei zu 95 Prozent wirksam, beruht auf Daten von etwa 37.000 Teilnehmern und leitet sich davon ab, dass von 170, die sich nach zwei Impfdurchgängen mit dem Coronavirus ansteckten, nur acht den Impfstoff (das „Verum“) erhalten hatten und der Rest das Placebo.

Auf ähnliche Teilnehmerzahlen kommen auch die anderen weit fortgeschrittenen Impfstoffentwickler, wobei das Moderna-Produkt und „Sputnik V“ nach vorliegenden Studien eine ähnlich hohe Erfolgsquote aufweisen. Unter den chinesischen Projekten scheint jenes des Herstellers Sinopharm mit einer Wirksamkeitsquote von 86 Prozent mithalten zu können. Eher enttäuschend sind die bisherigen Ergebnisse von Astra Zeneca. Deren Impfstoff soll zwar zu 70 Prozent wirken, jedoch zeigte sich das misstrauisch stimmende Resultat, dass die halbe Dosis besser zu wirken scheint als die volle.

9. Frage: Kann sich derjenige, der gegen Corona geimpft ist, unbesorgt bewegen?

Die vorliegenden Daten beziehen sich auf das Erkrankungsrisiko, nicht auf den Schutz vor einer Infektion. Es liegt also nahe, dass BNT162b2 und andere davor schützen, überhaupt oder schwer zu erkranken, aber nicht unbedingt vor einer Infektion. Eine so genannte „sterile Immunität“ als Folge der Impfung ist noch nicht nachgewiesen worden. Deshalb fehlt auch der Beweis, dass geimpfte Menschen den Erreger nicht mehr weitergeben können. Es ist denkbar, dass das Virus zwar in den tieferen Atemwegen unschädlich gemacht wird, sich aber in Mund, Nase und Rachen halten kann. Deshalb plädieren Virologen wie Christian Drosten dafür, weiter zu forschen und einen Impfstoff zu entwickeln, der als Nasenspray verabreicht werden kann.

10. Frage: Wie lange hält die Wirkung der Corona-Impfung an?

Das ist eine ungeklärte Frage, die sich die Wissenschaft auch im Hinblick auf die Immunität genesener Covid-19-Patienten stellt. Die Studienlage stimmt eher zuversichtlich, weist auf eine mindestens ein halbes Jahr anhaltende Immunität hin.

11. Frage: Mit welchen Nebenwirkungen ist zu rechnen?

Die US-Arzneimittelbehörde FDA veröffentlichte folgende Nebenwirkungsliste nach Verabreichung des Biontech/Pfizer-Impfstoffs BNT162b2:

  • 84 Prozent Reaktionen an der Injektionsstelle
  • 63 Prozent Müdigkeit
  • 55 Prozent Kopfschmerzen
  • 38 Prozent Muskelschmerzen
  • 32 Prozent Schüttelfrost
  • 24 Prozent Gelenkschmerzen
  • 14 Prozent Fieber

Fachärzte betonen, dass gewisse Reaktionen bei Impfungen geradezu unvermeidlich seien. Schlimmere Risiken offenbaren sich manches Mal freilich erst nach der Zulassung, wenn mehrere Hunderttausend oder gar Millionen das Produkt erhalten haben. So war es bei dem Schweinegrippe-Impfstoff von 2009, der, wie sich spät herausstellte, die Neigung zu krankhafter Schläfrigkeit (Narkolepsie) erhöhte. Zwei Fälle schwerer, aber mittlerweile überstandener allergischer Reaktionen nach Gabe von BNT162b2 werden als nicht alarmierend eingestuft. Bei den beiden Personen habe es sich um diagnostizierte Allergiker gehandelt, denen das Risiko eigentlich hätte bewusst sein müssen.

12. Frage: Stimmt es, dass der Biontech/Pfizer-Impfstoff ins Erbgut eingreift?

Die Fachwelt ist sich einig, dass die mRNA (Boten-Ribonukleinsäure) nur unter sehr extremen Umständen in die DNA integriert werden kann.

13. Frage: Wie aufwendig wird die Impfkampagne?

In Deutschland stehen mehr als 400 Impfzentren bereit. Offenbar zählt der führende Impfstoff BNT162b2 zu den empfindlichsten, weil er von der Produktion bis fünf Tage vor Verabreichung eine Kühlung auf minus 70 Grad erfordert. Die verwandten Produkte von Moderna und Curevac stellen nicht so hohe Anforderungen. Bei Curevac rechnet man sogar damit, eines Tages ein Hauptlieferant für die Länder des globalen Südens zu werden, weil der Impfstoff möglicherweise in einer sehr geringen Dosis wirkt, schneller herzustellen ist und wenig Kühlung erfordert.

14. Frage: Wird es eine Impfpflicht für Personal in Kliniken, Heimen und anderen Institutionen geben?

Wiederholt haben die zuständigen Politiker beteuert, dass es keine Impfpflicht geben soll. Allerdings ist davon die Rede, dass die Bestimmungen noch „verfeinert“ werden sollen. Denkbar ist außerdem, dass es Betriebsvereinbarungen und Ähnliches geben kann, die eine Impfung notwendig machen.

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