Sucht im Alter

13 Thesen zu Alkohol im Pflegeheim

Auch wenn Bier, Wein und Gin in Pflegeheimen zunehmend zum Alltag gehören: Experten fordern mehr Einsatz gegen Alkoholsucht im Pflegeheim.

Inhaltsverzeichnis

1. Bei Sucht muss es Grenzen geben

Keine Frage, die Suchtgefahr macht auch am Eingang zum Pflegeheim nicht Halt. Und beim Thema Sucht ist auch die Heimleitung in der Pflicht. „Wir hatten einmal einen Bewohner, der sich ohne unser Einschreiten am Wodka zu Tode getrunken hätte“, erzählt eine aufgewühlte Gesche Oppermann, Leiterin des Pflegeheim Santa Teresa in Frankfurt. Zusammen mit dem vom Amtsgericht bestellten Betreuer und einem Neurologen wurde entschieden, dass er nur noch einen halben Liter Wodka am Tag bekommen durfte.

Mit einer fast schon kriminellen Energie setzt der Süchtige allerdings immer wieder alle Hebel in Bewegung, um an mehr Wodka zu kommen. Er hat die Feuerwehr angerufen, oder er hat fremde Leute am Telefon angefleht, ihm Wodka zu besorgen. „Wir haben nicht den Ehrgeiz und das Ziel, solche Bewohner trocken zu bekommen“, bekennt Heimleiterin Oppermann. „Aber wir wollen sie zumindest daran hindern, sich mit Hilfe des Alkohols umzubringen.“

2. Ältere Männer sind am stärksten suchtgefährdet

Aussagekräftige Statistiken zu bedrohlicher Sucht im Alter gibt es wenige. Doch die vorhandenen Zahlen lassen klar erkennen, was den professionellen Helfern Sorgen bereitet. 26,9 Prozent der über 60-jährigen Männer, also mehr als ein Viertel betreiben einen „riskanten Alkoholkonsum“, trinken also mehr als einen halben Liter Bier oder 0,2 Liter Wein pro Tag. Bei den Frauen sieht es besser aus. Nur 7,7 Prozent der Frauen über 60 trinken riskant. Claudia Diekneite, Suchtexpertin und ehemalige Leiterin der Landessuchtstelle Mecklenburg-Vorpommern hat diese zumindest bei den Männern beunruhigenden Zahlen des Statistischen Bundesamtes und des Robert-Koch-Instituts 2017 auf einer Tagung in Essen präsentiert.

3. Die Suchtprävention muss alte Menschen gezielt in den Blick nehmen

In Sachen Sucht gilt es, im Pflegeheim also wachsam zu sein. Armin Koeppe von der Ginko-Stiftung für Prävention in Nordrhein-Westfalen wies auf der Tagung in Essen, veranstaltet von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V., auf zentrale Gefahren hin, die Helfer nicht aus den Augen verlieren dürfen:

  • Heimbewohner haben keine Lobby, sie sind öffentlich geradezu unsichtbar. Sie sind aus dem Berufsleben ausgeschieden, und sie tauchen kaum noch im öffentlichen Leben auf. Sie leben ein Leben im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung. Der Handlungsdruck auf die Politik, die Suchtprävention für Ältere zu verbessern, ist daher gering.

  • Die Alkoholtoleranz nimmt mit dem Alter ab. Das heißt: Ältere Menschen vertragen weniger Bier, Wein oder Spirituosen.

  • Wechselwirkungen zwischen Alkohol und Medikamenten zusätzliche negative Effektive haben können.

Sucht verhindern, indem Helfer besser zusammenarbeiten

Die Gefahren werden oft nicht oder zu spät erkannt. Koeppes zentrale Forderung ist daher eine bessere Zusammenarbeit zwischen Suchthilfe und Altenhilfe. Altenpfleger können lernen, behutsam mit Alkoholsüchtigen im Pflegeheim umzugehen. „Ältere Menschen weigern sich oft, sich als Süchtige wahrzunehmen, da sie fürchten, als Außenseiter stigmatisiert zu werden“, hat Suchtexperte Koeppe beobachtet. Seine Kollegen, die in den Suchtberatungen arbeiten, wissen wiederum oftmals nicht, wie sie mit älteren Süchtigen richtig umzugehen haben. „Auch Senioren haben zum Beispiel einen Anspruch auf eine Therapie“, wettert Koeppe.

Um die älteren Menschen aufzuklären und um die Zusammenarbeit zwischen Suchtberatung und Pflegeheimen zu stärken, hat die Ginko-Stiftung die Kampagne „Stark bleiben“ ins Leben gerufen. Auf Veranstaltungen wie dem Deutschen Seniorentag Ende Mai in Dortmund, aber auch im Internet (unter www.stark-bleiben.nrw.de) wirbt diese Kampagne für einen besseren Umgang mit Alkohol im Alter.

5. Man kann Trinker auch im Heim nicht zum Entzug zwingen

Was außerhalb des Heims gilt, gilt allerdings auch innerhalb des Heims: Einen alkoholkranken Heimbewohner darf man nur in sehr begrenzten Fällen gegen seinen Willen in eine Entzugsklinik einweisen. Dr. Oliver Peters, Gerontopsychiater und Leiter des Moduls Altersmedizin an der Berliner Charité: „Heimbetreuer sind gut beraten, nur dann einzuschreiten, wenn der Alkoholkonsum in Richtung Missbrauch oder Abhängigkeit geht.“ Wobei einschreiten zunächst nur bedeutet, den Bewohner fachkundig zu informieren. „Ein gutes Heim sollte über die Möglichkeiten der Behandlung informieren“, so Peters. Ein Entzug unter Zwang sei nur unter klar definierten Bedingungen erlaubt. Peters: „Wenn der Bewohner das nicht möchte, kann man ihn nicht zwingen – erst, wenn er eindeutig gegen Heimregeln verstößt oder wenn Intoxikation, also Vergiftung eintritt.“

6. Bier und Wein sind Teil der Alltagsnormalität im Heim

Glücklicherweise droht nicht jedem älteren Biertrinker gleich die Anhängigkeit. Mit typisch hessischem Apfelwein, dem Äppelwoi, können sich die Bewohner im Caritas-Altenzentrums Santa Teresa im Frankfurter Stadtteil Hausen zuprosten - jeden zweiten Freitag am Stammtisch. Beim jährlichen Sommerfest lockt frisch gezapftes Bier vom Fass, und ein Gläschen Sekt winkt, wenn die Malgruppe gelegentlich zur Vernissage einlädt. „Bier und Wein gehören bei uns im Heim zur gelebten Alltagsnormalität“, bekräftigt Heimleiterin Gesche Oppermann.

7. Alltagsnormalität heißt: alles wie im echten Leben

Mit dem Konzept der Alltagsnormalität tritt Oppermann den Befürchtungen vieler alter Menschen entgegen, denen der Umzug ins Pflegeheim bevorsteht. „Wer zu uns ins Heim zieht, muss sein Leben nicht komplett ändern und seine lieb gewonnenen Gewohnheiten nicht an der Haustür abgeben“, bekräftigt die engagierte Heimleiterin. Im Gegenzug bedeutet dies, dass man in Santa Teresa auf gekünstelte Bespaßungen verzichtet. Bastelnachmittage setzt Leiterin Oppermann daher nur dann an, wenn auch zu Hause oder in der Schule Bastel-Saison herrscht, beispielsweise vor Ostern oder vor Weihnachten.

8. Bier und Wein sind Teil des Betreuungsangebots

Was zum normalen Alltag zählt, müssen Bewohner auch nicht extra zahlen, zumindest nicht in Santa Teresa. Gesche Oppermann sieht Bier und Wein als Teil eines selbstverständlichen Betreuungsangebots. Oppermann hebt hervor, dass die Caritas im Gegensatz zu privaten Heimträgern keine Gewinne erwirtschaften muss und daher Pils und Riesling ohne Probleme in die Kalkulation einfließen lassen kann.

9. Genussmittel sind Teil des Selbstbestimmungsrechts

Neben dem Grundgedanken der Alltagsnormalität betont Heimleiterin Oppermann auch das Hausrecht, das ein Heimbewohner als Mieter eines Zimmers genießt und das ihm gestattet, in seinen Räumlichkeiten zu trinken und zu rauchen. Selbstbestimmungsrecht nennt es Joachim Dauber, Pflegedienstleiter im Haus Flottbek-Nienstedten in den Hamburger Elbvororten. „Das Rauchen und Trinken in den eigenen Räumen geht uns nichts an“, urteilt Dauber kurz und knapp.

10. Pflegeheime müssen keine Missionsgebiete für Gesundheitsapostel sein

Wein, Bier, Sekt und Eierlikör haben für Joachim Dauber eindeutig etwas mit Lebensgenuss zu tun. Er weiß aber von Mitarbeitern bei ihm im Haus, die vorher woanders gearbeitet haben, dass es in einigen Heimen strenger zugeht.

„Viele Pflegeheime fühlen sich da eher als Gesundheits-Apostel“, sagt der Pflegedienstleiter aus Hamburg. „In manchen Altenheimen ist das Leben ganz schön spröde und lustfeindlich.“ Beim ihm im Haus ist es das nicht. „Zum Abendessen kann man Bier bestellen, oder auch das Bier auf sein Apartment mitnehmen – das gehört zur Lebensmittel-Versorgung.“

11. Grenzgänger am Rande zur Suchtgefahr lassen sich im Heim tolerieren

Bier und Wein gehören in Deutschland zum Alltag. Gut daher, wenn dieser Alltag auch im Pflegeheim stattfindet. Aber nicht alle Bewohner können mit diesem promillehaltigen Alltag gut umgehen. Es gibt auch Menschen, die ein Alkoholproblem haben. Wenn dieses Problem im Rahmen bleibt, muss das Heim jedoch nicht steuernd eingreifen. So hat Santa Teresa mit einem trinkfesten Bewohner, der oft das Zapfen beim Freitags-Stammtisch übernimmt, eine Abmachung getroffen. Er darf weiterhin am Zapfhahn stehen, aber nur, wenn er sich an seinen Teil der Abmachung hält: „Wir lassen ihn nur zapfen, wenn er vorher duscht und neue Kleidung anzieht“, so Gesche Oppermann. Offenbar hat er es damit vorher nicht so genau genommen. Sie lässt auch zu, dass der Mann mit dem Rollator aus dem Heim geht, Pfandflaschen sammelt und sich davon Bier kauft. Weil er zwar viel, aber nicht zu viel trinkt.

12. Pflegen kann auch heißen: beim Biertrinken assistieren

Auch wer selbst das Bierglas nicht mehr sicher zum Mund führen kann, hat ein Recht auf sein Hopfen- und Malzgetränk. Heimleiterin Oppermann würde dementen Heimbewohnern von Pflegekräften assistieren lassen, damit sie sicher ihr Bier trinken können. Anfragen danach gab es bis jetzt jedoch keine. Pflegedienstleiter Dauber aus Hamburg hatte zumindest schon Fälle von begleitetem Rauchen bei dementen Heimbewohnern.

13. Der Faible für Alkohol geht im Alter zurück

Eine Tatsache gibt es, die den Suchtexperten zumindest teilweise Entwarnung gibt: Wer älter wird, trinkt meistens weniger als früher. Der Wunsch, alkoholische Getränke zu konsumieren, gehe bei alten Menschen insgesamt spürbar zurück, hat auch Pflegedienstleiter Dauber aus Hamburg beobachtet: „Demenzkranke Bewohner können diesen Wunsch nach Bier oder Wein regelrecht vergessen.“

Autor: Michael Handwerk

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