Die Begegnung zwischen Tieren und Menschen mit Demenz führt oftmals zu beeindruckenden Ergebnissen. Selbst wenn Familienangehörige und professionelle Helfer keinen Zugang mehr zu den Betroffenen finden, sind Tiere häufig so etwas wie "Türöffner". Der Vierbeiner sollte zutraulich sein, gerne zu den Menschen kommen und vor allem: Die Besuche sollten regelmäßig stattfinden, so dass sich die Bewohner darauf einstellen können. Das zeigt hier eine Erfolgsgeschichte aus dem Kronberger Seniorenstift Kronthal (
www.seniorenstift-kronthal.de):
Jede Woche donnerstags kommt der Kronberger Reinhard Wicke mit seiner Mischlingshündin Jeanny zwei Stunden ins Haus. „Für viele Bewohner bedeutet das einen Höhepunkt der Woche, und nicht nur für alle, die selbst Hunde hatten“, so Anne Eiden, Leiterin der Sozialen Betreuung. Die bereits 13-jährige kleine Hundedame Jeanny, die viel jünger wirkt, wuchs wild auf der Insel Madeira auf und fand über eine Tierschutzorganisation ein neues Zuhause bei Reinhard Wicke.
Der wöchentliche Besuch der beiden findet in der ersten Stunde zunächst in einer Bewohnergruppe statt. In der zweiten Stunde besucht Jeanny Menschen, die nicht mehr ihr Bett verlassen können, die aber den Kontakt zum Tier lieben, es auch gerne streicheln, wenn ihnen das noch möglich ist. Ein echter Glücksfall, denn in der ganzen Zeit des gemeinsamen Ehrenamts musste nur einmal ein Besuch ausfallen - weil´s dem Hund nicht gut ging.
Für das Gruppenangebot kommen geistig orientierte und nicht orientierte Menschen zusammen. Bereits vor 14:00h treffen die ersten Tierliebenden erwartungsvoll im Gemeinschaftsraum ein. Ein Herr und seine Nachbarin, beide im Rollstuhl, warten auf den Besuch. Sie unterhalten sich angeregt. Weitere Personen kommen oder werden vom Personal gebracht. Und dann erscheint Jeanny mit ihrem Herrchen in der Runde und begrüßt alle nach und nach. Das Tier erhält Apfelstückchen als Leckerlis, die es besonders liebt, von den Bewohnern und von der „therapeutisch anleitenden“ Anne Eiden.
Nicht alle Anwesenden reagieren sofort auf das Tier. Einige wirken zunächst lethargisch und müde. Doch das ändert sich langsam. Erinnerungen werden wach und es kommt ein Gespräch in Gang. Eine Frau berichtet, dass sie im Frankfurter Gallusviertel in einer Bäckerei aufgewachsen sei. „Wir hatten da drei Schäferhunde gehabt, die nicht zimperlich waren.“ Sie hätten auch mal geknurrt, was die Kundschaft aber nicht abgehalten habe. Immer mehr Leute klinken sich in das Gespräch ein, erzählen Hundeanekdoten. „Mein Hund war bei mir im Bett“, erzählt eine Dame, eine andere berichtet gleiches über ihre Katze. Herr S. kommentiert eine Unmutsäußerung beschwichtigend und meint: „Das Leben ist zu kurz, um es durch Unmut zu versauern.“
Eine Dame erzählt aus ihrer Kindheit in der Frankfurter Kuhwald-Siedlung, in der traditionell Eisenbahnpersonal lebte. „Meine Eltern haben dort fünf Hühner gehalten“. Und dass man als Frankfurter Schüler mindestens einmal im Schullandheim Wegscheide gewesen sein musste, wurde von vielen bestätigt. „Wir waren in der vierten Klasse dort“, äußert eine Bewohnerin, „und wir in der neunten“, eine andere. Jeanny hat sich unterdessen flach auf den Boden gelegt, sie ruht sich aus und wartet auf ihren wohl anstrengensten Einsatz. Auch ihrem Ruhebedürfnis muss verantwortlich Rechnung getragen werden.
Jeanny bezaubert
An diesem Nachmittag besucht Jeanny noch vier bettlägerige Bewohnerinnen, die nicht auf sie verzichten sollen. Die Diagnosen lauten: Multiinfarkte, Altersdemenz, Depression, Alzheimer. Die zuerst besuchte Dame hatte einen schweren Schlaganfall, kann sich nicht mehr äußern und kann das Tier auch nicht mehr streicheln. Durch nonverbale Verständigung mit Augenkontakt weiß Anne Eiden, dass die Frau Hunde mag. Bevor sich Jeanny bei ihr aufs Bett schwingt – der Hund macht das von sich aus – legt Anne Eiden ein Schutztuch über den Bettbezug. Die Frau kann wegen ihrer Erkrankung kaum reagieren, doch sie schaut auf, macht einen lebendigeren Eindruck in dem Moment, als das Tier ihr nah ist.
Im nächsten Zimmer wartet eine ehemalige Malerin auf den Hundebesuch. Ihre Bilder hängen im Haus und demonstrieren auf erschreckend anschauliche Weise den Verlauf der Erkrankung. Anne Eiden berichtet, dass Jeanny bei ihr fast ein Wunder bewirke. Die ansonsten im Bett liegende und völlig auf sich zurückgezogene Frau stemmt beim ehrenamtlichen Besuch die Arme auf, um den Hund zum Streicheln zu erreichen. Ihr Gesicht entspannt sich und es entsteht gar ein Lächeln. Wenn Jeanny wie hier „verzaubert“, freut das auch Reinhard Wicke, dem sein Ehrenamt in den vergangenen Jahren ans Herz gewachsen ist.
Türöffner
Für die Mitarbeiter und Bewohner im Seniorenstift Kronthal ist die Einbeziehung von Tieren in den Lebensraum Altenpflegeheim sehr wichtig geworden: Es ist erstaunlich, in welcher weise Tiere als „Türöffner“ zu emotionalen Äußerungen werden und dies in Ergänzung zu therapeutischen Methoden sinnvoll im Heimalltag genutzt werden kann. Das Besondere: Auch Bettlägerige sollen in Kronthal nicht auf den Hundebesuch verzichten, wie die über 100 Jahre alte Rosa B. Sie gibt Jeanny mit Vorliebe Leckerlis in die kleine Hundeschnauze, wenn diese auf ihrem Bauch sitzt. Dann ist der Kontakt mit dem Tier Balsam für die Seele.
Beate Glinski-Krause ( Frank P. Egerer, Anne M. Eiden)
Mit freundlicher Unterstützung: Deutsche Bank
Quelle: FFA - FRANKFURTER FORUM FÜR ALTENPFLEGE
(
www.ffa-frankfurt.de)