Sterbebegleitung

100 Dinge, die Sie über Palliativ Care wissen sollten

Das Buch von Ingrid Hametner über Palliative Pflege hilft, die schlimmsten Fehler im Umgang mit Sterbenden zu vermeiden. Ein Interview mit der Autorin

pflegen-online: Palliative Care ist die Pflege von Menschen, die bald sterben werden. Warum ist sie so wichtig?

Weil der Mensch am Beginn und am Ende seines Lebens am verletzlichsten ist. Deshalb braucht er in seiner letzten Lebensphase besonderen Schutz und besondere Zuwendung.

Die Begleitung des sterbenden Menschen ist eine der größten Herausforderungen für Pflegekräfte. Welche Hilfe bietet angesichts dieser Aufgabe Ihr Buch „100 Fragen zu Palliative Care“?

Es ist zum einen Nachschlagewerk im Berufsalltag. Eine Pflegekraft sagte mir, sie habe das Buch immer griffbereit, um etwas nachschlagen zu können – wenn es etwa um wichtige Themen wie Appetitlosigkeit, Schmerzen oder religiöse Zugehörigkeit geht. Denn es gehört auch zu den wichtigen Aufgaben in der Palliative Care, die religiösen Prägungen der sterbenden Menschen zu beachten.

Welchen weiteren Nutzwert hat Ihr Buch?

Das Buch beantwortet die Fragen, die mir immer wieder gestellt worden sind. Es ist wichtig zu wissen, worauf es in der Begleitung von Menschen am Lebensende ankommt. Zudem kann neben der Fachlichkeit auch die Sensibilität der Pflegekräfte gestärkt werden und das Buch kann Neugier wecken. Eine Frage dreht sich etwa um die Träume und Geschichten, die Personen in den letzten Lebenswochen erzählen. Neuere Forschungen zeigen, dass die Menschen uns hier durch „die Blume“ mitteilen wollen, dass sie bald sterben werden. Forscher benennen diese bislang oft als Zeichen geistiger Verwirrung gedeuteten Geschichten daher mit dem Begriff Symbolsprache.

Ein Beispiel: Eine 61-jährige Frau mit Mamma CA im Endstadium fragt immer wieder, wer sie denn zum Flieger begleiten würde, sie höre schon den Aufruf. Da sie sehr schwach ist und offensichtlich ihr Leben langsam zu Ende geht, übergehen die Mitglieder des Teams ihre Frage. Erst als sich eine Hospizbegleiterin an ihr Bett setzt und sagt, dass sie da sei, um zu schauen, was sie für sie tun könne, wird sie ruhiger. Mit den Worten: „Gell, sie begleiten mich…“ schläft sie ein und stirbt am übernächsten Tag.

Mein Buch will Pflegefach- und Pflegehilfskräften, ehrenamtlichen Hospizbegleitern, wie auch Angehörigen dabei helfen, ein offenes Ohr für diese Symbolsprache zu entwickeln, um als GesprächspartnerIn zur Verfügung zu stehen.

Sie betonen Begriffe wie Selbstbestimmung des Sterbenden und Abschiedskultur und erklären, dass es um das würdevolle Sterben geht. Sind das die entscheidenden Grundwerte, die hinter allen Entscheidungen stehen sollten? Und wie sollten Pflegekräfte sie umsetzen?

Ja, diese Grundwerte halte ich für zentral. Was heißt das konkret? Ein Beispiel aus der Berufspraxis einer Altenpflegerin: Angenommen, ein sterbender Vater wünscht sich, seine Tochter, die weit entfernt wohnt, noch einmal zu sehen. Diese Tochter weigert sich jedoch bald zu kommen. Dann wird es die Aufgabe der Pflegekraft, dem Mann dabei zu helfen, mit dieser Situation umzugehen. Sie wird außerdem versuchen, der Tochter klarzumachen, wie dringlich der Wunsch ihres Vaters ist und wie sein Gesundheitszustand eingeschätzt wird.

Könnten Sie weitere Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen nennen und ausführen?

Palliative Care wird notwendig, wenn alle kurativen (heilenden) Behandlungsmöglichkeiten erschöpft sind. Pflegekräfte sollte das aber nicht entmutigen. Statt eines resignierten „Wir können ja nichts mehr tun“ sollten sie wissen und spüren, dass sie in Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen noch viel tun können. Der Bereich der Schmerzkontrolle und der Schmerzbekämpfung bekommt jetzt eine große Bedeutung. Auch bei Atemnot, die häufig mit Angst verbunden ist, können Pflegekräfte den sterbenden Menschen beistehen. Beim Atmen mit offenem Mund ist die Befeuchtung der Mundschleimhaut unerlässlich. Es kann zum Beispiel auch wichtig sein, bequem zu liegen und vieles mehr. Fachlich sprechen wir von exzellenter Symptomkontrolle.

Die Lebensqualität der sterbenden Person ist der Maßstab für die Handlung der Helfer. Vielleicht gibt es noch Wunschgetränke, Wunschessen oder die Person möchte nichts mehr essen oder trinken, dann darf man sie nicht bedrängen. Eine angemessene Haltung dazu wäre, sich von dem Menschen, dessen Leben zu Ende geht, führen zu lassen. Das Wichtigste ist menschlicher Kontakt. Diese Nähe können Angehörige, Freunde, Pflegekräfte, aber auch ehrenamtliche HospizbegleiterInnen geben. Es kommt darauf an, einfach da sein, statt einen Bogen um das Zimmer des sterbenden Menschen zu machen.

Raten Sie allen Pflegekräften, an einem Hospizkurs teilzunehmen?

Ein Hospizkurs ist nicht verkehrt, weil die dort teilnehmenden Frauen und Männer sich intensiv mit dem Tod und Sterben und ihrer zukünftigen Rolle als Lebensbegleiter in der letzten Lebensphase auseinandersetzen.

Ich rate aber allen Einrichtungen, die eine palliative Kultur einführen möchten, speziell Palliativfachkräfte weiter zu bilden und für die anderen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eine fundierte Fortbildung anzubieten. Palliative Care hat auch immer ganz viel mit uns selbst zu tun, denn wir alle tragen in „unserem Rucksack“ Erfahrungen zu diesem Themenbereich.

Was können die Pflegeeinrichtungen und was kann der Staat tun, um die Sterbebegleitung zu verbessern?

Ich wünsche mir, dass in unserer Gesellschaft der Themenbereich „Sterben in Würde“ noch mehr Beachtung findet und zum Beispiel mehr stationäre Hospize entstehen. In meiner Heimatstadt Bremerhaven haben wir keins und das bedeutet, dass es hier an diesem wichtigen Teil innerhalb der Versorgungsstruktur mangelt. Nach wie vor sterben die meisten Menschen im Krankenhaus oder im Pflegeheim und nur etwa drei Prozent der Menschen in Deutschland im Hospiz. Wenn ich in einem Pflegeheim lebe und somit eine 24-stündige Versorgung gewährleistet ist, schließt der Gesetzgeber normalerweise einen Umzug ins Hospiz aus. Wir brauchen also dringend in den Altenpflegeheimen eine Palliativkultur – was vor allem bedeutet, sich auf der Führungsebene dem Thema zuzuwenden und eine Strukturqualität zu entwickeln, wo man die sterbenden Menschen und ihre Zugehörigen wahrnimmt, um sie nach allen Regeln der Kunst zu pflegen und zu beraten. Wir müssen dafür sorgen, dass der Tod auch im Krankenhaus wieder seinen Platz findet.

Es sollte nicht passieren, dass man unmittelbar vor dem Tod von dort aus ins Altenpflegeheim verlegt wird, obwohl man dort vorher nicht gewohnt hat und der sterbende Mensch den Mitarbeiterinnen fremd ist - wie ich es in meiner Beraterinnentätigkeit immer wieder höre. Wenn die betreffende Person dort vorher gelebt hat und unbedingt wieder dorthin möchte, dann ist es natürlich das Beste, wenn sich der Wunsch erfüllen lässt. Es ist ein wichtiger palliativer Gedanke, dass man Zuhause sterben kann, wenn die Versorgungsstruktur vorhanden ist.

Wie sieht es mit der finanziellen Absicherung aus?

2015 wurde ein großer Fortschritt erreicht: Die Palliativ-Versorgung wurde per Gesetz – mit dem sogenannten Hospiz und Palliativgesetz - in den Leistungskanon der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen. Dennoch muss es weitere Fortschritte geben. Ambulante und stationäre Hospizdienste, sowie die Palliativversorgung in der häuslichen Krankenpflege wurden gestärkt. Unter Berücksichtigung dessen, dass die Bewohner von Altenpflegeeinrichtungen keinen Anspruch auf den Umzug in ein stationäres Hospiz haben, muss auch dort Palliative Care nach den entsprechenden Grundsätzen zu einer abrechenbaren Leistung führen. Allein die anerkannte Beratung zur vorausschauenden Versorgungsplanung abrechenbar zu machen reicht nicht aus. Ich erlebe engagierte Leitungen, die sich vernetzen, die Mitarbeiter weiterbilden und schulen – also eine Palliativkultur entwickeln – und damit in die Vorleistung gehen, die dann aber mit der erhöhten Finanzierungsleistung allein bleiben. Das sollte unbedingt verbessert werden.

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