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Pflege und Praxis

12 Dinge, die die Wundheilung fördern 

Eine Therapie mit modernem und adäquatem Wundmaterial (Wundauflagen, Gelen, Verbänden etc.) kann viel bewirken. Genauso wichtig ist aber, den gesamten Patienten in den Blick zu nehmen und etwa auf Immunsystem und Ernährungszustand zu schauen

Viel bewegen, nicht rauchen, sich gesund ernähren – diese drei Top-Tipps für Gesundheitsprobleme aller Art, gelten auch für Wunden, besonders für chronische Wunden wie Ulcus cruris, dem diabetischen Fußsyndrom und Dekubitus. Das erstaunt nicht, führt man sich vor Augen, was bei der Wundheilung passiert. In aller Kürze:

  • die Wunde zieht sich von den Wundrändern her zusammen und wird kleiner
  • es bildet sich Granulationsgewebe, so dass die Wunde sich dem Niveau der Haut annähert
  • von den Wundrändern aus bildet sich nach und neues Epithelgewebe

Es findet eine vielschichtige Zellerneuerung statt. Der Wundstoffwechsel läuft auf Hochtouren, für die Bildung von Zellbausteinen werden viel Eiweiß und viele weitere Nährstoffe benötigt. Die Reparaturvorgänge erfordern also ein gutes Immunsystem – und eine rege Durchblutung, damit Nährstoffe zur Wunde transportiert und abgestorbene Zellen abtransportiert werden können.

1. Auf Proteine achten

So wird verständlich, weshalb Experten empfehlen, bei Patienten mit chronischen Wunden auf einen guten Ernährungsstatus zu achten. Die Mahlzeiten sollten nährstoffreich sein und vor allem Proteine in ausreichenden Mengen enthalten. Isst ein Patient zu wenig, können Nahrungsergänzungsmittel hilfreich sein. Das gilt alles auch für adipöse Patienten: Wenn jemand viel isst, bedeutet das nicht automatisch, dass er sich nährstoffreich ernährt.

2. Bei hohem BMI Gewicht reduzieren

Bei Übergewicht ist außerdem eine Gewichtsreduktion wünschenswert: Bei adipösen Menschen sei häufig eine gestörte Wundheilung zu beobachten, da Fettgewebe schlechter durchblutet sei, sagt Wundexpertin Susanne Danzer, fachliche Leitung der Bildungsakademie Wundmitte in Stuttgart und Autorin von „Wundbehandlung: Die wichtigsten Fragen und Antworten“.

3. Motivieren, gute Stimmung schaffen

Das Immunsystem – und damit auch die Wundheilung – wird aber ebenso durch die psychische Verfassung beeinflusst. Susanne Danzer hat dafür ein anschauliches Beispiel: „Ich habe einen älteren, sehr charmanten Herren betreut, der jahrelang regelmäßig mit großer Freude ein Seniorentanzcafé besucht hat. Damit musste er aufhören, als er ein stark exsudierendes Ulcus cruris venosum entwickelte. Als ich anfing, ihn zu betreuen, war er schon drei Jahre nicht mehr im Café und leicht depressiv verstimmt. Nun hatte er aber das Ziel, dort wieder hinzugehen. Wir haben dann intensiv mit Kompressionstherapie gearbeitet und die lokale Wundtherapie umgestellt. Tatsächlich entwickelte sich die Wunde sehr gut, sodass er wieder am Tanzcafé teilnehmen konnte. Ich führe das zum großen Teil darauf zurück, dass ihm die Teilnahme am Tanzcafé richtig viel Auftrieb gegeben hat, was sich positiv auf seine Psyche und damit auf sein Immunsystem ausgewirkt hat .“

4. Schmerzen vermeiden

Eine gute Schmerztherapie fördert ebenfalls die Wundheilung. Das hat nicht nur damit zu tun, dass andauernde Schmerzen auf die Stimmung schlagen. Es gibt ganz unmittelbare Zusammenhänge zwischen Schmerzen und Wundheilung. Susanne Danzer schreibt dazu in ihrem Buch Wundbehandlung: „Schmerz bedeutet für den Körper Stress. Unter Stress wird das Hormon Cortisol ausgeschüttet. Dieses beeinträchtigt, wie das Medikament Cortison, die Entzündungsreaktion in der Wundheilung und damit die Einleitung des Wundheilungsprozesses. Hinzu kommt, dass bei Schmerzen Adrenalin ausgeschüttet wird, das die Gefäße stark zusammenzieht und verengt. Dies wiederum kann zu einer Verschlechterung der Durchblutung im Wundgebiet führen.“

5. Bewegung: in jedem Fall Venentraining 

Auch Bewegung ist wichtig für die Wundheilung. Erlaubt ist im Grunde alles, was der Patientin oder dem Patienten gefällt. Bei geringer Mobilität empfiehlt Wundexpertin Susanne Danzer ein Gehtraining, am besten mit einem Physiotherapeuten. Ideal ist auch ein Venentraining, das auch im Sitzen oder Liegen möglich ist. „Das wird überhaupt viel zu oft vergessen, dass es auch gute Bewegungsübungen im Liegen gibt.“

6. Beine hoch? Ja, aber richtig! 

Häufig ist auch der Ratschlag „Beine hoch“ zu hören. Er hat auch seine Berechtigung, wenn die Wunde durch venöse Störungen verursacht ist. „Allerdings sollte man die Beine im Liegen hochlegen. Macht man es im Sitzen, knicken in der Leiste die Gefäße ab, was zu einem Abflusshindernis führt und unbedingt zu vermeiden ist“, sagt Susanne Danzer.

7. Die richtigen Schuhe wählen

Wichtig ist außerdem Druckentlastung: Druck entsteht beim Dekubitus durch langes Verharren in einer Position, aber auch beim Diabetischen Fußulkus: Wenn die Schuhe zu klein sind oder scheuern, weil das Material zu hart ist oder die Stümpfe nicht richtig sitzen. „Das kann man gar nicht ernst genug nehmen, denn da kommt es dann schnell zu irreversiblen Gewebeschäden.“

8. Verband anlegen: sachte, sachte! 

Viel Schaden kann auch entstehen, wenn Verbände zur Fixierung von Wundauflagen am Bein viel zu fest gezogen werden. „Das ist ganz fatal: Die Durchblutung ist wegen der Grunderkrankung, die zu arteriellen Zuflussstörungen führen ohnehin schlecht – erzeuge ich dann durch einen zu engen Verband auch noch Druck, werden die Zellen immer mehr geschädigt und der Sauerstoffbedarf kann erst recht nicht mehr gedeckt werden. Es kann zu zusätzlichem Absterben von Gewebe kommen und im schlimmsten Fall droht sogar eine Amputation“, erklärt Wundexpertin Danzer.

9. Finger von Wunde und Verband!

Gestört wird die Wundheilung außerdem durch ständiges Manipulieren. Eine Wunde sollte nur in Ausnahmefällen berührt werden, um Infektionen zu vermeiden. Auch gilt es zu verhindern, dass die Bildung von Granulations- und Epithelgewebe gestört wird. Auf diesen Zusammenhang können Pflegekräfte Patienten gar nicht oft genug hinweisen. Auch der Verbandwechsel (samt Wundreinigung) darf nicht häufiger als nötig stattfinden.

10. Emulsionen sind besser als Fettcreme

Auch für die Hautpflege der Wundumgebung bedeutet weniger mehr: Häufig passiert es, so hat Susanne Danzer beobachtet, dass oft viel zu viel Fettcreme (Vaseline, Melkfett etc.) aufgetragen wird. „Das Problem ist, dass die Wundumgebung dabei nicht richtig gesäubert wird, Hautschuppen bleiben liegen, es bilden sich dicke Beläge aus Schuppen und Fett, wodurch die Haut darunter geht kaputt. Hinzu kommt, dass Fettsalben die Hautporen abdichten. Besser ist es Emulsionen zu benutzen und vor dem Auftragen Verschmutzungen und Hautschuppen zu entfernen.“

11. Medikamente kontrollieren

Wenn die Wundheilung nicht vorangeht, kann es sich auch lohnen, die Medikamente des Patienten unter die Lupe zu nehmen. Nicht wenige nämlich, wirken sich ungünstig auf die Wundheilung aus – etwa Immunsuppressiva, Zytostatika, Antiphlogistika (vor allem Glukokortikoide) und Antikoagulanzien. Sicherlich ist es selten möglich, die Medikamente komplett abzusetzen. Aber eventuell lässt sich etwas an der Dosis, den Einnahmezeiten und der Therapiedauer ändern. Denn auch diese Faktoren beeinflussen die Wundheilung.

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12. Patienten ausführlich beraten

Nicht zuletzt spielt die Beratung (Edukation) eine sehr große Rolle für die Wundheilung: Je mehr eine Patientin oder ein Patient über die Ursachen seiner Wunde und die Möglichkeiten der Heilung weiß, desto eher ist er geneigt, durch Verhaltensänderungen zur Verbesserung beizutragen und seine Therapie einzuhalten. Die Beratung kann so einfache Hinweise wie den durchblutungsfördernden Effekt warmer Wollsocken enthalten, aber auch umfassende Erklärungen über den Zusammenhang von Rauchen und Durchblutungsstörungen.

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