Künftige Seniorengenerationen werden ganz andere Ansprüche ans Wohnen im Alter stellen
Rund 9.300 Pflegeeinrichtungen für alte Menschen gibt es zurzeit in Deutschland – Tendenz steigend. Anleger sehen angesichts des demografischen Wandels in Altenpflege-Immobilien eine gute Zukunftsinvestion. Mit dieser Einschätzung könnten sie jedoch fundamental falsch liegen, befürchtet Prof. Christel Bienstein, Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaft der privaten Universität Witten-Herdecke.
„Ob im erwarteten Ausmaß Alteneinrichtungen der heutigen Generation benötigt werden, ist sehr in Frage zu stellen“, so Prof. Bienstein auf der Veranstaltung „Pflege 2030 – Boombranche oder Pflegefall?“ der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW;
www.bgw-online.de) Ende November in Hamburg. „Hier muss es einen grundlegenden Veränderungsprozess geben.“ Der Wunsch der Bürgerinnen und Bürger sei es, in den eigenen vier Wänden alt zu werden. Dieser gehe jedoch in den meisten Fällen nicht in Erfüllung.
70 Prozent der Bewohner kamen unfreiwillig ins Altenheim
Besonders hochbetagte Menschen, die wegen eines gesundheitlichen Zwischenfalls unerwartet ins Krankenhaus kommen, können oftmals nach dem Klinikaufenthalt nicht wieder in die eigene Wohnung zurückkehren. Da es in Deutschland zu wenig Angebote geriatrischer Rehabilitation oder rehabilitativer Kurzzeitpflege gibt und auch eine häusliche Unterstützung in vielen Fällen nicht möglich ist, bleibt nur die Übersiedlung in eine Pflegeeinrichtung. Geschätzt wird, dass rund 70 Prozent der Menschen, die in Alteneinrichtungen leben, gegen ihren Willen dorthin „umgezogen wurden“ – ein Weg zurück in die eigene Wohnung ist nur einem verschwindend geringen Anteil möglich.
„Neue Alte“ wollen andere Versorgungsangebote
Prof. Bienstein: „Bis heute unterscheidet sich die stationäre Versorgung deutlich von der häuslichen. Die vertraute Umgebung, das soziale Umfeld, der individuell gestaltete Tagesablauf kann nicht erhalten bleiben. Menschen im hohen Alter müssen sich hier einem Veränderungsprozess stellen, der nicht von ihnen selbst gewählt und nur eingeschränkt beeinflusst werden kann.“
Aus diesem Grunde sei es notwendig, über erweiterte Formen der Versorgung pflegebedürftiger älterer Menschen nachzudenken – über neue Formen, die dazu beitragen, dass alte Menschen in der eigenen Häuslichkeit wohnen bleiben können, über neue Wohn- und Versorgungsmodelle, die unterschiedliche Bedürfnislagen berücksichtigen, sowie über neue Träger- und Organisationsmodelle. „Besonders die zukünftige Generation der Alten wird sich mit den jetzt zur Verfügung stehenden Angeboten nicht zufrieden geben“, war sich Prof. Bienstein auf der BGW-Veranstaltung sicher.
Ausweitung von Kontrollen bringt nichts
Darüber hinaus ist es notwendig, eine kompetente Versorgung auch aus personeller Sicht zu gewährleisten. „Die Pflege der Zukunft braucht Mitarbeiter, die motiviert sind, die ihre Arbeit als Bereicherung erleben und die persönliche Entwicklungsmöglichkeiten mit ihr verbinden“, sagte Prof. Bienstein vor dem Hintergrund der erheblichen physischen und psychischen Belastungen sowie der geringen Karrierechancen des Pflegeberufs. Das Augenmerk müsse sich auf drei Faktoren konzentrieren: auf die personelle Ausstattung, auf die fachliche Qualifikation und Weiterentwicklung sowie auf das Organisationsmanagement. „Dies kann nicht durch eine Ausweitung von Kontrollen erreicht werden; hier muss die Branche noch erhebliche Anstrengungen unternehmen“, so Prof. Bienstein.
Quelle: BGW - Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (
www.bgw-online.de)